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  • 03/22/18--04:09: abrahamitisch
  • S!|karikatur: seine heiligkeit st.hotte seehofer

    aus einem bericht der "welt" zur regierungserklärung: 

    Den heikelsten Punkt erreichte Merkel dann, als sie sich zur Rolle des Islam äußerte. Sie ging damit bewusst auf die von ihrem Innenminister Horst Seehofer (CSU) angestoßene Debatte ein. Der hatte gesagt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. „Es steht völlig außer Frage, dass die historische Prägung christlich und jüdisch ist“, sagte Merkel. „Doch so richtig das ist, so richtig ist es auch, dass mit den 4,5 Millionen bei uns lebenden Muslimen ihre Religion, der Islam, inzwischen ein Teil Deutschlands geworden ist.“ Viele hätten ein Problem damit, diesen Gedanken anzunehmen – „und das ist auch ihr gutes Recht“. Als Bundesregierung habe man eine übergeordnete Aufgabe – „dass am Ende durch konkrete Politik der Zusammenhalt größer und nicht kleiner wird“.

    CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt und sein parlamentarischer Geschäftsführer Stefan Müller, die in der ersten Unionsreihe saßen, wollten darauf nicht mit Applaus reagieren – so wie alle CSU-Abgeordneten. Auch in der AfD rührte sich keine Hand, dafür klatschten weite Teile von CDU, SPD, FDP, Grünen und einige Linke. Es ist ein beispielloser Vorgang, dass die Kanzlerin in ihrer ersten Regierungserklärung einen ihrer neuen Minister öffentlich korrigiert.

    Ein Facebook-Eintrag, der die CDU entsetzte

    Seehofer behielt die Fassung und blickte weiter in den Saal, Dobrindt hingegen verbarg sein Gesicht und konzentrierte sich auf den Tisch vor ihm. Am Montag hatte er die Landesgruppe über Seehofers Haltung abstimmen lassen. Alle stellten sich hinter den CSU-Parteichef. Mit diesem Ergebnis im Rücken legte Dobrindt am Dienstag noch nach, indem er sagte, der Islam, „egal in welcher Form“, gehöre nicht zu Deutschland.

    Das ging dann auch vielen in der CDU zu weit. Dort war man auch entsetzt über ein Facebook-Posting der CSU-Führung, auf dem eine Burkaträgerin zu sehen ist neben dem Ergebnis einer Umfrage, wonach zwei Drittel der Bürger Seehofers Meinung teilen.

    Merkel rüffelte Seehofer im Bundestag also nicht nur als Kanzlerin, sondern äußerte sich gerade auch als CDU-Chefin. Dobrindt konnte da nicht an sich halten. Die Muslime, die hier lebten, seien Teil Deutschlands, hob er in seiner Rede drei Stunden nach der Kanzlerin an. „Aber wir sind ein christlich geprägtes Land. Das anzusprechen ist richtig, weil man auch denen, die zu uns kommen, sagen muss, wohin sie sich überhaupt integrieren sollen.“

    Die überwiegende Mehrheit der Menschen wolle, dass Deutschland ein christlich geprägtes Land bleibe. Und dann donnerte der CSU-Landesgruppenchef ins Plenum: „Deshalb sage ich: Der Islam gehört nicht zu Deutschland!“ Nun war es Merkel, die konsterniert auf den ihre Tischplatte blickte.

    So wurde der Bundestag zum Start der Regierung zum Wiederaufführungsort des alten, angeblich doch beigelegten Unionsstreits über die Migrationspolitik. Der Rest, die Beiträge der Opposition, die Diskussion über die Kultur- und Digitalpolitik gerieten zu Randnotizen dieses Nachmittags.


    und ich sag es noch einmal: 

    mein gedankenblitz - und mein lösungsvorschlag - zu diesem unions/afd-Dilemma:
    "die 'abrahamitischen' religionen  - also judentum, islam, christentum - alle drei betrachten den ollen 'abraham' als ihren stammvater - und erzählen in ihren schriften fast die gleichen geschichten über ihn... - sie gehören alle drei unverbrüchlich zu deutschland, zu uropa und zum abendland, zum fernen und zum nahen osten - zur sinai-halbinsel mit israel und palästina - zu russland, türkei, kurdistan, iran, irak usw. usf. !!! - das wäre dann der gleiche nenner und damit die gleichung, die viel unheil aus der welt schaffen würde - alles andere ist streit um des kaisers bart ...-S!



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    Abtreibung

    Wen wir leben lassen

    Wir sind stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir sind. Wenn es jedoch darum geht, behinderten Kindern den Weg ins Leben zu ermöglichen, tun wir als Gesellschaft einiges dafür, dass dies möglichst unterbleibt.

    Eine Kolumne von Jan Fleischhauer | spiegel.de

    Im vergangenen Jahr wurden in Deutschland 101.200 Kinder abgetrieben. Im Jahr zuvor waren es den Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge 98.700.

    Niemand weiß, warum die Zahl der Abtreibungen - oder wie man vornehm sagt: der Schwangerschaftsabbrüche - wieder zunimmt. Es interessiert auch kaum jemanden wirklich. Abtreibung ist ein unangenehmes Thema. Wir haben uns als Gesellschaft darauf verständigt, darüber lieber nicht zu reden. Wer abtreiben will, soll es tun - aber er soll die Öffentlichkeit nicht mit den Details behelligen.

    Es gibt nicht viele Themen, die ein vergleichbares Unbehagen auslösen - und die deshalb so geeignet sind, für Ärger zu sorgen. Jeder Mensch, der ein Herz hat, weiß, dass es falsch ist, menschliches Leben zu beenden. Wir beruhigen uns damit, dass in diesem Fall das Thema rechtlich irgendwie gelöst scheint. Deshalb gilt auch jeder als Störenfried, der, wie der neue Gesundheitsminister Jens Spahn, daran erinnert, dass Abtreibung Unrecht bleibt.

    Der Anteil verheirateter Frauen ist erstaunlich hoch

    Ich habe mir die Abtreibungszahlen genauer angesehen. Dabei ist mir aufgefallen, dass der Anteil verheirateter Frauen erstaunlich hoch ist. Die Mehrzahl der Frauen, die sich für eine Abtreibung entscheidet, lebt, so darf man annehmen, in einer festen Partnerschaft. Es ist also in vielen Fällen nicht die Angst, nach einer Geburt allein dazustehen, die Frauen dazu veranlasst, eine Schwangerschaft zu beenden.

    Es kann viele Gründe geben, sich gegen ein Kind zu entscheiden. Vielleicht hat man schon mehrere Kinder und traut sich kein weiteres zu. Oder man will seine Berufsaussichten nicht gefährden. Ich vermute, dass sich hier auch der Einfluss der Pränataldiagnostik zeigt, die heute zum Standard gynäkologischer Beratung gehört. Ein Screening beim Frauenarzt und schon ein paar Tage später hält man den Befund in Händen, ob das Kind genetische Auffälligkeiten zeigt.

    Es ist schwer, an Belege zu kommen, welche Auswirkungen diese Form des Gesundheitstests auf die Geburtszahlen hat. Es gibt Schätzungen, wonach neun von zehn Frauen, die vom Arzt hören, dass ihr Kind behindert zur Welt kommen wird, sich für einen Abbruch entscheiden. Genau weiß man es nicht, weil weder die Zahl der Kinder erhoben wird, die an Fehlbildungen leiden, noch die aufgrund einer ungünstigen Prognose eingeleiteten Schwangerschaftsabbrüche. Man muss fast den Eindruck gewinnen, dass wir es gar nicht so genau wissen wollen, so schlecht ist die Datenlage.

    Wir sind wahnsinnig stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir eingestellt sind

    Niemand würde öffentlich sagen, dass er Behinderung als Strafe empfindet. Manche tilgen das Wort "behindert" aus dem Sprachschatz und sprechen lieber von "unterschiedlich begabt". Wir sind wahnsinnig stolz darauf, wie inklusiv und liberal wir eingestellt sind. Aber wenn es darum geht, behinderten Kindern den Weg ins Leben zu ermöglichen, tun wir als Gesellschaft alles dafür, dass dies möglichst unterbleibt. Das ist das düstere Geheimnis der Abtreibungszahlen.

    Meine Kollegin Sandra Schulz hat vor ein paar Monaten ein Buch darüber veröffentlicht, wie es einer Frau ergeht, die sich dafür entscheidet, ein Kind mit Downsyndrom auszutragen. "Haben Sie sich das auch gut überlegt", ist noch einer der freundlichen Kommentare, die man in so einem Fall als Mutter zu hören bekommt. Das medizinische System ist darauf angelegt, Behinderung als eine Störung zu verstehen, die man behebt, bevor der Schadensfall irreversibel ist.




    Ich kenne niemanden mit Downsyndrom. Aber ich kann mir vorstellen, dass Menschen mit Trisomie 21 es sehr eigenartig finden, dass sie immer weniger werden, weil die Gesellschaft beschlossen hat, Trisomie 21 als ein Schicksal anzusehen, das man keinem Elternpaar zumuten kann. Ich glaube auch nicht, dass irgendjemand mit Downsyndrom von sich sagt, er wünschte, er wäre nicht geboren worden.

    Das ist nicht normal, es ist zum Verzweifeln

    Man kann sich damit trösten, dass ein Fötus lediglich ein Zellhaufen sei, der nichts empfindet. Aber erstens stimmt das nur bedingt. Wer die Bücher aufschlägt, in denen Schwangere über die Zeit bis zur Geburt aufgeklärt werden, bekommt einen anderen Eindruck. Ab der zehnten Woche kann das Baby den Kopf bewegen. In der elften Woche beginnt es zu gähnen, eine Woche später an den Fingern zu lutschen.

    Und bei der zwölften Woche liegt ja noch nicht die Grenze. Wenn ein Arzt bescheinigt, dass einer Mutter eine Schwangerschaft aus schweren psychischen Gründen nicht zuzumuten sei, geht eine Abtreibung auch später. Wer sich mit der Praxis der Spätabtreibung vertraut gemacht hat, kann nicht glauben, dass dies in Deutschland erlaubt ist.

    Ich weiß keine Lösung. Aber ich würde mir wünschen, wir würden 101.200 Abtreibungen pro Jahr nicht als normal betrachten. Tatsächlich sind sie zum Verzweifeln.


    ich tue mich ebenso schwer beim thema "abtreibung". als 68er habe ich ja im stillen das immer mit mir herumgetragen, dass abtreibung sicherlich auch mit eine "errungenschaft" der allgemeinen gesellschaftlichen und sexuellen liberalisierung nach 68 ist - und gleichzeitig liegt für mich über diesem thema eben doch mehr fluch als segen.

    ich habe viele jahre mit mehrfachbehinderten menschen beruflich verbracht - war ganz nah bei schwerstbehinderten kindern - und meine kolleg*innen und ich waren und sind der überzeugung, dass wir für alle das leben lebenswert gestalten können und müssen.

    wir mussten teilweise mit dem arzt regelrecht um das leben kämpfen, wenn beispielsweise der wolfgang in einen epileptischen anfalls-status geriet - wir haben dann gewacht - und um sein leben gebangt.

    als heimleiter hinterher hatte ich dann begegnungen mit jungen menschen auch mit down-syndrom - wahrhaftige individualisten und anarchisten - die ich teilweise regelrecht bewundert habe für ihren mut und ihre unbekümmertheit und ihren "dickkopp".

    ich kann es nicht verstehen, warum "sozial" gebildete menschen und ärzte schwangeren frauen zur abtreibung raten, wenn in der immer noch unsicheren pränatalen untersuchung ein down-syndrom angeblich "zweifelsfrei" diagnostiziert wird.

    am erschreckendsten ist für mich, dass dann die argumentationen der ns-ärzte und ns-sozialarbeiterinnen fast punktgenau wiederholt werden, wenn die damals per gesetz zur zwangssterilisation trieben - und dann gar zur massentötung, die sie verschämt auch noch "euthanasie" - den "schönen tod" titelten.

    damals wie heute spricht man menschen dabei ihre lebenslust ab und bestimmt final über sie - damals per reichsgesetz - heute bleibt das mehr in den familien und den genetischen oder anderweitigen beratungsstellen oder wird eben wie bei maria recht einsam "im herzen bewegt" ... - und über dem ganzen prozedere liegt eben immer diese dunstglocke des schweigens - dieses im grunde "schlechte gewissen" - dieses verhängnisvolle abspalten und verdrängen-wollen ...

    durch die recherche zum euthanasie-tod meiner tante erna kronshage ist mir diese parallele in der argumentation damals zu heute noch einmal klar geworden.

    und trotzdem habe ich respekt vor jeder individuellen entscheidung der mütter und der eltern in dieser hinsicht. 

    dahinter stehen heutzutage jeweils existenzielle individual-entscheidungen - und keine frau geht diesen schritt einfach "aus bequemlichkeit" - und jens spahns bezugnahme und vergleich mit dem tierschutz ist völlig indiskutabel. das ist einfach populismus pur auf dem niveau von pegida und unterhalb der afd - stammtischniveau ...

    neulich hat irgendwer dem "loddar" matthäus mit auf den weg gegeben, "empathie" sei kein italienischer linksverteidiger, als loddar sich über herrn mertesacker echauffierte, der seinen druck im profifußball "bis zum kotzen" vor fast jedem spiel offenbarte ... 

    diesen aufruf für mehr ernsthafte "empathie" für die frauen, die sich zur abtreibung entschlossen haben und die, die die kohlmeisen vorm fenster füttern, möchte ich von herrn spahn einfordern.

    wenn wir "dem lieben gott ins handwerk pfuschen" ist das immer noch eine ethisch-moralische herausforderung, der wir "reinen gewissens" kaum gewachsen sind.

    und wir können dann eine prophylaxe vor pathologischen entwicklungen dazu eigentlich weniger durch verschweigen entwickeln - als durch aufarbeitung und "reden" und global in einem beständigen ernsthaften gesellschaftlichen diskurs ... - S!  


    leben hat seinen preis: babywäsche im flüchtlingscamp idomeni


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    Zaritsa. Viele halberfrorene Störche finden in Bulgarien Asyl in den Häusern mitleidiger Einwohner. Den Anfang machte Safet Halil aus dem kleinen Dorf Sariza. Der 53-jährige Straßenarbeiter fand fünf Störche mit gefrorenen Flügeln in der Nähe der Dorfstraße und nahm sie kurzerhand bei sich auf. Seitdem teilt Halil sein Bett mit seinen gefiederten Gästen und kauft ihnen extra Fisch zu fressen. Andere Einwohner rund um die Stadt Dulowo folgten seinem Beispiel. 40 Störche konnten auf diese Weise bereits vor dem Kältetod gerettet werden. Halil will seine Schützlinge noch ein paar Tage bei sich behalten. Es herrschten immer noch "drei Grad minus, und das Wetter wird noch schlechter". Foto: AFP

    © 2018 Neue Westfälische
    03 - Bielefeld Süd, Freitag 23. März 2018

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  • 03/23/18--00:53: aneignung
  • S!|art: aneignung: 23-03-18

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    Copyright: Welt Edition, Montage: Welt HD/Welt Edition


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    kirche im dorf



    FAMILIENGESCHICHTE

    Opa, wo warst du 1968?

    Von Sebastian Gubernator |  welt.de


    Die Studentenbewegung von 1968 protestierte gegen angeblich verkrustete Gesellschaftsstrukturen im Deutschland. Doch abseits der Uni-Städte ging es geruhsam zu. Wie wurde dort gelebt? Ein Enkel hat im Jubiläumsjahr nachgefragt.

    Neulich habe ich Opa nach Rudi Dutschke gefragt. Nicht dass er Dutschke persönlich gekannt hätte, aber er kannte zumindest die damalige Zeit, und das kann auch spannend sein. Wer mit Zeitzeugen in der Familie spricht, lernt ja immer etwas über sich selbst. Früher erzählten die Opas vom Krieg, heute von den Achtundsechzigern.

    Über die wird im Moment viel diskutiert, 50 Jahre danach. Es ist ein Jubiläumsjahr, in den Fernsehstudios und Zeitungskommentarspalten werden die Achtundsechziger verklärt und verteufelt, oft von Leuten, die selbst Teil der Bewegung waren. Die einen wollen die Vergangenheit verteidigen, die anderen blicken beschämt zurück. Und jeder glaubt, die eine, unumstößliche Wahrheit zu kennen.

    Also, Opa, wie war das so?

    Opa klingt überrascht. Er muss nachdenken, tief im Gedächtnis kramen, und das wiederum überrascht mich: Waren die Proteste der Achtundsechziger nicht eine Zäsur? Haben sie nicht das Volk gespalten, jeden und jede dazu veranlasst, sich eine Meinung zu bilden? Opa lacht, wie er immer lacht, leise und lang. Er könne gar nicht viel dazu sagen, sagt er, das sei ja alles so lang her.

    Opa wurde ein paar Jahre nach Franz Josef Degenhardt geboren und ein paar Jahre vor Rudi Dutschke. Ulrike Meinhof wäre, würde sie noch leben, heute ungefähr so alt wie er. 1968 war er 33. Etwas zu alt, um sich mit Studenten und Oberschülern in Wasserwerferschlachten zu stürzen, jung genug, um Fragen an die NS-Generation zu haben, an „die Verhältnisse“ oder „das System“. Aber er hatte keine Fragen. Er hatte Sorgen, und zwar ganz andere als die Demonstranten in Bonn und West-Berlin. Er musste eine Familie ernähren, seine Frau und drei Kinder. Das Wirtschaftswunder hatte vieles besser gemacht, aber die Erinnerung an die Armut der Nachkriegsjahre saß.

    Opa war kein Achtundsechziger. Er wohnte in einer sehr kleinen, sehr katholischen Stadt, in der er noch heute wohnt, zwischen Eifel und Mosel. Als Benno Ohnesorg erschossen wurde, war er gerade mit seiner Familie umgezogen, sie hatten ein Reihenhaus am Ende einer langen Straße bekommen. Während andere gegen die Notstandsgesetze demonstrierten, nahm er Fahrstunden. 1969 kaufte er sein erstes Auto, einen VW Käfer. Er sah seine Kinder mit Schultüte. Opa wollte keine Revolution, er wollte Zukunft.

    Montag bis Freitag arbeitete er in einem Amt. Morgens um 8 Uhr kam er dort an. Um 13 Uhr, in der Mittagspause, holte er die Kinder von der Schule ab und ging nach Hause. Um 14 Uhr saß er wieder am Schreibtisch. Rechnungen prüfen, Dokumente unterschreiben. Den Haushalt eines ganzen Landkreises kontrollieren. Um 17.30 Uhr ging er heim, dort las er oft noch, was er für die Arbeit so zu lesen hatte. „Bundesgesetzblatt“. „Ministerialblatt“. „Die Kommunale Steuer-Zeitschrift“. Er schaute Nachrichten, meistens ARD.

    Opa arbeitete für den Staat, den andere infrage stellten.

    In den Nachrichten sah er, was weit entfernt schien. Die Proteste in den Studentenstädten. Den Rücktritt des Regierenden Bürgermeisters Heinrich Albertz. Die Osterunruhen. „Man hat darüber gesprochen“, sagt er, „aber man hatte wirklich andere Sorgen als die Dinge, die sich irgendwo in der Republik abspielten.“ Wenn er sich doch mal darüber Gedanken machte, dann war er skeptisch. „Wir wollten unsere Ruhe und unseren Frieden. Was sollten diese Krawalle?“ In seiner Stadt gab es keine Aufstände, keine Menschen, die „anders“ waren. Zumindest kannte er keine. Man ging zur Kirche und wählte die CDU. Am 1. Mai ging man wandern.

    Für viele war es ein normales Jahr

    Opa war wirklich kein Achtundsechziger. Er weiß nicht mal viel über die Achtundsechziger, erinnert sich „nur dunkel“ an die Nachrichten, die „man so konsumiert hat“, Schlagzeilen vom anderen Ende des Landes. Für mich, einen Mittzwanziger, ist Rudi Dutschke ein Mann aus Geschichtsbüchern, ein ewig junges Gesicht auf Schwarz-Weiß-Fotos. Er ist auch eine Straße, durch die ich zur Arbeit gehe, die Rudi-Dutschke-Straße in Berlin. Mehr nicht. Für meinen Opa, einen Zeitzeugen, ist Dutschke noch weniger. Eine längst verblasste Erinnerung an hornbebrillte „Tagesschau“-Moderatoren, die Nachrichten aus West-Berlin vortrugen. Er bekam das mit, aber es bestimmte nicht seinen Alltag.

    Wenn dieser Tage über 1968 diskutiert wird, wird oft vergessen, dass es für viele ein ganz normales Jahr war. Opa ging zur Arbeit, machte seine Steuererklärung, mähte den Rasen. Es war ein fundamental anderes Jahr als das, das ich aus Dokumentarfilmen kenne. Sicher war es langweiliger, weniger politisch. Aber es war, das wird oft vergessen, das 1968 der Mehrheit.

    In der Welt, in der mein Opa lebte, gab es keine Frankfurter Schule und keine Hörsaalbesetzungen, nicht mal Hörsäle gab es. Die Achtundsechziger waren, auch das wird gern vergessen, eine Bildungselite. Mein Opa hat einen Volksschulabschluss gemacht und sich dann hochgearbeitet. Natürlich hätte er sich trotzdem einmischen können. Er hätte Flugblätter schreiben können, aber seine Familie war ihm wichtiger. Er hätte gegen die Springer-Presse sein können, gegen die „Bild“, aber er wusste nicht mal so genau, was drinstand. Opa las die „Trierische Landeszeitung“.

    War er ignorant, weil er ignorierte, was schieflief in Deutschland? Davon gab es ja genug: Studenten wurden von Polizisten verprügelt. Professoren führten sich auf wie Götter. Ehemalige NSDAP-Mitglieder saßen im Bundestag. Benno Ohnesorg wurde erschossen, Rudi Dutschke lebensgefährlich verletzt. Opa nahm das zur Kenntnis, ohne etwas zu unternehmen. Das mag bequem gewesen sein. Aber waren diejenigen, die Ho Chi Minh verehrten und vom Kommunismus träumten, besser?

    Wenn dieses Jahr diskutiert wird, dann wird es auch um die Deutungshoheit gehen. Darum, wer mit letzter Sicherheit sagen kann, wer die Achtundsechziger waren und was sie erreicht haben. Ich glaube, viel zu viele waren radikal. Sie waren fehlgeleitet, wenn sie kommunistische Diktatoren hochleben ließen. Sie waren weltfremd, wenn sie dachten, mit Karl Marx die Probleme der Bundesrepublik lösen zu können.

    Auf der anderen Seite stießen sie die Tür auf für Wichtiges und Richtiges, was nach ihnen kam: Die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt, die Friedensbewegung, die Frauenbewegung, die Umweltbewegung, die Lesben- und Schwulenbewegung wuchsen im Windschatten der Achtundsechziger – und machten Deutschland zu einem besseren Ort.

    Egal wie man sie bewertet, eines sollte man in diesem Jubiläumsjahr im Kopf behalten: Die Achtundsechziger waren eine Minderheit. Mein Opa war sicher nicht repräsentativ, aber im Kern waren die meisten Deutschen wie er. 1968 war nicht nur das Jahr der Revolution, es war auch das Jahr des Rasenmähens und Kindergroßziehens.

    DIE WELT © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.


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    ich bin 12 jahre jünger wie "opa" - und in bielefeld sammelten sich abspaltungen des harten kerns der 68er. in bethel gab es viele zivildienstleistende, die den 68ern nahestanden oder sogar ein teil von ihnen waren. insofern erinnere ich mich anders an 68 als "opa". es war eine äußerst spannende zeit - und natürlich war ich "links" - und natürlich wählte ich nicht cdu, und natürlich war mir die springer-presse ein gräuel, die verschmäht wurde. und meinen schwiegervater damals habe ich überredet, keine "bild"-zeitung mehr zu lesen - und gemeinsam schauten wir das interview mit rudi dutschke in der ard von günter gaus - am 3.12.1967.


    schwiegervater und ich - wir waren damals "genossen" in der spd - also gemäßigter als der harte kern damals. aber schwiegervater war ja schon in der spd, als das noch eine echte "sozialistische" partei war - so von "arbeiterklasse" redete und "brüder zur sonne - zur freiheit" voller insbrunst sang - und am 1. mai die kundgebung der ig metall besuchte. von daher waren ihm die ziele des sds und rudi dutschke durchaus geläufig ... schwiegervater war infolgedessen in der "volksfürsorge", in der gewerkschaft sowieso - und mitglied in der geg-konsumgenossenschaft - und las morgens die FREIE PRESSE bis sie dann zur NEUEN WESTFÄLISCHEN (zeitungen mit direkter spd-beteiligung) zusammenschrumpfte - alles ganz selbstverständlich  damals...

    und ich verweigerte damals meinen "kriegsdienst mit der waffe" - nach 9 monaten wehrdienst: das war schwierig damals - besonders als gefreiter der bundeswehr und ausgebildeter funker - so richtig noch mit anhörung vor dem "untersuchungsausschuss" - und das muss man sich mal vorstellen - so schwachsinnige "fangfragen":
    "sie gehen mit ihrer frau durch einen park. plötzlich springt ein russe aus dem gebüsch - und will ihre  frau vergewaltigen - was machen sie?" 
    und wenn man dann nicht die richtige antwort gab, wurde man nicht anerkannt als kriegsdienstverweigerer ... - die richtige antwort lautete in etwa: man muss unterscheiden zwischen einer persönlichen natürlichen gefahrenabwehr - der persönlichen notwehr - und der ausbildung an einer feuerwaffe, mit der man auf befehl eines dritten - ohne direkte persönliche betroffenheit - jemanden für eine "höhere idee" töten konnte oder töten musste.

    im alltag damals - in der grundausbildung bei der bundeswehr - gab es durchaus hier und da schon bzw. noch "braunes gedankengut" - besonders der ganz alten "lametta-träger" aus adolfs freiwilligenheer - oberstleutnante - oder so etwas ...

    ich erlebte da so einen oberstleutnant als fahrlehrer, der - fast 60 jahre alt damals - vor jeder fahrprüfung erst 2-3 schnäpse trinken musste - "zur beruhigung" ...

    mein kompaniechef damals, vor dem ich meine verweigerung "bekunden" musste, war ein gewisser hauptmann von oldenburg - vielleicht verwandt mit der heutigen afd-abgeordneten frau von storch, geb von oldenburg - wer weiß ...

    auf alle fälle habe ich seitdem ja ein staatlich geprüftes gewissen - und leistete in den letzten 9 monaten von meiner insgesamt 18-monatigen dienstzeit (!) meinen zivildienst in bethel ab - was ich dann auch zum einstieg in einen neuen beruf genutzt habe - mein alter lehrberuf des schriftsetzers war ja da allmählich passé - in der ersten welle der industriellen "revolution"...

    diese massiven umbrüche in der arbeitswelt damals werden heutzutag in der diskussion um die zielsetzungen und notwendigkeiten der 68er kaum bedacht. 68 war aber der vorabend einer ab dann immer stärker werdenden arbeitslosigkeit aufgrund der automatisierungen und der allmählich einsetzenden digitalisierungen und der freisetzung menschlicher arbeit dadurch - bis tief in die 80er jahre hinein - so war das damals nämlich auch - aber davon hat "opa" als finanzbeamter in einer landgemeinde ja sooooviel nicht mitbekommen - er wollte ja seine ruhe haben - und musste für die familie sorgen ...

    zum schluss: hoffentlich fragen in vielen familien junge menschen ihren opa oder ur-opa: "wie war das damals ?" - 1968 - aber auch: wie war das damals von 1933 - 1945: wo warst du, opa, damals ... - und wo ist damals onkel willi geblieben - und warum wurde in den 60er jahren plötzlich der dorfarzt in den einstweiligen ruhestand befördert ... 

    denn wenn nicht die 68er doch einiges in gang gesetzt hätten, was heute noch von belang ist, dann würde doch über diese zeit davor auch der mantel des schweigens gedeckt - wie das bei "opa" ja schon ansatzweise stattfindet ...  - S!

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    ARD - Bruce Nauman im Schaulager in Basel 

    Eine umfassende Retrospektive im Schaulager in Basel präsentiert frühe und ganz neue Werke des einflussreichen US-Künstlers Bruce Nauman.

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    Eindrücke vom „March for our lives“

    „Wir bewaffnen uns mit Bildung“

    Die RednerInnen auf der Demonstration in Washington sind direkt, emotional und visionär. Sie glauben daran, dass sie etwas ändern können.


    Es waren die größten Massenproteste seit Jahrzehnten: Allein in Washington D.C. kamen rund 800.000 Menschen zusammen, weitere Tausende gingen am Samstag an Hunderten von Orten in den USA und auch in einigen Europäischen Städten für schärfere Waffengesetze auf die Straße. Knapp sechs Wochen nach dem Blutbad an der Marjory-Stoneman-Douglas Schule in Parkland, Florida, waren die Demonstranten dem Aufruf einer Gruppe von Überlebenden gefolgt. Die RednerInnen in Washington D.C., zwischen neun und 18 Jahren alt, forderten Reformen, die von dem Verbot von halbautomatischen Sturmgewehren bis hin zu einer Beschränkung des Fassungsvermögens von Waffenmagazinen und einer genauen Überprüfung jedes potenziellen Waffenkäufers reichen.

    Ryan Deitsch, der das Massaker an der Stoneman Douglas High School überlebte, forderte in seiner Rede Papier und Stifte statt Waffen für Lehrer. Wütend sprach der erst 18-Jährige, der bereits zwei Amokläufe miterlebte, ins Mikrofon: „Wir müssen unsere Lehrer mit Bleistiften, Füllern, Papier und dem Geld, das sie brauchen, bewaffnen“. Mit kräftiger Stimme setzte er nach: „Wir müssen auch unsere Schüler bewaffnen – mit Fakten, Bildung, und dem Wissen, das sie brauchen, um in der echten Welt zu leben“.



    Das Wort ergriff auch die erst elf Jahre alte Naomi Wadler aus Alexandria in Virginia. Die afroamerikanische Grundschülerin lächelte zunächst verlegen angesichts der großen Menge an Demonstranten vor ihr, die ihr lautstark zujubelten. Dann sprach sie mit ernster Stimme über erschossene, schwarze Jugendliche in ihrer Nachbarschaft.

    „Ich bin hier um die afroamerikanischen Mädchen zu würdigen und zu repräsentieren, deren Geschichten es nicht auf die Titelseite schaffen“, sagt Naomi Wadler. Mit ihrer Rede wolle sie auf die afro-amerikanischen Frauen Amerikas aufmerksam machen, die durch Waffengewalt ihr Leben verlieren. Auf Twitter wird die junge Aktivistin weltweit gefeiert.



    Zu den stärksten Momenten gehörte wohl der Auftritt von Emma González. Fast sechs Minuten und 20 Sekunden lang, was der Dauer des Massakers vom 14. Februar 2018 entsprochen hätte, stand die Überlebende schweigend am Mikrofon, den Blick auf die Menschenmenge gerichtet, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.

    Zu Beginn ihres Auftritts hatte González die Namen ihrer erschossenen SchulkameradInnen aufgezählt: „In wenig mehr als sechs Minuten sind uns 17 unserer Freunde genommen worden“ , sagt die 18-Jährige. Das Leben von jedem an ihrer Schule sei „für immer verändert worden“.



    Eine andere junge Überlebende, die bei dem Massaker Schussverletzungen an Bein und Gesicht erlitten hatte, musste sich während ihrer Rede übergeben. „Hallo, ihr schönen Menschen Amerikas“, war Samantha Fuentes zuerst selbstbewusst an das Rednerpult getreten. Von ihren Emotionen überwältigt, tauchte sie kurze Zeit später dahinter ab, setzte ihre Rede aber wenige Sekunden darauf mit der Bemerkung fort: „Ich habe gerade vor den internationalen TV-Kameras gekotzt und es fühlt sich großartig an“.

    Zum Schluss sang Fuentes ein Happy Birthday für den am 14. Februar erschossenen Nick Dworet, einen Freund, der am Samstag 18 Jahre alt geworden wäre. Die Menge sang – viele unter Tränen – das Geburtstagslied für den jungen toten Schüler mit.



    Auf die Bühne trat auch die Enkelin des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King. 55 Jahre nach seiner historischen Rede „I Have a Dream“ am 28. August 1963 in Washington D.C., anlässlich des Marsches für Arbeit und Freiheit, an dem mehr als 250.000 Menschen teilnahmen, nahm die neunjährige Yolanda Renee King das Mikrofon in die Hand.

    Die Neunjährige sprach über ihren Traum von einer waffenfreien Welt: „Mein Großvater hatte einen Traum, dass kleine Kinder nicht aufgrund ihrer Hautfarbe beurteilt werden, sondern aufgrund ihrer Charaktereigenschaften“. Sie träume von einer Welt ohne Waffen, sagte King. Zum Schluss ihrer Rede forderte sie die Demonstranten auf, drei mal ihre Botschaft in die Menge zu rufen. Sie lautete: „Wir werden eine große Generation sein“.



    So kopiert aus der taz.de


    da ist mir 50 jahre nach den 68ern nun nicht mehr ganz so bange, dass all unsere ideale von damals einfach schnöde von so trump's, orbán's, kaczynski's, von afd und pegida usw. verraten und unter den teppich gekehrt werden.

    diese enkel- und urenkel-generation macht mir hoffnung: "wir haben erst angefangen  - wir werden immer mehr" haben wir schon 68 ff. gesungen - und das singen sie jetzt auch wieder ähnlich.

    ich wenigstens musste ein paar tränchen verdrücken beim betrachten der hier eingestreuten youtube-videos. 

    und erst neulich habe ich ja über die "3. person" reflektiert - und meine ängste und mein lampenfieber bei einer rede, die ich zu halten hatte - und von daher kann ich das befreiende kotzen von sam fuentes während ihres beitrages da vor hunderttausenden menschen gut verstehen ...

    mir machen diese bilder und diese spontaneität und ehrlichkeit mut - dass durch all den sumpf, der uns da politisch zur zeit geboten wird, plötzlich auch wieder eine umfassende gegenreaktion unter jungen und ganz jungen menschen einsetzt.

    ich hatte das schon bei "occupy" erwartet - aber vielleicht war da zuviel kopf und taktik im spiel und zu wenig konkrete betroffenheit und eigenes erleben ...

    oben - in der einleitung zu diesem taz-artikel - steht - für mich etwas zu distanziert: "sie glauben daran, dass sie etwas ändern können." da schwingt so ein wenig unsere "erwachsene abgeklärtheit" mit - so nach dem motto: ja-ja - die glauben - noch - daran, dass sie etwas ändern könnten ... : bitte - bitte - schreibt nicht wieder mit eurer großen journalistischen distanz solche spontaneität einfach kaputt - sondern lasst euch doch bitte auch mal anrühren und nehmt sie journalistisch an die hand - und geht mit ihnen - allen vielleicht dadurch entgehenden werbeeinnahmen zum trotz ... - nehmt diese hunderttausende junge menschen als "lobby" - und macht euch zu ihrem sprachrohr ... in ein paar jahren werden sie als "große generation" auch ein mächtiger wirtschaftsfaktor sein ...

    ich weiß, der große übervater hanns joachim friedrichs hat euch journalisten den leitsatz mitgegeben: "einen guten journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer sache - auch nicht mit einer guten sache; dass er überall dabei ist, aber nirgendwo dazu gehört.": das ist auch richtig so - aber da sowieso schon oft gegen diesen grundsatz verstoßen wird - und man pr-artikel von sauberer recherche kaum noch unterscheiden kann - und das meiste sowieso als fertiggericht von ap und dpa und reuters und afp geliefert wird - und ich schätze mal 70 % der "journalistischen arbeit" aus "copy & paste" besteht  - leider fast immer für die falsche seite - wäre hier eine möglichkeit, mal den ausgleich zu schießen ...  

    ich drücke den jungen menschen dort - ryan deitsch, naomi wadler, emma gonzales, sam fuentes und nicht zuletzt yolanda renee king stellvertretend für die hundertausenden  - alle daumen, dass daraus etwas epochales und großes wird: "wir werden eine große generation sein!" ich wünsche es euch und uns allen ... - S!

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  • 03/26/18--00:19: er hatte den blauen hut auf




  • er hatte den blauen hut auf
    den er immer trug wenn er
    gesetze machte

    flamingos hatten sich
    auf sein flachdach
    niedergelassen

    von wo er sie
    beobachten konnte
    sie sind beringt

    stellte er erleichtert fest
    sonst wäre ihm
    als oberster wildhüter

    diese aufgabe zugefallen
    im sonneneinfall
    durch die jalousien

    sah man minifliegen
    wie staubfusel tanzen
    drehten kreise und pirouetten

    "von nun an ..." hob er an
    "soll ..." - nein - "muss ..." 
    da erstarb ihm die stimme

    er sank dahin
    hinein in den schwarzen schlund
    aus dem er einst gekrochen


    sinedi


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    S!|art: my great-uncle theodorus could observe excellently



    ja - theodorus:
    wenn einer durchblick hatte
     dann sicherlich er ...


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    click here


    Alles passiert

    Die Toten Hosen


    Ein letztes Lied, ein letzter Tanz
    Ein Augenblick ganz ohne Glanz
    Das Feuerwerk am Horizont
    Malt unsre Schatten auf Beton
    Kein Happyend, kein Hollywood
    Alles passiert, wie es passieren muss


    Der letzte Sand fällt durch die Uhr
    Wir finden beide keine neue Spur
    Und zwischen uns ein breiter Fluss
    Alles passiert, wie es passieren muss

    Die Leichtigkeit so lange her
    Die Vergangenheit bedeutet heut nichts mehr
    Nichts wichtiges was übrig bleibt
    Und jetzt trägst du dieses schwarze Kleid

    Ein Moment, der bitter schmeckt
    Der keine neuen guten Geister weckt
    Blick nicht zurück, steig in den Bus
    Alles passiert, wie es passieren muss

    Wir gehen von der Bühne
    Es gibt keinen Applaus
    Und die Liebe dreht sich weg
    Sie schmeißt uns einfach raus
    Nur in guter Freundschaft halten wir's nicht aus

    Die Musik hört auf, es bleibt nichts mehr
    Die Straßen werden neu geteert
    Das Feuerwerk nur Schall und Rauch
    Der Kopf im Boden, wie Vogelstrauß

    Ich wach' nachts auf und denk an dich
    Und weiß genau, du denkst auch an mich
    Kein Happyend, kein Hollywood
    Alles passiert, wie es passieren muss
    Kein Happyend, nur ein letzter Kuss
    Alles passiert, wie es passieren muss





    Songwriter: Andreas Meurer / Vincent Sorg / Andreas Frege / Marten Laciny
    Songtext von Alles passiert © Warner/Chappell Music, Inc


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    Karikatur von Klaus Stuttmann - gesehen in der taz, 27.03.2018, S.12

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    Ein Gedicht Eugen Gomringers soll von einer Berliner Hochschulwand getilgt werden. Der AStA sagt, es sei sexistisch. Stimmt das? Eine Interpretationshilfe von Nora Gomringer, Tochter des Dichters.
    Die Dichterin Nora Gomringer, geboren 1980, wurde als Spoken-Word-Artistin bekannt. Für ihre Lyrik wurde sie vielfach ausgezeichnet; mit dem Prosatext "Recherche" gewann sie 2015 in Klagenfurt den Bachmannpreis (link). Sie lebt in Bamberg und leitet dort das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia.


    GEDICHT-POSSE IN BERLIN
    Warum der Sexismusvorwurf gegen meinen Vater lächerlich ist

    Von Nora Gomringer 

    Ein Gedicht ist Kampfzone und Kopfkissen, Ausdruck unendlicher Harmlosigkeit und manchmal rotes Tuch. Im folgendem, zu schilderndem Falle eines konkreten Gedichts von Eugen Gomringer aus dem Jahr 1953 ist es der Topos des Bewunderns, der große Dramatik oder einfach nur „Viel Lärm um nichts“ auslöst. Geopfert werden dabei: die Autonomie eines Kunstwerks, der Ruf eines Dichters, der droht, zum Sexisten diffamiert zu werden und eine Hauswand. Dazu ungezählte Nervenstränge verschiedener Beteiligter und – dank Social Media! – Unbeteiligter.

    Der AStA der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin wünscht die Entfernung des Gedichts „avenidas“ des 1925 in Bolivien geborenen Dichters und Ästhetikprofessors Eugen Gomringer, für den die Aufschrift seines Textes auf der Hauswand der Hochschule eine Zugabe zum Alice-Salomon-Preis des Jahres 2011 war. Gomringer-Texte stehen an ausgewählten Hauswänden in aller Welt, seine Texte sind längst eingegangen in den Klassikerschatz der modernen Literatur. In keinem Deutschschulbuch der Neuzeit fehlt er, er ist sogar einer der wenigen lebenden Menschen, nach denen ein Platz benannt ist in diesem Land. In Bolivien und der Schweiz gilt er als Nationaldichter. Die Deutschen, ach, die Deutschen, sie verhalten sich dementsprechend, aber bringen es ja nicht über die Lippen. Peter Handke sagte es einmal bei einem Treffen der Gruppe 47, um die Unkenden mundtot zu machen: „Lasst ihn lesen, der Gomringer hat was, der ist gut!“. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Aus Eugen Gomringer ist ein Dichter geworden, der poetisch produktiv in den letzten Jahrzehnten die Brücke zwischen Literatur und bildender Kunst aufs Aktivste gebaut hat.

    Die konstruktiv-konkret arbeitenden Künstlerinnen und Künstler danken es ihm. Kaum ein Autor und Kunsttheoretiker in der Welt setzt sich derart für die Verbreitung, Förderung und die Vermittlung der kühlen, klaren, geplanten Kunst ein. Und seine Lyrik spiegelt seine Vorliebe. In der Kunst, in jeder Kunstrichtung, gilt es, am Gefühl zu sparen, die Form ernst zu nehmen, den Gedanken zu verstärken und das nicht etwa durch ein Übermaß an „Wortmaterial“, sondern eher seinem Gegenteil.

    Und so schreibe ich zur Verteidigung eines Textes, der sage und schreibe sechs Worte führt: avenidas, y, flores, mujeres, un, admirador. Und ja, Spanisch ist er auch: Breite Straßen, und, Blumen, Frauen, ein, Bewunderer, steht da. Die Worte sind in ihrer Kombination durchpermutiert und folgerecht rhythmisiert. Der Text sieht ansprechend aus, wie er da so in Minuskeln prangt auf hoher Wand in unserer Hauptstadt, die vom Ort des Lebens Eugen Gomringers, nämlich dem Kunsthaus in Rehau, weit entfernt ist. Der Dichter selbst hat sich Zeit seines publizierenden Lebens viele Male poetologisch zu seiner relativen Wortkargheit geäußert.


    Nora Gomringer: sogar eine geste kann ein gedicht sein ... 
    S!|bildbearbeitung nach einem Foto von  Cordula Kropke | DLF/NDR


    Wer Gomringer nicht kennt, kennt oft Jandl, der erst durch Gomringer befreit schien, seine eigene Spracharbeit zu unternehmen. Jandl, die Wiener Gruppe, darunter Gerhard Rühm, Friedrich Achleitner, Franz Mon, waren eine vornehmlich männliche Riege von Sprachingenieuren, angeführt vom „Vater der konkreten Poesie“ Eugen Gomringer (so Karl Riha) die das Dichten entromantisiert betrachten, das Sprachmaterial auf Tragfähigkeit ohne explizierten Kontext testen wollen und nach dem zweiten Weltkrieg unter anderem dem Dialekt und der Mündlichkeit zurück ins Gedicht verhalfen. Heute ist es u.a. Michael Lentz, der sich sowohl wissenschaftlich als auch poetisch mit diesem Erbe auseinandersetzt, es fortführt, Gomringer immer wieder als Ansprechpartner sucht.

    Was da steht, ist!

    So manch einer tut das alles ab mit einem „Pah! Diese paar Wortsprengsel auf der Seite, DAS soll LYRIK sein?“, und diese Spötter und Ungläubigen sind nach über 60 Jahren konkreter Poesie in deutscher Sprache so nervig wie Kröpfe. Schlimmer aber sind die Damen und Herren des AStA an besagter Hochschule. Sie interpretieren falsch. Ist denn die Kunst nicht immer frei? Ja, schon. Seit 1900 etwa ist sie’s. Heißt frei nicht auch, dass jeder sich einen Reim drauf machen kann, wie er will? Nein. Das bedeutet es nicht. Gerade bei einem Gedicht der konkreten Poesie haben wir es mit einem festgesteckten Rahmen zu tun. Was da steht, ist. Nicht mehr, nicht weniger. Die in diesen Gedichten verwendeten Worte funktionieren auf der ganzen Welt, da sie aus dem Allgemeinvokabular aller vernunftbegabten Menschen bestehen. Straßen, Blumen, Frauen, Bewunderer: Halt! Das ist nur einer und der ist – das Spanische ist da eindeutig! – männlich. Un/a admirador/a.

    So ein fauler Sack, sitzt da und lässt die Weiber auf- und abmarschieren auf den breiten Straßen, die mit den Blumen. Der hat es sicher auf die Ladys abgesehen, beurteilt sie schon, wie sie da laufen und eben „ganz Frau sind“, will ihnen sicher an die „Pussy greifen“ – ach nein, das geht vielleicht ein bisschen weit. Das Statement des AStA gegen das Verbleiben des Textes auf der Hauswand liest sich aber so. Erinnern wir uns! Dieser widerliche Umgang mit Frauen, der ist schon ganz konkret besetzt durch den 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, der das gerne mal als Ratschlag zum Frauenhandling austeilt.

    Eugen Gomringer spricht Spanisch, was die Sprache seiner Mutter war, und Deutsch, die Sprache seines Schweizer Vaters. Daneben ausgezeichnet Französisch und Englisch. In keiner Sprache dichtet er sexistisch. Ein Gedicht, das Straßen, Frauen, Blumen, einen Bewunderer, aber vor allem den Wortbuchstaben Y feiert, das ist, feministisch gelesen, harmlos. Nur weil den Frauen (ohne Artikel laufen sie herum, gleich einer Herde!, sagen Kritiker/innen) ein einzelner mit einem „un“, also „ein“, bezeichneter Bewunderer gegenübersteht, heißt es nicht, dass wir es mit der Perspektive eines Prädators zu tun haben. Dieser eine Bewunderer nämlich ist genau das: „einer“. Er, wie alle anderen Gegenstände des Gedichts, wird aufgereiht, fällt unter das kleine, vom Dichter aufgestellte Gesetz der gleichmachenden Reihung. Frauen wie Blumen wie Straßen wie ein Bewunderer. Keiner ist mehr, keiner ist weniger wertvoll für das Gelingen des Gedichts.

    Wichtige Dinge brauchen nicht viele Worte

    Zugegeben, die Position der Worte und damit „des Bewunderers“ ist ein genialer Schachzug, ist dichterischer Kniff. Es wirkt, als wäre in seinem Blick alles zusammengefasst. So soll es auch sein. Dieser Bewunderer ist in der Szene, er ist Teil von ihr, aber er ist nicht unsere Perspektive im Gedicht. Der Leser ist der Wissende, der mit betrachtet und versteht: Die Straßen, die Blumen, die Frauen, die sind bewundernswert! Jeder Leser wird automatisch zum „admirador“! Das ist im Spanischen so, wenn auch Frauen gemeint sind, selbst wenn in großer Zahl. Es wird die männliche Form verwendet, um auch die Frauen darin einzuschließen. Das Maskulinum fungiert als Inklusivum. Das gefällt sicher einigen nicht, wird aber auch in der deutschen Sprache hier und da noch so gehandhabt, wenn von „den Autoren beim Festival“ etwa die Rede ist. Nun sind wir ja alle viel weiter, viel aufgeklärter und viel mehr auf gegenderte Sprache gepolt als noch in den 50ern, als das Gedicht entstand.

    Diesem Gedicht nun Sexismus anzulasten, zu tun, als ob es die Deklaration des großen, bösen Wolfs sei, der auf ein Rotkäppchen lauert, ist schlichtweg lächerlich, weil es als Interpretation – und ich wiederhole mich – falsch ist. Im Rahmen der Fächer, die an der Alice-Salomon-Hochschule als Studienfächer gewählt werden können, versteht man mit Sicherheit die Wichtigkeit des didaktischen Prinzips der Wiederholung: Dieses Gedicht ist nicht Austragungsort von Political Correctness, hysterischer Bezichtigungen und Ausmalungen, die weit über das im Gedicht Gesagte hinausweisen. Es ist einfach ein gutes Gedicht, das schon länger auf der Welt ist als viele seiner Leser.

    Es ist welthaltig und passt zur Großstadt, es hat Kraft in nur wenigen Worten, weil wir für die wichtigen Dinge oft nicht viele Worte brauchen. So funktioniert unsere Sprache: Bei Jesus waren es sieben heilige Worte am Kreuz, „ich liebe dich“ hat drei, „ihr liegt falsch“ hat auch drei und Eugen Gomringers „avenidas“ hat sechs. Hier droht ein Gedicht „Opfer“ zu werden von Spekulationen, die der Logik gewalttätiger Shooter-Games gleichkommen. Wer die guckt, wird ein Mörder. Wer das liest, wird mindestens ein Macho.

    „avenidas“ hat seinen Platz an der Wand der Hochschule verdient, und es ist für die Institution eine Ehre, dass sich der Dichter Eugen Gomringer mit ihr dadurch verbunden hat. Warum nur nehmen wir die Arbeit der Künstlerinnen und Künstler als so selbstverständlich hin, dass wir auch automatisch annehmen, dass eine Änderung ihres Werkes, ein aktiver Eingriff, akzeptiert werden muss? Künstlerinnen und Künstler sehen wir als reine Bittsteller und ihre Werke als austauschbar, jederzeit. Kommentare auf Facebook haben diesen Umstand in die Nähe der NS-Praktiken gesetzt. Soweit darf es nicht kommen, weder faktisch noch durch die Phrase, aber Gedankenfutter liefert es.

    Eine Entschuldigung ist angebracht vonseiten des AStA an den Dichter. Ein Belassen des Textes sowieso. Schreiben Sie ein augenzwinkerndes „una admiradora“ in den Unieingang und, voilà, Sie beweisen, dass Sie lesen können, dass Sie Humor haben und größer sind, als diese Auseinandersetzung Sie auch vor mir, einer Feministin und Tochter zweier Feministen, zeichnet. Zahlen Sie mir gerne für diesen Tipp zur „Neugestaltung der Fassade“ das ausgesetzte Geld. Es geht direkt an Eugen Gomringer, damit er weiter und etwas unbehelligter Gedichte schreiben kann.


    © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.

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    aha - daher weht der wind:


    "Pubertät Deutschlands nach '45"

    von Nora Gomringer | NDR kultur


    Nora Gomringer - als Lyrikerin hat sie sich einen Namen gemacht, 2015 wurde sie für den Text "Recherche" mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Ihr wurde die Sprachkunst sozusagen in die Wiege gelegt: Ihr Vater ist der Schriftstellers Eugen Gomringer - Begründer der Konkreten Poesie. Weit entfernt von unserem Epochenjahr 1968, nämlich 1980, wurde Nora Gomringer geboren, und trotzdem sind die Auswirkungen auch für sie als heute 38-Jährige spürbar.

    Als Nora Gomringer 1980 zur Welt kam, waren ihre Eltern schon nicht mehr ganz jung.

    Ich bin das Kind alter Eltern. Meine Eltern waren schon alt, als ich auf die Welt kam. So alt, dass meine Mutter eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen musste, die ans Licht brachte, dass ich behindert sein würde. Nicht fein, so was. Meine Mutter war tapfer und sagte "Ja" zu mir, dem obskuren Bauchwesen, und ich spürte den Mut, ließ alle Finger und Zehen ausbilden, auch das kleine Hirn und das etwas größere Herz und kam gesund und proper zur Welt. Das war 1980. Ich war ein Kind der Liebe. Mir war nie wichtig, ob ich geplant oder verunfallt war. Ich war da. Und bin es seitdem.



    Nora Gomringer - S!|bildbearbeitung nach einem foto von: picture alliance | dpa




    Voll am Limit und ganz beherzt

    Die Zeit der 68er kenne ich nur als mahnende Zahlennennung. Raunend ausgesprochen manchmal. Und auch so, faktisch. So à la: Wenn es die 68er nicht gegeben hätte, wären viele Dinge nicht aufgeklärt worden, wir immer noch ein ziemlich rechts angehauchtes Land. Es wäre eigentlich wie in Österreich. So in etwa haben sich die 68er in mir abgebildet. In meiner Familie, vielleicht aufgrund der Altersstruktur, war keiner viel am sprechen über links und rechts. Wir waren, wir sind. Man ist einfach nicht für den Unsinn der Rechten, für die Wut und den Stumpfsinn, man ist für Internationalität, fürs Reisen, für Sprachen, für großes Leben, nicht sich stetig Verkleinerndes. Wir Gomringers leben immer voll und ganz, was die Finanzen angeht. Voll am Limit und ganz beherzt. Stets die Hoffnung hegend, dass im nächsten Monat wieder was aufs Konto kommt.

    Unruhe und Wachsamkeit

    Literatur ist kein Garant für Reichtum, aber manchmal für ein Ticket, das man in den Händen hält, das andere bezahlt haben, um einen nach Mumbai zu holen, um dort die eigenen Gedichte vorzulesen. Verrückt! Die 68er sind wie ein großes Gulasch. Alle Bürgerrechtsbewegungen links gerichteter Gruppen sind in einem großen Topf und eine Zahl steht drauf. Von meiner Mutter hab ich von der Erleichterung erfahren, die es bedeutete, ab den 60ern die Antibabypille nehmen zu können; von einem wesentlich älteren Ex-Freund, was es bedeutete, am Abend der Mondlandung 1969 ins Bett geschickt zu werden. Dann weiß ich noch um Kommune 1 und Alice Schwarzer 1971 mit dem Bekenntnis "Ich habe abgetrieben". Und ich vermeine zu wissen, dass alles aus dem großen Topf quoll, aus dem seither immer noch Unruhe und Wachsamkeit hervorköchelt.

    Die 68er als Theaterbühne

    Manche Geister vermuten heute auch die Political Correctness als Bodensatz. Manchmal schwappt sie hervor, manchmal muss man sie - krustig - herausschaben. Die 68er bilden für mich eine Theaterbühne; auf ihr treten langhaarige Menschen mit Schlaghosen auf, Cordhosenträger, mit Eltern, die schwiegen und ihren Kindern nichts von ihren Taten im Zweiten Weltkrieg erzählten. Sich-frei-geschwommen-Habende, vom Dorf in die Stadt Gezogene, Zuhörer, die 70er-Herbeisehner, Menschen, die Farbenblindheit propagierten und mit Rosa Parks Bus fahren wollten. Langston Hughes, der Jazzdichter in New York, swingte in seinen Worten vom "Nigger" und das Wort klang warm oder erweckend, wenn Malcom X es aussprach, wenn es von Martin Luther King in "Black Man" gewandelt wurde.

    Das neue Deutschland passte vielen nicht

    "I have a dream" ist mir der Satz der 68er geworden. Der Traum eines schwarzen Predigers in den USA entzündete die Welt und in Deutschland, wo man so lange so schlecht Englisch sprach und eine seltsam ergebene und gleichzeitig neugierige Haltung gegenüber den Alliierten zeigte, traute man sich selbst nicht über den Weg. Vielleicht könnte, würde man wieder dem Faschismus anheimfallen? Gut, dass Rudi Dutschke alle bewegte. Mein Opa sagte noch lange Zeit unschöne Dinge über die Linke, über Willy Brandt, über Dutschke. Das war die Angst und das neue Deutschland, das da aus dem Ei schlüpfte, sich seiner Schuld bewusst, das passte vielen nicht.

    Kompromisslos und gradlinig

    So fühle ich die 68er: als die generelle Pubertät des Deutschlands nach 45. Auflehnung im Inneren durch Einflüsse von anderen, die Beantwortung der Frage, wer man sein wollte für die nächsten Dekaden. Wem man was schuldete und wer einem was schuldete. Die 68er ermöglichten es, dass ich als Kind einer spät Studierenden und einem Literaten zur Welt kam, der damals schon berühmt war. Mit einer Poesie, die kompromisslos und gradlinig aufs Konkrete setzte. Den Geist der 68er besaß meine Familie immer. Und wie bei fast allen Dingen, die man schon immer und für alle Zeit besitzt, muss man nicht darüber sprechen. Man lebt sie mit.

    und noch ein text von nora gomringer:
    Arnold Böcklin: Ausschnitt aus der 3. Version der "Toteninsel" - 1883



    VERSIONEN

    und
    ein Boot legt an
    Böcklin malt ein Boot, das anlegt,
    umschattet,
    soghaft.
    Ein Bootsmann, namenlos,
    allzu willig, sich preiszugeben.
    Hitler besaß eine Version,
    Utoya wurde eine 
    Insel
    umschattet,
    soghaft.
    Ein Boot legt an,
    an Bord ein Tod
    ein Übergangsadvokat
    Böcklin malt ein Boot, das anlegt.
    Ein Bootsmann namenlos,
    Versionen von Breivik.
    An Bord ein Tod,
    friedlos,
    umsogen,
    schattenhaft,
    schemenlos,
    eine Insel

    und

    Nora Gomringer - lyrikline


    Arnold Böcklin: "Die Toteninsel" -
    Dritte Version, 1883, Öl auf Holz, 80 cm × 150 cm, jetzt Alte Nationalgalerie, Berlin - war auch im Besitz von Adolf Hitler, der es vom legendären Kunsthändler Fritz Gurlitt erwarb ...






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    ZDF - Eugen Gomringer in Soest - Der Lyriker über "avenidas" Am 25. Februar 2018 stellte Eugen Gomringer in Soest seine Art der Konkreten Poesie vor und erklärte, wie und warum er schreibt. Sein Gedicht "avenidas" sei für ihn "vor allen Dingen Struktur".

    diesem beitrag mit dem 93-jährigen lyriker zu seinem skandal-gebeutelten gedicht: "avenidas" an der mauer einer berliner hochschule ist nichts mehr hinzuzufügen. click here

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    überall ist fingerzeig | S!|art - ostern 2018



    christlich

    überall ist fingerzeig
    überall ist fingerzeig
     
    allgewalt und grüner zweig
    allgewalt und grüner zweig
     
    komm an den tisch
    komm an den tisch
     
    es lebt der fisch
    es lebt der fisch
     
    weisser rauch
    weisser rauch
     
    glaubst du auch
    glaubst du auch
     
    dass sich wandelt
    dass sich wandelt
     
    was da handelt
    was da handelt
     
    überall ist fingerzeig
    überall ist fingerzeig
     
    allgewalt und grüner zweig
    allgewalt und grüner zweig
     
    komm an den tisch
    komm an den tisch
     
    es lebt der fisch.
    es lebt der fisch


    Quelle: lyrikline



    Eugen Gomringer

    Lyriker - Konkrete Poesie

    * 20.01.1925, Cachuela Esperanza, Bolivien
    lebt in Rehau-Wurlitz, Schweiz

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    Ich habe jetzt ein paar Tage Rentner-"Urlaub" an der Nordsee gemacht ... - und deshalb gab es hier gegenüber dem Blog und neuen Posts eine gewisse "Abstinenz" ... 
    In allen Medien geht es zwischenzeitlich immer wieder um die Kontroverse zur Beurteilung der "68er", von denen ich ja nun mal auch einer bin.  
    Vieles wird den 68ern nun unterstellt im Guten und im Schlechten - eben so wie im Leben überhaupt: Denn alle Menschen gehen ja durch ein Gestrüpp des Gelingens und des Misslingens.  
    Jesus etwa würde in Anlehnung an Johannes 8, 3-11, den Pauschal-Verurteilern der 68er-Generation sicherlich in etwa erwidern: "Wer unter euch ohne Jugendsünde als Mensch - als Politiker ist - in all seinem Denken und Trachten, der werfe den ersten Stein auf diese 68er"... 
    Da die Angesprochenen aber das hörten, gingen sie hinaus (von ihrem Gewissen überführt), einer nach dem andern, von den Ältesten bis zu den Geringsten ... - doch heute geht die ungerechtfertigte Verunglimpfung immer weiter ...

    manche steine sind steine des anstoßes oder stolpersteine


    Gewiss - 50 Jahre danach wissen es alle besser: natürlich haben die "68er" geirrt und sich auch hier und da verirrt - natürlich sind sie falschen Moralitäten und Moralaposteln aufgesessen - natürlich konnten sie nicht plötzlich eine "gewaltfreie" Gesellschaft schaffen - wo sie doch Eltern hatten, die durch die harte Schule des Zeitgeistes nach dem 1. Weltkrieg und hinein in das tödliche Dilemma des Nationalsozialismus verstrickt waren: "zäh wie Leder - flink wie Windhunde - hart wie Krupp-Stahl" - so - hatte Hitler unseren Eltern eingebläut - dazu sollten die Kinder erzogen werden, aus denen sich dann die "68er" entpuppten - mit all den Schmandresten hinter ihren Ohren, die sie bei ihren Häutungen und Neuorientierungen nur äußerst mühsam loswurden. 

    Eine gewaltfreie Erziehung kannten wir 68er ja nur vom Hörensagen und nur in der Theorie - und sie war irgendwie auch zunächst unvorstellbar, bis die ersten Schriften über die "antiautoritäte Erziehung" von Neill - einem Schüler des Psychologen Wilhelm Reich - erschienen - und Reformpädagogen wie beispielsweise Hartmut von Hentig neue Schulversuche der Schüler-Mündigkeit propagierten und erforschten.

    Die "Befreiung" der "Sexualität" war zunächst nur ein wages und ideologiegeleitetes Ertasten - in dem Tabuzonen einfach überschritten wurden - in gänzlich unbekanntes Terrain... - wo man rasch in sumpfiges Gebiet geraten konnte ...

    Die 68er wollten seinerzeit beschleunigt die Verklemmtheiten der Elterngeneration überwinden, die ja in dieser deutschen Gesellschaft in den Faschismus und in einen Weltkrieg und in eine unvorstellbare Schuld mit Millionen von brutalsten und unmenschlichsten  Mordopfern geführt worden waren ...

    Man wollte das radikal und ein für allemal - und die damals gängigen psychologischen Erklärungen für die Wurzeln dieses Faschismus war besonders auch Wilhelm Reich - und in der esoterischen Randfraktion vielleicht C.G.Jung und etwas Rudolf Steiner u.a. ...

    Viele Dinge fanden im "jugendlichen Überschwang" einfach zu rasch und zu rigoros und wenig reflektiert statt ... - und steckten voller Missverständnisse. Allerdings darf man bei der Bewertung dieser Zeit nicht die allgemeine "Kriminalisierung" und die Bedrohung durch "Berufsverbote" aufgrund des RAF-Terrorismus mehr oder weniger einer ganzen Generation - besonders aber ihrer protestierenden akademischen Flügel verkennen.

    Diese Überwindung des elterlichen Faschismus und die Kriminalisierung wegen der RAF sowie die Berufsverbote wegen "linker Umtriebe" wollten damals mit weitgehender Liberalisierung in allen Lebensbereichen und mit einer Portion Anarchismus in neuen Wohn- und Lebensformen beantwortet werden - etwa in einer WG oder einer zusammengewürfelten Patchwork-Großfamilie -  gewaltlos, antiautoritär, mit den gleichberechtigten und selbstbestimmten Individuen jeden Alters und jeden Geschlechts - unter einem Dach und manchmal auch unter einer Decke ... - ziemlich übergriffig und bestimmend - etwas anderes war aber auch kaum immanent und vorstellbar: Die erprobte Freiheit wurde im Binnenverhältnis zum Bumerang der Bevormundung und Abhängigkeit ...

    Vor allen Dingen wollten eben Verklemmtheiten und Eifersüchteleien überwunden werden ...

    Und bei aller Auflehnung gegen diese Elterngeneration standen die 68er ja in dem Dilemma, dass sie ihre vom Faschismus verführten Eltern ganz natürlich liebten und ehrten und achteten - und zumindest auch pekuniär beerben wollten ...

    Heutzutage ist das alles für mich ein Durchgangsstadium gewesen - eine Zeit allgemeiner Generations-Pubertät, ein Aufbegehren gegen die - teilweise noch faschistisch geprägte - Elterngeneration ... Ein Aufbegehren, das für eine normale persönliche und gesellschaftliche Entwicklung durchaus notwendig ist ... - vielleicht mit weniger spektakulären Radikal-Verirrungen - jedoch waren die gleichfalls totalen Radikal-Verirrungen des Faschismus auch nur mit eben solchen "befreienden" und rigorosen Gegenmaßnahmen zu überwinden - so glaubten wir - und wir hatten auch kein alternatives Handwerkszeug mit in die Wiege gelegt bekommen ...

    Als ich mit 15/16 Jahren zur Berufsschule ging, sagte unser Bürgerkundelehrer: Wenn die 3-Gewalten-Teilung in der Demokratie - also Legislative - Judikative - Exekutive - gelingen soll - müssen sich diese Kräfte immer gegenseitig kontrollieren und korrigieren: Das muss zwangsläufig immer wieder zu einer permanenten Folge von Skandalen und Verfehlungen führen ... Wenn es eine Zeitlang Ruhe gibt - hat diese Gewaltenteilung versagt - und garantiert unzulässige Absprachen miteinander getroffen ...

    In diesem Sinne ist einiges falsch gelaufen früher - und läuft heutzutage fast alles noch mehr falsch - weil man inzwischen immun geworden ist gegen solcherart inzwischen bewusst gesteuerter und "benutzter" und ausgelutschter Skandale von jeder Seite ...

    Der naive und pubertäre aber sicherlich gutgemeinte Goodwill der 68-er ist inzwischen verraten und vom gewendeten bzw. runderneuerten Rest-Faschismus in der Welt aufgesogen und wirtschaftlich vermarktet ... Und daran waren und sind Alt-68-er durchaus mit beteiligt ...

    wurfstein



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    Dieser Tage -
    am 16.04. -
    wäre Sarah Kirsch
    83 Jahre alt geworden ... -
    sie starb am 05. Mai 2013

    sarah kirsch - S!|photo|bearbeitung

    Legende über Lilja (1966) 

    Sarah Kirschs „Legende über Lilja“ erzählt von dem polnischen Mädchen, das sich weigert, die anderen KZ-Insassen zu verraten. Das Gedicht entstand vor dem Hintergrund der Auschwitz-Prozesse.

    Mich erinnert es vom Duktus her an Paul Celans "Todesfuge" - mit diesen ab und zu auftretenden eigenartig stakkatohaften Rhythmen in den Zeilen und den kurzen zackigen Befehlen (z.B. der Mann mit dem Hund und dem Totenkopf am Kragen: ... "Schlag mit der Peitsche: den Namen!" ... "brüllte befahl: genug!"...) - so wie ich mir wenigstens die klackernden marschierenden Stiefelabsätze und das Gebaren und Gebrüll der SS-Schergen dort im KZ vorstelle ...

    Ansonsten ist der Ton in der "Legende" unterkühlt, kommentierend, beobachtend - aber wechselt dann plötzlich unvermittelt die Perspektive in einen inneren Monolog Liljas ("nun brauch deine Augen Lilja -  befiehl den Muskeln dem Blut Sorglosigkeit - hier bist du oft gegangen - kennst du jeden Stein jeden Stein") -  Aber insgesamt wird auch klar, dass die Gerichte bei den NS-Prozessen recht großzügig vorgehen: Was 20 Jahre nach dem Horror bei den Zeugenaussagen nicht mehr 100-prozentig zusammenpasst - und "unsachlich/unjuristisch" - eben fast lyrisch und emotional von den späten Zeugen formuliert wird ("ihr Gesicht ging vorbei - sie hätten gezittert") - wird vor solcher Art Gerichte eben als "Legenden" abgetan, wird aus den Anklagen gestrichen ...

    Sarah Kirsch komponiert diese "Legende" noch zu ihrer DDR-Zeit - und neben der Kritik an der laschen Anklage-Praxis bei den NS-Prozessen in der BRD - wird da ja gleichzeitig die DDR mitkritisiert, die es ja mit der Aufarbeitung der NS-Zeit nicht so sehr genau nahm - und eigentlich grandios schwieg - bei doch sonst so gekonnten  Klassenkampf-Parolen ...



    1
    ob sie schön war ist nicht zu verbürgen zumal
    die Aussagen der überlebenden Lagerbewohner
    sich widersprechen schon die Farbe des Haars
    unterschiedlich benannt wird in der Kartei
    sich kein Bild fand sie soll
    aus Polen geschickt worden sein

    2
    im Sommer ging Lilja barfuß wie im Winter und schrieb
    sieben Briefe

    3
    sechs drahtdünne Röllchen wandern
    durch Häftlingskittel übern Appellplatz kleben
    an müder Haut stören den Schlaf erreichen
    den man nicht kennt(er kann nicht
    Zeuge sein beim Prozeß)

    4
    das siebente gab einer gegen Brot

    5
    Lilja in der Schreibstube Lilja unterwegs Lilja im Bunker
    Schlag mit der Peitsche den Namen warum sagt sie nichts
    wer weiß das
    warum schweigt sie im August wenn die Vögel
    singen im Rauch

    6
    einer in Uniform Totenkopf am Kragen Liebhaber
    alter Theaterstücke (sein Hund mit klassischem Namen) er fand
    man sollte ihre Augen reden lassen

    7
    Durch die gefangenen Männer wurde eine Straße gemacht
    eine seltsame Allee geplünderter Bäume tat sich da auf
    hier sollte sie gehen und einen verraten

    8
    nun brauch deine Augen Lilja befiehl
    den Muskeln dem Blut Sorglosigkeit hier bist du oft gegangen
    kennst du jeden Stein jeden Stein

    9
    ihr Gesicht ging vorbei
    sagten die Überlebenden sie
    hätten gezittert Lilja wie tot ging ging
    bis der Mann dessen Hund Hamlet hieß
    brüllte befahl genug

    10
    seitdem wurde sie nicht mehr gesehen

    11
    andere Zeugen sagten sie habe auf
    ihrem Weg
    alle angelächelt sich mit den Fingern gekämmt
    sei gleich ins Gas gekommen - das war
    über zwanzig Jahr her -

    12
    alle sprachen lange von Lilja

    13
    die Richter von Frankfurt ließen im Jahr 65 protokollieren
    offensichtlich
    würden Legenden erzählt dieser Punkt
    sei aus der Anklage zu streichen

    14
    in dem Brief soll gestanden haben wir
    werden hier nicht rauskommen wir haben
    zu viel gesehen




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    Aachener Ludwig Forum
    Der radikale Bruch - Kunst in den 68er Jahren


    Proteste, gesellschaftlicher Umbruch, revolutionäre Ströme - die Welt brodelt in den 68er Jahren. Die Kunst bricht mit dem Alten, schockiert, verstört und sucht neue Wege.

    WB - dpa

    Wien, April 1959 vor einer Dichterlesung: Plötzlich brausen zwei Männer auf einem Motorrad auf die Bühne und schlagen mit Äxten den wunderschönen Holzflügel kurz und klein. Friedrich Achleitner, Schriftsteller, und Gerhard Rühm, Lyriker und ausgebildeter Pianist, nennen diesen Akt der Zerstörung 2. Literarisches Cabaret.

    Die Schwarz-Weiß-Fotos im Aachener Ludwig Forum für Internationale Kunst vermitteln Jahrzehnte später noch Schwung und Dynamik dieser verstörenden Szene.

    Sie markiert den Bruch mit den traditionellen Kunstformen, mit denen Künstler gegen das bestehende System rebellieren. Wenn einer losgeht und sich Leinwand und Keilrahmen kauft, mache er den ersten Fehler, soll Joseph Beuys gesagt haben.

    «Kunst reagiert in Zeiten gesellschaftlichen Umbruchs besonders innovativ, besonders produktiv. Wir haben eine unglaubliche Aufbruchsituation», sagt der Kurator und Leiter des Ludwig Forums für Internationale Kunst, Andreas Beitin, zur Vorstellung von «Flashes of the Future (Blitze der Zukunft). Die Kunst der 68er oder Die Macht der Ohnmächtigen» (20.4.-19.8.2018) am Donnerstag.

    Das Desaster des Vietnam-Kriegs, Panzer im Prager Frühling, Studentenproteste, Anschlag auf ein Frankfurter Kaufhaus - politische Unruhen und gesellschaftliche Umwälzungsprozesse erreichen international 1968 ihren Höhepunkt. Die nach Museumsangaben bundesweit einzige Kunstausstellung zu den 68er Jahren spiegelt mit 280 Werken etwa von Georg Baselitz, Joseph Beuys, Sigmar Polke, Günther Uecker oder Wolf Vostell, welche Impulse die Kunst in dieser Zeit gab.

    Intellektuelle wie der Philosoph Theodor W. Adorno rufen die Künstler schon in den 50ern auf, nach der NS-Zeit nicht zu verdrängen: «Wir müssen den Bruch ernst nehmen nach Auschwitz, nach Hiroshima, und wir müssen reflektieren», gibt der Kunsthistoriker und Kurator Eckhart Gillen den Appell sinngemäß wider.

    Die Kunst reagiert, radikal, und wirkt teilweise verstörend - wie die als «Uni-Ferkelei» bekanntgewordene Aktion an der Wiener Uni, bei der Studenten bei einer Art inszenierter Vorlesung aus Protest gegen nationalsozialistische Tendenzen onanieren und die Nationalhymne singen. Oder wie das Gemälde von Georg Baselitz «Die große Nacht im Eimer».

    Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, der kitschigen Heimatfilme und der Schnulzen. Da schockiert Baselitz mit dem Gemälde eines onanierenden Jungen, der auf die ganz große Nacht gehofft hatte - als Sinnbild für die große Zukunft mit Hitler, in einem «großdeutschen» Reich. Dann Schock und Ernüchterung: Hitler bringt sich um. Und der Junge befriedigt sich selbst. Das Bild wird wegen angeblicher Unsittlichkeit in West-Berlin beschlagnahmt.

    «Wir haben zahlreiche Beispiele dafür, wie Kunst aufgebrochen ist. Performance war ganz wichtig, dass die Künstler aus den Museen auf die Straße gegangen sind, mit Happenings und Aktionen aller Art ganz neue Formate entwickelt haben», sagt Kurator Andreas Beitin.

    Performances wie «Cut Piece» von Yoko Ono, bei der sie sich von Zuschauern entblößen lässt. Das Video zeigt Ono regungslos auf der Bühne sitzend, während sie sich die Kleider abschneiden lässt. A.R. Penck entwickelt seine Strichmännchen und malt «Das große Weltbild» - eine Darstellung des Kalten Kriegs, wie Beitin sagt: «Das war sein Versuch, sich selbst zu erklären, wie hängt das alles zusammen.»

    Zu der Ausstellung unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist kein herkömmlicher Katalog erschienen, sondern ein 600 Seiten starker Band, der für sieben Euro bei der Bundeszentrale für politische Bildung zu bekommen ist: «Er informiert so umfassend wie nie zuvor über Kunst und die 68er», sagt Beitin.


    → nicht nur für schulen - click here



    schön - dass man 50 jahre später auch an heutige schüler und studierende denkt, um kunstdidaktisch und methodisch und mit hilfe der bundeszentrale für politische bildung den "geist" der 68er aufbruchstimmung auch aus der kultur und der kunst zu vermitteln ...

    dann kann ja wohl doch nicht alles so "unmöglich" gewesen sein - es wird sich ja nicht unbedingt nur um eine reine abschreckungsschau handeln ... - da in aachen - im mitteleuropäischen dreiländereck zwischen den beteiligten nationen damals.

    ich erinnere diesen aufbruch damals als "springtime" im wahrsten sinne des wortes - als frühlingserwachen im kalten krieg und als licht am horizont des laufenden unsäglichen vietnam-desasters - und als frisches grün nach der braunen ns-suppe, die unsere eltern auslöffeln mussten.

    gerade in der internationalen kunstszene hatte die deutsche kunst nach dem krieg ja die verlorenen jahre einer kulturdiktatur unter goebbels und der nsdap aufzuholen und den anschluss wieder herzustellen mit dem internationalen kulturzeitgeist, was durch "informel" und joseph beuys und "fluxus" gut gelang ... - S!

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  • 04/17/18--23:30: schlechtes gewissen




  • Kultur / Medien

    Mit Hakenkreuz ins Theater

    Eklat: Wer bei der Aufführung von George Taboris "Mein Kampf" im Theater Konstanz ein Hakenkreuz-Symbol im Saal trägt, erhält freien Eintritt. Die Idee sorgt für große Aufregung

    Von Kathrin Drinkuth

    Ein Hakenkreuz, Symbol für massenhaftes Morden der Nazis, als Gratis-Eintrittskarte für eine Theaterstück? Ein Witz? Was sich der in der Türkei geborene deutsche Kabarettist und Regisseur Serdar Somuncu als Provokation am Theater Konstanz ausgedacht hat, ruft immer mehr Kritiker auf den Plan. Am Dienstag beantwortet er bei einer teils sehr emotional geführten Debatte mit Journalisten gut eine Stunde lang Fragen zur Aktion, bevor er aufsteht und zur Lichtprobe geht, um weiter an der für Freitag geplanten Premiere von George Taboris Stück "Mein Kampf" zu arbeiten.

    Die Debatte dreht sich darum, was Theater eigentlich kann und darf. Das Schauspielhaus in Konstanz bietet den Zuschauern zur Vorführung von George Taboris Stück "Mein Kampf" einen umstrittenen Deal an: Wer zur Aufführung im Theatersaal ein Hakenkreuz-Symbol trägt, erhält freien Eintritt. Wer dagegen eine Karte kauft, kann sich entscheiden, ob er einen Davidstern als Zeichen der Solidarität mit den jüdischen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft tragen will.

    Ist das Geschmacklosigkeit, wie es unter anderem die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Konstanz dem Theater vorwirft? Oder ein misslungener Marketing-Gag? Weder noch, heißt es beim Theater. Mit der Idee habe man zeigen wollen, wie leicht Menschen bestechlich seien. Theaterintendant Christoph Nix sieht darin zudem eine Auseinandersetzung mit Rassismus: "Und das Theater ist der einzige Ort, an dem unmittelbar solche Auseinandersetzungen stattfinden."

    Auch Regisseur Somuncu verweist darauf, dass Antisemitismus in Deutschland zunehmend hoffähig sei - dem müsse man entgegenwirken. Es gehe darum, die demokratische Verfassung in Schutz zu nehmen, sagte er. "Aber nicht dadurch, dass wir uns zum Opfer machen oder uns zurückziehen in Räume und kleine abgezirkelte Bereiche, in denen wir mit Gleichgesinnten Gleichgesinntes austauschen - sondern offensiv raus auf die Straße und zwar direkt ins Gesicht unserer politischen Gegner." Aufgabe des Theaters sei es, praktische Anleitungen für Diskussionen zu geben - "und genau das ist die Idee meiner Inszenierung".

    Bislang seien bereits mehrere Anfragen für eine Freikarte im Gegenzug für das Tragen eines Hakenkreuz-Symbols eingegangen, sagte Nix. Ein Treffpunkt für Nazis soll das Theater nicht werden.

    Man werde darauf achten, dass es bei den insgesamt 14 Vorstellungen jeweils nur eine Handvoll Menschen mit Freikarte sei. Am Eingang werde streng kontrolliert und auch intensiv darauf geachtet, dass die Symbole nach der Veranstaltung wieder eingesammelt würden. Zudem seien Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden, falls es zu Zwischenfällen kommen sollte.

    Dass die Premiere auch noch ausgerechnet auf den Geburtstag von Adolf Hitler fällt, ist nach Angaben von Nix ein früherer Wunsch seines Freundes George Tabori (1914-2007). Das Theater habe zudem ein Gutachten eingeholt, um mögliche juristische Fragen zu klären. Denn grundsätzlich ist das Tragen von Hakenkreuzen in der Öffentlichkeit verboten, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Konstanz sagt. Es seien bereits mehrere Anzeigen eingegangen, die nun geprüft würden.

    Das Schauspielhaus wiederum verweist darauf, dass die Verwendung aus seiner Sicht erkennbar eine künstlerisch-vermittelnde Funktion habe. Deshalb drohe keine Gefährdung der demokratischen Rechtsordnung oder des politischen Friedens.

    Wie genau die bei den Aufführungen verwendeten Symbole - sowohl Hakenkreuz als auch Davidstern - aussehen sollen, gibt das Theater derzeit ohnehin noch nicht preis. "Das werde erst noch entschieden", sagte Somuncu vage. "Wir sind noch im aktiven Prozess der Inszenierung - es kann auch sein, dass wir am Ende die Zuschauer dazu aufrufen werden, sich eine Mickey Maus anzuheften."

    Taboris 1987 uraufgeführte Groteske hat die "Wiener Jahre" Adolf Hitlers als Bewohner eines Männerwohnheims zum Thema.



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    Kommentar
    Gedankenlos
    Anke Groenewold | NW

    Jetzt hat also auch das Theater Konstanz entdeckt, wie man mit Provokation bundesweit Aufmerksamkeit erzeugt. Die Erklärungen, die Intendant und Regisseur zu der Aktion gegeben haben, sind vage bis banal. Das legt den Schluss nahe, dass es überwiegend um gedankenloses Marketing geht. Wieso fördert es die "Auseinandersetzung mit Rassismus", wenn das Publikum Hakenkreuze und Davidsterne trägt? Was daran ist eine "Anleitung zur Diskussion"? Der inszenierte Aufreger hat zur Folge, dass über das Theater diskutiert wird, was es darf oder nicht, nicht aber über Rassismus.


    © 2018 Neue Westfälische
    03 - Bielefeld Süd, Mittwoch 18. April 2018

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    gewiss fällt dieser pr-gag eines provinz-theaters in eine höchst sensible zeit - auch nach dem eklat zur "echo"-verleihung und der stimmung im lande insgesamt in der auseinandersetzung mit populismus und afd.

    ansonsten ist für mich diese idee durchaus nachvollziehbar - und sie hat es bei näherer betrachtung auch in sich: wer normal sein billet an der abendkasse ersteht kann ja den davidstern wählen - wer aber sich partout verführen lässt vom "freien eintritt", bekommt eben das hakenkreuz in die hand gedrückt.

    ob das dann tatsächlich getragen wird oder in die tasche gesteckt wird, sei mal zunächst dahingestellt.

    mich erinnert das ganze prozedere auch an den film "die welle", in dem in einem gruppendynamischen psychoversuch demonstriert wird, wie rasch eine schulklasse durch bewusste manipulationen des lehrers in eine recht willen- und selbstlose gurkentruppe verwandelt wird (click here) - und dazu auch an das sogenannte "milgram-experiment", in dem die bereitschaft durchschnittlicher personen getestet wird, autoritären anweisungen auch dann folge zu leisten, wenn sie in direktem widerspruch zu ihrem gewissen stehen (click here) ...

    das ganze hat also für mich neben allem aufmerksamkeitgeheische schon auch ein symbolträchtiges "gschmäckle": unsere eltern und großeltern schlitterten ja auch oft ebenfalls "ohne eigenes zutun", aber zumeist auch ohne den eigenen widerstand zu mobilisieren, geradezu besoffen durch die raffiniert gesetzten psychodynamischen und massenhysterischen fänge des tiefbraunen hakenkreuz-symbol-sumpfes: in den schulen prangten ganz selbstverständlich bei hitlers geburtstag die transparente und flatterten die hakenkreuz-fahnen - und viele lehrer waren ns-parteigenossen - ebenso wie übrigens die meisten ärzte damals: also von den sogenannten akademischen "bildungs-eliten" bis hinunter zum "lumpenproletariat" ...

    das hakenkreuz drückte symbolhaft damals den herrschenden allgemeinen "zeitgeist" aus, dem sich wohl niemand entziehen konnte - und nur eine verschwindend kleine minderheit ballte dabei die faust in der tasche - die jugend wurde zum kriegsertüchtigenden hj- und arbeitsdienst verpflichtet - mit unterricht in eugenisch-arischer rassenlehre: das "reich"übernahm die umfassende erziehungs- und bildungsarbeit ...

    und wenn man seinen widerstand nicht "teuer erkaufte" oder als jüdisch glaubender landsmann zur kennzeichnung per davidstern verpflichtet wurde - mit dem andauernden tödlichen damoklesschwert der vernichtung über dem haupt - trottete man eben in diesen sumpfigen zeitgeist hinein - und verkörperte ihn mit.

    begrifflich ist "nazis" ebenso ungenau wie beispielsweise "die 68er" - jetzt in den kommentaren zum 50. allerorten: 
    • während die einen immer die handvoll protestierend-krakeelender studenten damit bezeichnen gehören für andere eben alle menschen dazu, die 1968 zwischen ca. 16 und ca. 30 jahre alt waren - also in etwa die jahrgänge 1940-1950 ... - die den "ruck durch die nation" damals in vielen lebensbelangen mitinszenierten und spürten und lebten und fühlten...
     - ähnlich missverständlich ist es beim begriff "nazis":
    • während die einen die uniformierten hakenkreuz-armbinde tragenden aktiven parteigenossen damit bezeichnen - sind es für andere - durchaus legitim gemessen an den überwältigenden wahlerfolgen der nsdap - die gesamtbevölkerung der jahrgänge von ca. 1880 - ca. 1925, die sich in hohem maße für adolf hitler engagierten: aktiv und passiv - auch damals schon mit: "das wird man ja wohl noch sagen dürfen" - und vielleicht mit gezielten denunziationen und später auch kollaborationen beim anschwärzen und verfolgen z.b. des "verdächtigen nachbarn" beim ortsgruppenleiter oder bei der "braunen nsv-gemeindefürsorgerin" wenn "etwas in der nachbarschaft wohl nicht ganz stimmte" ...
    um "nazi" zu sein oder als "nazi" zu denken benötigte man eben keine mitglieds- bzw. "eintritts"-karte, was man ja leider auch heutzutage wieder vor augen geführt bekommt (stichwort: cottbus) - die genannten generationen hatten oft als zeichen des zeitgeistes auch unsichtbar ein "hakenkreuz" auf der stirn bzw. "ein brett vor dem kopf" - vor allen dingen, wenn man so "mit dem strom" im "mainstream" - im gleichschritt - mittrottete: "führer befiehl - wir folgen" ...

    mit seinem pr-gag hält der offensichtlich nicht ur-deutschstämmige serdar somuncu [ˈseɾdaɾ ˈsomund͡ʒu] (* 3. juni 1968 in istanbul, türkei) durchaus legitim - als deutscher kabarettist, autor, regisseur und politiker - ziemlich provokant der "nazi"-generation und all ihren nachkommen und der gesellschaftlichen gemengelage heutzutage rigoros den spiegel vor - und zur bundestagswahl 2017 trat er außerdem als kanzlerkandidat der partei die PARTEI an. gelegentlich tritt er auch als musiker, schauspieler und synchronsprecher in erscheinung.

    der aufschrei über seinen pr-gag - und der tröpfchenweise anschwellende aufschrei bei der "echo"-verleihung ein paar tage vorher - hat meines erachtens auch viel mit dem kollektiven und nur verdrängten aber nicht aufgearbeiteten "schlechten gewissen" im bewusstseinskollektiv dieses "abendländisch-christlich-jüdischen" volkes "der dichter und denker" - und des zumindest bis diesen sommer amtierenden fußball-weltmeisters - zu tun ... respekt und chapeau allen beteiligten, diese verdrängung immer wieder offenzulegen ... - S!


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    RASSISMUS UND SPRACHE

    Auch wer „Negerpüppis“ liebte, sagt nicht mehr „Neger“

    Der MDR fragte in einem Tweet: „Darf man heute noch ‚Neger‘ sagen?“ Die Antwort ist einfach: Man darf. Aber man verrät sich dadurch als unhöflicher Trottel mit schlechtem Benehmen. Eine Wortbetrachtung.


    Es ist faszinierend, dass in einem Land, in dem es nach wie vor relativ wenige schwarze Menschen gibt, kaum ein Wort so große Sprengkraft entfalten kann wie eine historische Bezeichnung für ebendiesen Personenkreis, die bei jedem Vernünftigen längst aus der Mode gekommen ist. Die Erregung um den Tweet des MDR, der eine mittlerweile abgesagte Radiodiskussion zum Thema „politische Korrektheit“ mit der Frage „Darf man heute noch Neger sagen?“ anpries, ist ja nicht die erste dieser Art.

    Ältere Menschen werden sich erinnern, dass eine der letzten große Literaturdebatten (vor der Avenidas-„Was darf Lyrik?“-Debatte) 2013 damit begann, dass die damalige Familienministerin Kristina Schröder (CDU) erklärte, sie ersetze die Wörter Negerkönig und Negerprinzessin, wenn sie ihrem Kind Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ vorläse.

    Zu diesem Zeitpunkt waren die Ausdrücke in neueren Ausgaben des Kinderbuchklassikers schon durch Südseekönig und Südseeprinzessin ausgetauscht – zwei Wörter, die den Vorlesern schon länger in Fußnoten als Alternativen vorgeschlagen wurden. Kurz darauf wurden auch Negerlein in Ottfried Preußlers „Die kleine Hexe“ durch Messerwerfer ersetzt. Das hatte der greise Autor noch selbst genehmigt. Astrid Lindgren war da schon tot, aber man darf davon ausgehen, dass sie das Wort Neger genauso wenig als zentral für ihre literarische Botschaft ansah wie ihr deutscher Kollege.

    Ernst Neger war ein Näher

    Zwei Jahre später attackierten Aktivisten die Dachdeckerei Neger in Mainz, deren Firmenschild die Silhouette eines schwarzen Menschen zeigt. Entworfen hat es der Großvater des heutigen Firmeninhabers, Ernst Neger, ein Sänger von Karnevals- und Stimmungsliedern. Der Mainzer Fall war insofern besonders interessant, weil der Familienname Neger gar nichts mit Afrikanern zu tun hat, sondern nur eine dialektale Variante der Berufsbezeichnung Näher ist.

    Neger als Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe geht dagegen auf das spanische negro und das französische nègre zurück, die wiederum auf lateinisch niger „schwarz“ zurückzuführen sind. Es wurde seit dem 17. Jahrhundert im Gegensatz zum schon damals eher dem gehobenen, literarischen Stil zugehörigen Mohr das alltägliche allgegenwärtige Wort. Man nannte so nicht nur Afrikaner. Bis sich seit den Siebzigerjahren auch bei uns Aborigenes durchsetzte, hießen die australischen Ureinwohner hierzulande Australneger.

    Es heißt, Neger sei früher ein wertfreies, nicht rassistisches Wort gewesen. Aber das ist zweifelhaft. Denn der Begriff ist eng mit dem Weltbild des 18. und 19. Jahrhunderts verknüpft, also Epochen, die Schwarze fast durchweg als inferior ansahen – auch wenn ihnen einzelne Menschen wohlwollend paternalistisch gegenübertraten.

    In Deutschland wurde das Wort dann endgültig ruiniert durch den besonders gehässigen Gebrauch, den der Nationalsozialismus und seine Stichwortgeber davon machten. Ein Schlüsselerlebnis war für sie die „schwarze Schmach“, die Besetzung von Teilen Westdeutschlands durch französische Truppen Anfang der Zwanzigerjahre, bei der auch Soldaten aus den afrikanischen Kolonien eingesetzt wurden. Die Vernegerung Frankreichs galt den Nazis seitdem als erwiesen. Der Unterschied zwischen eher freundlichem Mohr und Neger zeigt sich schon darin, dass es keine den gehässigen Negermusik oder vernegern vergleichbare Wortbildungen mit Mohr gegeben zu haben scheint.

    Trotzdem wurde Neger bis in die Siebzigerjahre hinein unbefangen gebraucht, nicht zuletzt, weil selbst ein Bürgerrechtler wie Martin Luther King im Englischen von negroes sprach. Als wirklich schlimm galt nur das im 19. Jahrhundert aus den USA importierte Nigger. Noch in den Achtzigerjahren benutzten es sogar eher linke Künstler und Intellektuelle, Neger eher spielerisch gegen den Stachel der schon damals aufkommenden sprachlichen Korrektheit löckend. In dieses Feld gehören „der weiße Neger Wumbaba“ des Cartoonisten Bernd Pfarr ebenso wie der Filmtitel „Der Neger Erwin“ von Herbert Achternbusch. Einer der Diederichsen-Brüder Detlev und Diedrich schrieb 1982 im „Sounds“ über Musik der amerikanischen Schwarzen und wählte dafür das Pseudonym „Neger Negersen“.

    Der weiße Neger Wumbaba

    Unmöglich wurde das Wort erst, als die Zahl der Afrodeutschen allmählich zunahm und diese es sich verbaten, Neger genannt zu werden. Der Verzicht auf diese Bezeichnung ist nicht unbedingt eine Frage neumodischer Ideen von politisch korrekter Sprache, sondern ein Impuls altmodischer Höflichkeit und Zivilisiertheit – zwei Verhaltens-Codices, die bei der aktuellen Brüllrechten aus der Mode gekommen sind. Er fällt umso leichter, weil das Wort außer für Rassentheoretiker niemals einen hohen Wert hatte. Wo Achternbuschs Film oder Jean Genets Stück „Die Neger“ noch gezeigt werden, können Erwachsene die Konfrontation mit historischen Sprachformen wohl aushalten. In der Alltagssprache ist es überflüssig.

    Bei jeder neuen Neger-Debatte seit 2013 melden sich aber auch immer wieder Menschen, die fürchten, mit der Zurückdrängung des Worts ginge uns eine bewahrenswerte Kulturtradition verloren. Vor allem ältere Herren scheinen ihre schönsten Kindheitserinnerungen mit dem Ausdruck zu verbinden. Gewiss war es schön, der Negerpüppi in der Puppenstube einen Negerkuss zu servieren. Man sollte aus ein halbes Jahrhundert zurückliegenden Spielen dennoch keine Verhaltensregeln für die Gegenwart ableiten.

    DIE WELT

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    also - ich bin auch damit aufgewachsen, dass dunkelhäutige mitmenschen "neger" hießen. es gab sie bei den englischen soldaten, die hier einige kasernen unterhielten - und ich kannte sie von bildern und als puppen. meine cousine hatte auch ein "neger-püppchen" ...

    erst nach und nach habe ich internalisiert, dass im zuge eines "political correctness" hypes der "neger" obsolet wurde - und damit auch der "negerkuss" - und man wollte sogar pippi langstrumpfs "negerkönig" an die wäsche bzw. ihm seine schwarze haut über die schwarz-rot leuchtenden ohren ziehen ...

    so ganz konnte ich das nie nachvollziehen - besonders nicht, wenn man alte original-texte im nachhinein verschlimmbessern wollte, in dem pippis "negerkönig" zum "südseekönig" mutiert werden sollte, ohne dass astrid lindgren dazu etwa ihr okay noch geben konnte...

    okay - soviel hatte ich mir angelesen: "nigger" war ein schimpfwort aus der kolonialzeit - und so wurden schwarze sklaven bezeichnet. aber war "neger" gleichzusetzen" mit "nigger" ???

    da es sich nicht mehr schickt, werde ich das wort "neger" möglichst vermeiden - obwohl ich ja inzwischen auch nicht mehr "mohrenkopf" sagen soll, stattdessen "schoko"- oder "schaumkuss": wobei beide begriffe mir rein optisch als tatsächliches kuss-attribut auch nicht sehr ästhetisch scheinen ... - die assoziationen zu schaum etwa: "schäumt vor wut" - "schaum vor dem mund" - "träume sind schäume" ...
    nun ja ...: man/frau kann nicht alles haben - und "deutsche sprache - schwere sprache" ...

    sprache lebt mit uns: wörter und begriffe und namen werden geboren oder haben eine hoch-zeit, ihre saison, ehe sie wieder vergehen ... und abgelöst werden - ja nach gusto ...

    das ist also alles nicht weiter schlimm ... - und wenn wir begriffe aud der umgangssprache nicht mehr verwenden, weil sie im nationalsozialismus zum beispiel rassistisch konnotiert wurden - ist ja die spannende frage, sollen wir uns die ale unbedarfte bedeutung zurückerobern - oder geben wir dem damaligen braunen zeitgeist einfach nach ...: jüngste beispiele dazu sind die begriffe: journaille, zersetzung, altparteien, lügenpresse, volksverräter, minderwertig - wie überhaupt alle begriffe die vom stammwort "volk" abgewandelt wurden, wie "völkisch", "umvolkung" usw., die alle gern auch von joseph goebbels und konsorten eifrig in einem "zersetzenden" geist benutzt wurden ... - und neuerdings auch wieder gern in diesem sinne von herrn gauland und bis vor kurzem von frauke petry und allen "gesinnungsgenossen" ...

    aber - ob zum beispiel "inklusion" oder "besonders förderungsbedürftig" besser ist als z.b. "gleichwertig" bzw."behindert" sei mal dahingestellt ...

    frühere ganz normale medizinische bezeichnungen wie "idiotie" oder "epilepsie" haben da ja eine ganz eigenartige schimpfwort-"karriere" hinter sich ...

    und doch bleibt es wohl dabei: "wer die musik bezahlt, bestimmt was gespielt wird" ...

    und selbst luthers bibelübersetzung hat ja inzwischen in all den jahrhunderten ein paar revisionen über sich ergehen lassen müssen - mit viel aufwand und tam-tam ... - S!


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