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    Papst Franziskus - s!NEdi|photo|bearbeitung nach einem Bild von http://de.academic.ru





    "Wenn wir rausgehen auf die Straße, dann können Unfälle passieren. 
    Aber wenn sich die Kirche nicht öffnet,
    nicht rausgeht,
    und sich nur um sich selbst schert,
    wird sie alt.
    Wenn ich die Wahl habe zwischen einer Kirche,
    die sich beim Rausgehen auf die Straße Verletzungen zuzieht
    und einer Kirche, die erkrankt,
    weil sie sich nur mit sich selbst beschäftigt,
    dann habe ich keine Zweifel:
    Ich würde die erste Option wählen."

    Jorge Mario Bergoglio, 
    der neue Papst Franziskus 



    Zitatquelle: SPIEGEL-ONLINE





    s!NEdi|photo|graphy: wenn wir rausgehen auf die straße ...

    s!NEdi|photography: es gibt viel zu tun - packen wir's an ...





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    etwas irritierende Überschrift  über eine etwas dahingeklirrte Kolumne "Post von Wagner" - BILD.de

    Was fasziniert uns so an der Papst-Wahl? - Um es vorweg zu nehmen: Das "Wunderbare" ...

    F.J. Wagner, der "Chefkolumnist" (nicht etwa: -"kommunist") von BILD vermutet in seinem Beitrag "Post von Wagner" etwa: "Es fasziniert uns die unmoderne Welt. Es fasziniert uns die Welt vor 2000 Jahren."

    Die Papst-Wahl sei wie eine Rückerinnerung an die (Er-)Bauer der Pyramiden, meint er [und bringt damit etwas in den Zeit-Zuordnungen durcheinander - die Pyramiden wurden schließlich ca. 2500 v. Jesu Geburt erbaut] und Jesus selbst sei ja zu Fuß über "einen See" gegangen: "All diese Geschichten. All diese Wunder.", meint Wagner - und schließt seinen "Brief":
    "Vor 2000 Jahren saßen die Christen in einer Höhle - [welche Höhle er da meint - und welche Geschichte er damit andeuten möchte, bleibt dabei sein Geheimnis ... - er verwechselt die Christen hoffentlich nicht mit den Mammutjägern ...] - und jetzt sitzen die Christen in der Sixtinischen Kapelle."  [ ... - und nicht alle - von fast 2 Mrd. insgesamt auf der Welt eben nur diese bestimmten 115 katholische Kardinäle   ...] - und dann kommts - aber mit Wucht: Sie suchen Gott, schreibt Wagner.

    Und dann nennt er den verblüffenden Grund seiner hingeklirrten Zeilen, für die er wahrscheinlich echt Kohle bekommt: "Ein Papst ist kein Gott. Das eigentlich wollte ich mit diesem Brief sagen." Soweit der Chefkolumnist von BILD, Franz Josef Wagner ....

    Danke, lieber Herr Wagner, für diese Belehrung: Ein Papst ist natürlich "kein Gott" und "DER GOTT" schon gar nicht. Und den suchen die Kardinäle auch nicht - denn ihren Gott haben sie längst gefunden. Aber der Papst wird immerhin als "Stellvertreter" bezeichnet oder lässt sich als solcher bezeichnen - oder wird als solcher verhöhnt - je nachdem, wie gut oder schlecht man es mit ihm meint ...

    Aber - zurück zu der Eingangsfrage: Was fasziniert uns so an der Papst-Wahl?

    Da gibt es immer so Momente - auch bei mir, die mich im Nu gefangennehmen - und wo von irgendwoher ein eigentümliches und auch anrührendes elekrisierendes Gefühl hereinbricht. Vielleicht ist es das "Kollektive Unbewusste", wie es der Psychoanalytiker C.G. Jung vermutet. Keine Ahnung. 

    Und meist sind es diese auch heute - in der "modernen" Welt - uns noch überraschenden Momente - nicht vorhersehbar - nicht berechenbar - leider zumeist auch verbunden mit etwas "Massenhysterie" und Trauer: Also bei mir waren so eigenartig unvergesslich und anrührend z.B. Lady Di's Beerdigung 1997 - und dann natürlich 9/11 2001 - und vorher schon: die Erschießungen J.F. Kennedys und Martin Luther Kings, das Attentat auf Rudi Dutschke und sein grausamer stiller Tod in der Badewanne ausgerechnet am Heiligen Abend 1979 [Geburt in der Krippe - Tod in der Badewanne ...] - aber auch - um mal positive Beispiele zu nennen - das Abschmettern des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt 1972 - und die Wahl vom ersten Grünen Ministerpräsident Kretschmann im "Ländle" 2011 ...

    Da laufen einem dann so eigenartige Schauer durch und durch - und man kann sich noch Jahre später genau erinnern, wo man gerade war - und wie die Umstände waren, als man von diesen Ereignissen erfuhr. Oder auch - als man mich 1996 auf dem Bahnsteig in Tel Aviv darauf hinwies, ich solle mich nicht beim Warten auf den Zug nach Jerusalem so nah an die Abfallkörbe stellen, die dort hängen, da könne immer mal Sprengstoff deponiert sein ...: Eigenartige Momente - um nur einige hier zu nennen ...


    ... direkt zum 5. Wahlgang gegen 17.45 Uhr setzte sich diese Möwe auf den Rauchzeichen-Schornstein des Konklave auf der Sixtinischen Kapelle - Foto: SPIEGEL.de/REUTERS



    So ähnlich war das jetzt auch mit der Papstwahl: Nicht nur Papst Benedikt XVI selbst war es ja leid - und dann kommt alles anders als man denkt. Und so habe ich hier viele Minutenlang vor dem Monitor gesessen und auf den Schornstein gestarrt, aus dem dann der Rauch als Zeichen aufsteigen soll - und als ich dann gestern auch noch sehe, wie sich eine Möwe oder eine Taube dort oben niederließ - nun, da war für mich klar: gleich wird der neue Papst ausgerufen - die Zeichen des Himmels sind unübersehbar - genauso wie kurz nach der Rücktrittsankündigung von Benedikt ja als "Zeichen" ein Blitz in die Kuppel des Petersdoms fuhr ...

    Und irgendwie beruhigt es mich unterdessen und macht mich zufrieden, wenn ich sehe,
    dass all die ausgeklügelten und einprogrammierten Algorithmen der "Spieltheorie" (s. das Buch von Frank Schirrmacher: EGO - das Spiel des Lebens, Blessing 2013) noch nicht alle Ereignisse bis ins Kleinste berechnen können - und einige Dinge aus den "normalen Abläufen" brechen, weil sich Menschen dann noch oft genug nicht "normgerecht" pur egoistisch - und somit algorithmengesteuert - verhalten.

    Und so ja auch das Wahlergebnis: Ich nehme den Kardinälen schon ab - dass sie eher beten um eine gute Entscheidung als irgendein algorithmengesteuertes PC-Spiel-Programm zur Papst-Wahl flugs durchlaufen zu lassen: Und so wird es dann auch nicht einer der prominenten Favoriten wie Scola, Scherer, Schönborn... - sondern ein bescheidener Mensch und Kardinal aus Südamerika, "vom Ende der Welt", wie er selbst sagt, und der sich auch gleich den Namen FRANZISKUS erwählt - und damit schon ziemlich viel Visitenkarte zeigt - und wofür sein Herz schlägt - hoffentlich ...

    Der Chefkolumnist von BILD lallt in seinem "Brief" da etwas von: "All diese Geschichten. All diese Wunder" ... - Ja - da wo wir selbst vollständig durchleuchtet sind und "vermarktet" bzw. "marktkonform" sind und eine ebensolche "Demokratie" im Merkelismus zu pflegen haben, gibt es sie noch - diese alltäglichen "Wunder": 
    "Wunder gibt es immer wieder - heute oder morgen können sie geschehn. Wunder gibt es immer wieder - wenn sie dir begegnen musst du sie auch sehn ...", wusste schon Katja Ebstein beim Grand Prix 1970 - und wurde überraschend Dritte ... Ist das nicht alles wunderbar ...




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    s!NEdi|kritzel. erster versuch auf blätterbretter  | urform




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    MAIDSTONE (ENGLAND)

    Kein Eintritt - Dunkelkammer. Eine eher ungewöhnliche Warnung an einem Künstler-Atelier.

    Doch der Brite Nick Veasey geht hier den Dingen auf den Grund. Mit Hilfe von Röntgen-Strahlen erschafft er ungewöhnliche Fotografien, von Menschen über Blumen bis hin zu Gegenständen: "Die besten Objekte für die Röntgenfotografie sind die, die man völlig anders sehen kann. Ich habe kein Interesse daran, so etwas wie Glas zu röntgen. Ich zeige keine Dinge, die man mit dem menschlichen Auge nicht sehen kann. Ich will die Menschen mit der Technik begeistern und dafür sorgen, dass sie die Welt um sich herum auf neue Art zu schätzen wissen."

    Zur Technik des Röntgens kam der frühere Werbefotograf aus London eher zufällig. "Ich hatte als normaler Fotograf ganz schön zu kämpfen. Dann wurde ich gefragt, ob ich eine Coladose für ein Frühstücksfernsehen röntgen könnte. Sie wussten nicht, wie sie das machen sollten, und, um ehrlich zu sein, ich auch nicht. Aber ich habe eine Lösung gefunden, wie man nicht mit medizinischer, sondern mit industrieller Ausrüstung röntgen kann. Und ich war sofort begeistert." 

    Die Größe der Objekte stellt hin und wieder eine große Herausforderung an den Künstler dar. Doch auch davon lässt er sich nicht bremsen - er fotografiert sie in Teilen. Für einen Jet der United Airlines brauchte er ein Jahr. Und er hat noch viel vor. 

    "Mein Ziel ist, die größte Kollektion an Röntgen-Bildern zu hinterlassen, die je geschaffen wurde. Kurzfristig möchte ich meine Arbeit in mehr Museen bringen, so dass mehr Menschen sie sehen. Jeder Künstler will das, und ich bin da nicht anders." Veasey stellt in diesem Jahr noch in Großbritannien und Kanada aus. Eines seiner großen Ziele ist die Abbildung einer Apollo-Raumkapsel. 

    http://www.stern.de/video/video-kunst-dank-roentgenstrahlen-1983569.html


    1designperday.com

    printed-editions.com

    gemwelsherblog.wordpress.com


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    kulissenverschiebung:
    hinter den gekippten brettern
    die die welt bedeuten
    kauern sie - bunt verschminkt
    und warten auf ihre szene
    auf ihren einsatz
    auf ihren applaus
    sie wissen nicht - ob sie sind
    oder nicht sind

    in blauen kübeln - vorn
    zusammengerollt ihre rollen
    nichtssagendes vielleicht
    sternstunden der dramatik
    das bleibt wie es ist 
    und jetzt erstmal dahingestellt

    theaterdonner nur - 
    nichts wie schall & rauch
    mit übertriebener gestik
    lautstark deklamiert
    eine illusion nur - 
    denn just bin ich
    aufgewacht worden ...

    sinedi





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    12. Januar 2012 14:55 | Sueddeutsche.de 

    Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft

    "Kapitalismus braucht keine Demokratie"

    Wahnsinn als Selbstverständlichkeit: Seit Jahren ist es offensichtlich, dass die Demokratie ruiniert wird und der Sozialstaat zerfällt. Privatisierte Gewinne und sozialisierte Verluste sind zur Selbstverständlichkeit verkommen. 13 Gründe, sich selbst wieder ernst zu nehmen.

    Ein Gastbeitrag von Ingo Schulze, Schriftsteller

    Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben, denn ich weiß nicht mehr, was ich noch schreiben soll. Es ist alles so offensichtlich: die Abschaffung der Demokratie, die zunehmende soziale und ökonomische Polarisation in Arm und Reich, der Ruin des Sozialstaates, die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche (der Bildung, des Gesundheitswesens, des öffentlichen Verkehrssystems usw.), die Blindheit für den Rechtsextremismus, das Geschwafel der Medien, die pausenlos reden, um über die eigentlichen Probleme nicht sprechen zu müssen, die offene und verdeckte Zensur (mal als direkte Ablehnung, mal in Form von "Quote" oder "Format") und, und, und. . .

    Die Intellektuellen schweigen. Aus den Universitäten hört man nichts, von den sogenannten Vordenkern nichts, hier und da gibt es einzelnes kurzes Aufflackern, dann wieder Dunkel. Ich kann nur den Gemeinplatz wiederholen: Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste sozialisiert. Und ich wünschte, ich könnte Gegenbeispiele nennen.

    Wenn man Tag für Tag den Wahnsinn als Selbstverständlichkeit aufgetischt bekommt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man sich selbst für krank und abnorm hält. Im Folgenden versuche ich, einige Gedanken zusammenzufassen, die mir wichtig erscheinen:

    1. Von einem Angriff auf die Demokratie zu sprechen, ist euphemistisch. Eine Situation, in der es der Minderheit einer Minderheit gestattet wird, es also legal ist, das Gemeinwohl der eigenen Bereicherung wegen schwer zu schädigen, ist postdemokratisch. Schuld ist das Gemeinwesen selbst, weil es sich nicht gegen seine Ausplünderung schützt, weil es nicht in der Lage ist, Vertreter zu wählen, die seine Interessen wahrnehmen.

    2. Jeden Tag ist zu hören, die Regierungen müssten "die Märkte beruhigen" und "das Vertrauen der Märkte wiedergewinnen". Mit Märkten sind vor allem die Börsen und Finanzmärkte gemeint, damit also jene Akteure, die im eigenen Interesse oder im Auftrag anderer spekulieren, um möglichst viel Gewinn zu machen. Sind das nicht jene, die das Gemeinwesen um unvorstellbare Milliarden erleichtert haben? Um deren Vertrauen sollen unsere obersten Volksvertreter ringen?

    3. Wir empören uns zu Recht über Wladimir Putins Begriff der "gelenkten Demokratie". Warum musste Angela Merkel nicht zurücktreten, als sie von "marktkonformer Demokratie" sprach?

    4. Der Kapitalismus braucht keine Demokratie, sondern stabile Verhältnisse. Dass funktionierende demokratische Strukturen eher als Gegenkraft und Bremse des Kapitalismus wirken können und so auch wahrgenommen werden, machten die Reaktionen auf die angekündigte Volksabstimmung in Griechenland und deren baldige Rücknahme deutlich.




    "Die Sprache der Politiker ist nicht mehr in der Lage, die Wirklichkeit zu erfassen"

    5. Spätestens mit der Finanzkrise des Jahres 2008 glaubte ich, dass unser Gemeinwesen so viel Selbsterhaltungstrieb besitzt, dass es sich wirkungsvoll schützt. Das war nicht nur ein Irrtum. Diese Hoffnung hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.

    6. Durch den Zusammenbruch des Ostblocks gelangten einige Ideologien zu einer Hegemonie, die so unangefochten war, dass man sie schon als Selbstverständlichkeit empfand. Ein Beispiel wäre die Privatisierung. Privatisierung wurde als etwas uneingeschränkt Positives angesehen. Alles, was nicht privatisiert wurde, was im Besitz des Gemeinwesens blieb und keinem privaten Gewinnstreben unterworfen wurde, galt als ineffektiv und kundenunfreundlich. So entstand eine öffentliche Atmosphäre, die über kurz oder lang zur Selbstentmachtung des Gemeinwesens führen musste.

    7. Eine weitere, zu enormer Blüte gelangte Ideologie ist jene des Wachstums: "Ohne Wachstum ist alles nichts", hatte die Kanzlerin schon vor Jahren dekretiert. Ohne über diese beiden Ideologien zu reden, kann man auch nicht über die Euro-Krise reden.




    8. Die Sprache der Politiker, die uns vertreten sollten, ist gar nicht mehr in der Lage, die Wirklichkeit zu erfassen (Ähnliches habe ich bereits in der DDR erlebt). Es ist eine Sprache der Selbstgewissheit, die sich an keinem Gegenüber mehr überprüft und relativiert. Die Politik ist zu einem Vehikel verkommen, zu einem Blasebalg, um Wachstum anzufachen. Alles Heil wird vom Wachstum erwartet, alles Handeln wird diesem Ziel untergeordnet. Der Bürger wird auf den Verbraucher reduziert. Wachstum an sich bedeutet gar nichts. Das gesellschaftliche Ideal wäre der Playboy, der in möglichst kurzer Zeit möglichst viel verbraucht. Ein Krieg würde einen gewaltigen Wachstumsschub bewirken.

    9. Die einfachen Fragen: "Wem nutzt das?", "Wer verdient daran?" sind unfein geworden. Sitzen wir nicht alle im selben Boot? Haben wir nicht alle dieselben Interessen? Wer daran zweifelt, ist ein Klassenkämpfer. Die soziale und ökonomische Polarisation der Gesellschaft fand statt unter lautstarken Beschwörungen, dass wir alle die gleichen Interessen hätten. Es genügt ein Gang durch Berlin. In den besseren Vierteln sind die wenigen unsanierten Häuser in aller Regel Schulen, Kindergärten, Altersheime, Ämter, Schwimmbäder oder Krankenhäuser. In den sogenannten Problembezirken fallen die unsanierten öffentlichen Gebäude weniger auf, dort erkennt man die Armut an den Zahnlücken. Heute heißt es demagogisch: Wir haben alle über unsere Verhältnisse gelebt, jeder ist doch gierig.





    "Niemand sollte sich darüber wundern, dass die Kassen leer sind"

    10. Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern systematisch gegen die Wand gefahren, in dem es seiner Einnahmen beraubt wird. Der Spitzensteuersatz wurde in Deutschland von der Schröder-Regierung von 53 Prozent auf 42 Prozent gesenkt, die Unternehmensteuersätze (die Gewerbesteuer und die Körperschaftsteuer) wurden zwischen 1997 und 2009 fast halbiert, nämlich von 57,5 Prozent auf 29,4 Prozent. Niemand sollte sich darüber wundern, dass die Kassen leer sind, obwohl sich doch unser Bruttoinlandsprodukt Jahr um Jahr erhöht.

    11. Das Geld, das man den einen gibt, fehlt den anderen. Das Geld, das den Vermögenden dadurch bleibt, ist - glaubt man den Statistiken - nicht wie gewünscht in Investitionen geflossen, sondern in lukrativere Finanzmarktgeschäfte. Andererseits werden sozialstaatliche Leistungen überall in Europa abgeschafft, um den Banken, die sich verspekuliert haben, Rettungspakete auszuhändigen. Die "legitimatorischen Ressourcen der sozialen Demokratie werden (...) in dieser stupenden Umverteilung zu Gunsten der Reichen aufgezehrt" (Elmar Altvater, 2011).

    12. Eine Geschichte: Was uns einst als Gegensatz zwischen Ost- und Westdeutschland verkauft wurde, wird uns jetzt als ein Gegensatz zwischen Ländern dargestellt. Im März stellte ich in Porto in Portugal ein übersetztes Buch von mir vor. Eine Frage aus dem Publikum ließ die gesamte freundlich-interessierte Atmosphäre von einem Moment auf den anderen kippen. Plötzlich waren wir nur noch Deutsche und Portugiesen, die sich feindlich gegenübersaßen.

    Die Frage war unschön - ob wir, gemeint war ich, ein Deutscher, nicht jetzt mit dem Euro das schafften, was wir damals mit unseren Panzern nicht geschafft hätten. Niemand aus dem Publikum widersprach. Und ich reagierte - schlimm genug - plötzlich wie gewünscht, nämlich als Deutscher: Es werde ja niemand gezwungen, einen Mercedes zu kaufen, sagte ich beleidigt, und sie sollten froh sein, wenn sie Kredite bekämen, die billiger wären als Privatkredite. Ich hörte förmlich das Zeitungspapier zwischen meinen Lippen rascheln.

    In dem Getöse, das meiner Entgegnung folgte, kam ich endlich zu Verstand. Und da ich das Mikrofon in der Hand hatte, stammelte ich in meinem unvollkommenen Englisch, dass ich genau so dämlich wie sie reagiert hätte, dass wir allesamt in dieselbe Falle gingen, wenn wir als Portugiesen und Deutsche wie beim Fußballspiel reflexartig Partei ergriffen für die eigenen Farben. Als ginge es jetzt um Deutsche und Portugiesen und nicht um oben und unten, also um jene, die in Portugal wie in Deutschland diese Situation herbeigeführt und an ihr verdient hätten und nun weiter verdienten?

    13. Demokratie wäre, wenn die Politik durch Steuern, Gesetze und Kontrollen in die bestehende Wirtschaftsstruktur eingriffe und die Akteure an den Märkten, vor allem an den Finanzmärkten, in Bahnen zwänge, die mit den Interessen des Gemeinwesens vereinbar sind. Es geht um die einfachen Fragen: Wem nutzt es? Wer verdient daran? Ist das gut für unser Gemeinwesen? Letztlich wäre es die Frage: Was wollen wir für eine Gesellschaft? Das wäre für mich Demokratie.

    An dieser Stelle breche ich ab. Ich würde Ihnen noch gern von den anderen erzählen, von einem Professor, der sagte, er stehe wieder auf den Positionen, mit denen er als Fünfzehnjähriger die Welt gesehen hat, von einer Studie der ETH Zürich, die die Verflechtungen der Konzerne untersucht hat und auf eine Zahl von 147 kam, 147 Konzerne, die die Welt aufgeteilt haben, die fünfzig mächtigsten davon Banken und Versicherer (mit Ausnahme einer Erdölgesellschaft), ich würde noch gern erzählen, dass es darauf ankommt, sich selbst wieder ernst zu nehmen und Gleichgesinnte zu finden, weil man eine andere Sprache nicht allein sprechen kann. Und davon, dass ich wieder Lust bekam, den Mund aufzumachen.
    Der Autor Ingo Schulze, 1962 in Dresden geboren, ist Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm der Essayband "Orangen und Engel. Italienische Skizzen" (Berlin Verlag, Berlin 2010).
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    s!NEdi|photo|bearbeitung nach einem bild von welt.de | DAPD



    Ingo Schulze 
    (* 15. Dezember 1962 in Dresden) ist ein deutscher Schriftsteller.

    Leben

    Schulze, Sohn eines Physikprofessors und einer Ärztin, wuchs nach der Scheidung der Eltern bei seiner Mutter auf. Nach seinem Abitur, das er 1981 an der Dresdner Kreuzschule ablegte, absolvierte er den Grundwehrdienst in der NVA; bis 1988 studierte er Klassische Philologie an der Universität Jena. Anschließend war Schulze für zwei Jahre als Dramaturg am Landestheater Altenburg, das er verließ, um als Journalist zu arbeiten: 1990 gründete er die „unabhängige Zeitung“ Altenburger Wochenblatt, die bis Herbst 1991 erschien, sowie ein Offertenblatt namens Anzeiger; beide wurden im Altenburger Verlag publiziert, dessen Geschäfte Schulze bis Ende 1992 leitete. Anfang 1993 ging er im Auftrag eines Geschäftsmannes nach Russland, wo er die Annoncenzeitung Привет Петербург (Privet Petersburg) lancierte. Seit Mitte der 90er-Jahre lebt Schulze als freier Schriftsteller in Berlin. Seine Frau und er haben zwei Töchter.

    Werk 

    Seine Erfahrungen aus der Zeit in Sankt Petersburg flossen in Schulzes erste Buchveröffentlichung ein. Die Erzählungen in "33 Augenblicke des Glücks" (1995) sind im Umfeld der russischen Großstadt angesiedelt. Schulze greift hierbei auf eine Herausgeberfiktion zurück, die seine Texte einem literarisch gebildeten Journalisten aus Deutschland zuschreibt, der in Sankt Petersburg verschwunden sei. 

    Der Erzählband wurde von der Kritik überwiegend positiv aufgenommen. Seine 1998 veröffentlichten Simple Storys spielen im thüringischen Altenburg, wo Schulze gelebt und gearbeitet hatte; im Mittelpunkt stehen die Folgen der Wende auf das Leben seiner Figuren, deren Darstellung das Fehlen jeglicher "Nachwendeweinerlichkeit" attestiert wurde. Geprägt war der Text durch einen Stil, den Rezensenten als mitleidslos und genau bezeichneten, der Autor selbst als "diesen Short-Story-Ton, [der] die Sache einfacher" gemacht habe. Günter Grass würdigte Schulze nach Erscheinen des Werkes als einen der "großartigen Erzähler" der neuen Bundesländer.

    Nach der Veröffentlichung mehrerer Erzählungen folgte erst 2005 der nächste Roman "Neue Leben". Erzählt wird darin die Geschichte des Autors und Zeitungsredakteurs Enrico Türmer, der im Jahr der deutschen Wiedervereinigung einem Freund, seiner Schwester und einer Geliebten schreibt. Schulze zieht sich erneut in die Position eines Herausgebers zurück, der die Briefe, aus denen der Roman besteht, lediglich aufbereitet habe; er bedient sich damit eines für den Briefroman des 18. Jahrhunderts typischen Kunstgriffs, dessen Reaktivierung von der Kritik nicht einhellig begrüßt wurde. Während FAZ-Kritiker Richard Kämmerlings fragte "Geht es nicht noch ein bißchen altbackener?", sah Jörg Magenau von der "tageszeitung" in dieser Verknüpfung den "eigentliche[n] Clou des Romans". Das Werk ordneten einige Rezensenten, nicht immer ohne Ironie, als den lange erwarteten "ultimativen Wenderoman" ein.

    Aus Anlass des 800-jährigen Bestehens seiner Geburtsstadt Dresden verfasste Ingo Schulze für den MDR figaro einen am 3. Mai 2006 ausgestrahlten Essay zum Thema „Mythos Dresden“ mit dem Titel "Nachtgedanken". Schulze beteiligte sich auch an der Ausstellung "Mythos Dresden" im Deutschen Hygienemuseum Dresden.

    Schulzes Erzählsammlung "Handy. 13 Geschichten in alter Manier", die 2007 in die Läden kam, rief fast einhelliges Lob hervor. So beurteilte sie etwa Volker Weidermann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, verglichen mit Neue Leben, als "lässiger, einfacher, ruhiger und einfach sehr, sehr schön geschrieben".

    Für breite Aufmerksamkeit auch in überregionalen Medien sorgte Schulzes Dankesrede zur Verleihung des Thüringer Literaturpreises 2007, in der er die steigende Bedeutung des Sponsorings im Kulturbereich bei gleichzeitigem Rückzug des Staates aus diesem thematisierte.

    Schulzes jüngster Roman "Adam und Evelyn" erhielt neben fünf weiteren Finalisten eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis 2008.

    Schulzes 2010 erschienener Erzählband "Orangen und Engel. Italienische Skizzen" ist entstanden im Zusammenhang mit einem Stipendien-Aufenthalt des Autors in der Villa Massimo in Rom. Es handelt sich dabei um Erzählungen, in denen zumeist einfache Leute aus dem großstädtischen römischen Umfeld im Mittelpunkt stehen; die Geschichten geben sich als tatsächliche Erlebnisse des Autors, sind auch in der Ich-Form erzählt; allerdings verlassen sie dieses autobiographische Muster dann fast unmerklich, werden hintergründig, haben meist auch einen uneindeutigen Schluss.

    Politische Äußerungen

    Anfang 2012 wurden Ingo Schulzes in der Süddeutschen Zeitung publizierten "Thesen gegen die Ausplünderung der Gesellschaft" und seine Dresdner Rede "Wider die marktkonforme Demokratie" sehr beachtet. (WIKIPEDIA)

    (alle nicht gezeichneten Photos: s!NEdi)

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    Armut? Nein danke!

    Vieles geschönt, Brisantes gestrichen: Die Bundesregierung erweckt mit ihrem neuen Armuts- und Reichtumsbericht den Eindruck, als wolle sie gar keine Politik machen. Jedenfalls keine gerechte. Angela Merkel und Philipp Rösler sind und bleiben das Dream Team der Reichen.

    Ein Zwischenruf von Franz Segbers


    Die Arbeitslosigkeit sei auf den niedrigsten Stand seit der Einführung von Hartz IV; es gebe Beschäftigtenzahlen wie noch nie: Dieses schöne Bild einer erfolgreichen Regierungspolitik wollte sich die Bundesregierung durch einen Armuts- und Reichtumsbericht nicht vermiesen lassen.

    Pech nur, dass zum ersten Mal nicht hinter verschlossenen Türen der Ministerien, sondern vor aller Augen geschönt, gestrichen, zensiert und korrigiert wurde, was nicht sein sollte. Das FDP-geführte Wirtschaftsministerium unter Philipp Rösler nämlich machte sich daran, den im November des letzten Jahres bekannt gewordenen Entwurf des Berichts passgerecht zu machen. Altersarmut – derzeit in aller Munde – wird »kein Problem« genannt, denn es gibt die Grundsicherung. Auch Kinderarmut wird nicht thematisiert, lieber spricht die Regierung von den Bildungschancen. Im Vorentwurf konnte man noch lesen: »Die Privateinkommen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt.« Nach der FDP-Zensur fehlt dieser unschöne Satz.

    Oben nimmt das Einkommen zu, unten sinken die Löhne

    Doch an der Realität kommt sogar dieser Bericht nicht vorbei: Die untere Hälfte aller Haushalte verfügt nur über gut ein Prozent des gesamten Nettovermögens, während die reichsten zehn Prozent der Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens ihr Eigen nennen. Das oberste Zehntel wird immer reicher und die untere Hälfte immer ärmer.

    Nicht anders geht es bei der Lohnentwicklung zu: Oben nimmt das Einkommen zu und unten sinken die Löhne. »Eine solche Einkommensentwicklung verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung.« Dieser berechtigte Kommentar war in der Entwurfsfassung noch zu lesen und fiel der wirtschaftsministeriellen Zensur zum Opfer. Und dabei ist der Niedriglohn das Einfallstor für Armut. Wer im Niedriglohnsektor arbeitet, der ist arm trotz Arbeit und nur einen unvorhergesehenen Schicksalsschlag – wie Krankheit oder Scheidung – vom Absturz in Armut entfernt.


    aus der ersten Seite von: "Der Hessische Landbote" von Georg Büchner, Juli 1834

    Der Bericht beweist: Die Regierung will gar nichts gegen Armut tun

    Die Bundesregierung verwechselt den Armutsbericht mit einer Leistungsschau ihrer Regierungspolitik. Dabei ginge es darum, dass der Bericht Hinweise darauf gibt, welche Möglichkeiten ein Land hat, Armut zu bekämpfen. Deutschland ist reich. Deshalb hieß es auch völlig zu Recht noch im Entwurf, dass die Bundesregierung prüfen wolle, ob und wie über die Progression in der Einkommenssteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann. Doch aus dem Prüfauftrag wird nichts. In der Endfassung geht es um private Wohltätigkeit: »Privates Vermögen wird teilweise für wohltätige Zwecke aufgewendet.« Die Vermögenden sollen dazu gewonnen werden, sich künftig noch stärker für das Gemeinwesen zu engagieren. Im Blick ist dabei vor allem die Kultur – nicht die Armut. Dabei bräuchten wir stattdessen eine gerechte Steuerpolitik.
    Das Problem ist nicht allein, dass die Regierung einen aufgehübschten Bericht vorgelegt hat. Der Skandal ist, dass er der Beweis für den Unwillen der Regierung ist, die Realität von Armut mitten in einem reichen Land überhaupt ernst zu nehmen.
    Armut in einem reichen Land ist ein Skandal, der nicht hingenommen werden darf. Deshalb ist eine Forderung aus dem Sozialwort der Kirchen aus dem Jahr 1997 nach wie vor hoch aktuell: »Nicht nur Armut, auch Reichtum muss ein Thema der politischen Debatte sein. Umverteilung ist gegenwärtig häufig Umverteilung des Mangels, weil der Überfluss auf der anderen Seite geschont wird.«

    http://www.publik-forum.de/Politik-Gesellschaft/armut-nein-danke

    siehe auch:
    http://nunchic.blogspot.de/search/label/Armuts-%20und%20Reichstumbericht


    Franz Segbers, geboren 1949 im Ruhrgebiet, ist Professor für Sozialethik an der Universität Marburg. Bis 2012 war er Sprecher der Landesarmutskonferenz Rheinland-Pfalz, bis 2011 Referent für Arbeit, Ethik und Sozialpolitik im Diakonischen Werk Hessen und Nassau.

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    Am 26. Februar 2012 - also vor gut einem Jahr - hat der Schriftsteller Ingo Schulze im Rahmen der “Dresdner Reden 2012” *) im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter der Überschrift “Unsere schönen neuen Kleider | Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” gehalten. Die vollständige Rede gibt es als pdf bei den Nachdenkseiten zum Download. Die 26 Seiten durchzulesen lohnt sich auf jeden Fall. Ingo Schulze übernimmt in diesem Text die Rolle des Kindes aus dem Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, das ausruft: “Aber der hat doch nichts an”. Er spricht eine Wahrheit aus, die niemand gern hören will. 

    Ich werde in den nächsten Tagen plakativ einige Kernsätze dieser Rede hier ins Blog posten und mit meinen Möglichkeiten versuchen, sie zu illustrieren ... - einfach um Sie neugierig zu machen - aber auch um Sie aufzuschrecken, denn klammheimlich scheint es unserer jungen Demokratie in Deutschland an den Kragen zu gehen ...

    Ich habe diese Rede kennengelernt, als ich im Rahmen meiner "EGO"-Lektüre (Frank Schirrmacher: EGO - Das Spiel des Lebens, Blessing, 2013) zu dem Merkelanismus-Begriff "marktkonforme Demokratie" gegoogelt habe.

    Sie können diese Rede auch als Buch kaufen oder als Kindle-Edition herunterladen:
    Ingo Schulze | Unsere schönen neuen Kleider | Gegen eine marktkonforme Demokratie - für demokratiekonforme Märkte, Hanser-Verlag Berlin, 2012 



    siehe auch:
    http://nunchic.blogspot.de/2013/03/kapitalismus-braucht-keine-demokratie.html
    http://nunchic.blogspot.de/2013/02/demokratie-marktkonform-this-is-end.html

    *) In den vergangenen über 20 Jahren war die Reihe "Dresdner Reden" geprägt von der völligen Freiheit der Vortragenden, zu welchem Thema sie sprechen wollten. Kein Motto stand über den Dresdner Reden, allein der „Gedanke zur Zeit“ war das verbindende Element der Reden eines Jahrgangs – sonst war es dem Redner überlassen, aus welchem Blickwinkel aus er die Welt betrachten wollte. 
    Die Sächsische Zeitung und das Staatsschauspiel Dresden, die die Redenreihe als Kooperationspartner ausrichten, haben sich vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse und Entwicklungen entschlossen, in diesem Jahr erstmals eine Ausnahme zu machen. Alle Rednerinnen und Redner des diesjährigen Jahrgangs setzen sich mit den Themen Extremismus und der Gefährdung der Demokratie auseinander. 






    s!NEdi|photo|graphy: eigentlich ist alles recht offensichtlich ...

    ...
    Wie im Märchen
    (hier nimmt der Redner, Ingo Schulze, Bezug auf das vorher von ihm vorgetragene Märchen: Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen) ist auch in unserer Welt eigentlich alles recht offensichtlich: 

    • die beständige Schwächung der Demokratie, 
    • die zunehmende soziale und ökonomische Polarisierung in Arm und Reich, 
    • der Ruin des Sozialstaates, 
    • die Privatisierung und damit Ökonomisierung aller Lebensbereiche (der Bildung, des Gesundheitswesens, des öffentlichen Verkehrssystems usw.), 
    • die Blindheit für den Rechtsextremismus, 
    • die offene und verdeckte Zensur (mal als direkte Ablehnung, mal in Form von Quote oder Format),  
    • und, und, und … 
    Wer hinsieht, müsste doch eigentlich sehen, was passiert! Oder nicht? ... 
    Wenn ich jetzt ... hier stehe, so nicht, weil ich glaube, Ihnen etwas sagen zu können, was Sie nicht schon längst wissen oder unschwer selbst nachlesen können, sondern weil das, was Sie längst wissen oder unschwer selbst nachlesen können in der Öffentlichkeit kaum eine Rolle spielt und praktisch keinen Einfluss auf die politischen Entscheidungen hat, die in diesem Land getroffen werden. ...
    Ingo Schulze in der "Dresdner Rede 2012"

     (Fortsetzung folgt)


      

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    Am 26. Februar 2012 - also vor gut einem Jahr - hat der Schriftsteller Ingo Schulze im Rahmen der “Dresdner Reden 2012” *) im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter der Überschrift “Unsere schönen neuen Kleider | Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” gehalten. Die vollständige Rede gibt es als pdf bei den Nachdenkseiten zum Download. Die 26 Seiten durchzulesen lohnt sich auf jeden Fall. Ingo Schulze übernimmt in diesem Text die Rolle des Kindes aus dem Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, das ausruft: “Aber der hat doch nichts an”. Er spricht eine Wahrheit aus, die niemand gern hören will. 

    Ich werde in den nächsten Tagen plakativ einige Kernsätze dieser Rede hier ins Blog posten und mit meinen Möglichkeiten versuchen, sie zu illustrieren ... - einfach um Sie neugierig zu machen - aber auch um Sie aufzuschrecken, denn klammheimlich scheint es unserer noch jungen Demokratie in Deutschland an den Kragen zu gehen ...




    Wenn ich eine Geldanleihe riskiere mit hohen Zinsen, dann muss ich auch wissen, dass ich auch gar keine Zinsen bekomme oder ein Teil meines Geldes oder gar alles weg sein kann. Wenn ich mich aufs Spekulieren verlege, dann muss ich auch das Risiko tragen. Sobald ich aber eine Bank bin, gilt das offenbar nicht mehr. Wenn dieBank etwas gewinnt, dann gehört es ihr, wenn sie sich verspekuliert, werden die Verluste von der Gemeinschaft übernommen. Und keiner der Akteure wird bestraft oder sonst zur Rechenschaft gezogen. Der einzige Banker, der vor Gericht steht, ist der Chef der Hypo Real Estate, aber nicht als Angeklagter sondern als Kläger, weil ihm offenbar noch etliche Millionen zustehen. 




    Kann es nicht sein, möchte ich die Experten fragen, dass es verschiedene Interessen gibt? Dass es diejenigen gibt, die daran verdienen und jene, die es bezahlen? Könnte es nicht sein, dass wir nicht alle im selben Boot sitzen? Dass wir nicht alle über unsere Verhältnisse gelebt haben? 
    In den letzten zehn Jahren ist der Reallohn um zwei Prozent gefallen, zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland besitzen zwei Drittel des Gesamtvermögens, die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung hingegen (etwa 35 Millionen Menschen) besaß im Jahr 2007 mit 103 Milliarden Euro nur 1,4 Prozent des Gesamtvermögens und damit weniger als die zehn reichsten Deutschen im selben Jahr, nämlich 113,7 Milliarden Euro.  
    Und diese Entwicklung hält an. Laut UNICEF lebt jedes sechste Kind in Deutschland in Armut, das Deutsche Kinderhilfswerk schätzt die Zahl der in Armut lebenden Kinder gar auf sechs Millionen. 
    Wir haben uns daran gewöhnt, dass in nahezu allen öffentlichen Bereichen, ganz gleich ob Bund, Land oder Kommune, die Budgets von Jahr zu Jahr gekürzt werden. Immer weniger Geld ist für die öffentlichen Belange vorhanden. Und dies, obwohl unser Bruttoinlandsprodukt – mit Ausnahme weniger Jahre –, über Jahrzehnte kontinuierlich gewachsen ist. 






    Während den einen jeder Cent vorgerechnet wird, werden auf der anderen Seite Milliardenbeträge in Windeseile aus dem Ärmel gezaubert, für die im Zweifelsfalle das Gemeinwesen geradezustehen hat.

    Ingo Schulze in der "Dresdner Rede 2012"

    (Fortsetzung folgt)



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    Am 26. Februar 2012 - also vor gut einem Jahr - hat der Schriftsteller Ingo Schulze im Rahmen der “Dresdner Reden 2012” im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter der Überschrift “Unsere schönen neuen Kleider | Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” gehalten. Die vollständige Rede gibt es als pdf bei den Nachdenkseiten zum Download. Die 26 Seiten durchzulesen lohnt sich auf jeden Fall. Ingo Schulze übernimmt in diesem Text die Rolle des Kindes aus dem Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, das ausruft: “Aber der hat doch nichts an”. Er spricht eine Wahrheit aus, die niemand gern hören will. 
    Ich werde in den nächsten Tagen plakativ einige Kernsätze dieser Rede hier ins Blog posten und mit meinen Möglichkeiten versuchen, sie zu illustrieren ... - einfach um Sie neugierig zu machen - aber auch um Sie aufzuschrecken, denn klammheimlich scheint es unserer noch jungen Demokratie in Deutschland an den Kragen zu gehen ...




    Das Ziel, an dem sich alle politischen Entscheidungen auszurichten hatten, hieß wirtschaftliches Wachstum.

    Sobald ein Vorschlag, ach, ein Gedanke, in Verdacht gerieten, das Wachstum zu hemmen, waren sie sowohl in der politischen Arena wie an den meisten Stammtischen erledigt. Politik
    war dazu da, Wachstum zu befördern. Praktisch jedes Problem musste erst durch das Nadelöhr Wachstum kommen, wollte es auf eine Lösung hoffen. 



    Das beste Mittel um Wachstum zu schaffen, sollte eine allumfassende Privatisierung sein. Weniger Staat, mehr Markt. Das hieß: Je mehr Freiheit, desto mehr Wohlstand. Kaum jemand fragte: Freiheit für wen? Freiheit wovon? Wohlstand für wen?
     Worte wie 

    • Kapitalismus, 
    • Klassenkampf oder 
    • Profitmaximierung 
    wurden im Sprachgebrauch tunlichst vermieden.  
    Zu fragen, 

    • wer woran verdient, 
    • wem das und das nutzt oder 
    • zu wessen Nachteil dies oder jenes ist, 

    galten als unfein und waren ein Ausweis von vulgärem Denken. So verschwanden just in dem Moment Worte und Fragen aus dem Alltag, da sie notwendiger denn je gewesen wären, um die neue Wirklichkeit zu beschreiben.
    Die Ideologie besteht darin, die Fakten und Tatsachen so aussehen zu lassen, als handele es sich um etwas Gegebenes, naturgesetzlich Vorgefundenes, womit wir uns abzufinden, womit wir uns zu arrangieren haben.  
    Dieser Sprachgebrauch lockt von den politischen, sozialen, ökonomischen und historischen Zusammenhängen und Fragen weg, und führt in Gefilde, in denen es keine Infragestellung des Status quo gibt, in denen alle Zwänge Sachzwänge sind und gegensätzliche Interessen nur an der Oberfläche existieren. Eine Sprache, die aus Geschichte Natur macht, eine Natur, die zu ändern nicht in unserer Macht steht, mit der wir uns zu arrangieren, an die wir uns zu gewöhnen haben.









    Die neuen gültigen Spielregeln wurden als die einzigen anstrebenswerten vorausgesetzt und verabsolutiert, wer sie nicht akzeptiert, stellt sich außerhalb des Diskurses.  
    Am Diskurs teilnehmen dürfen jene, 
    • die Profit „Shareholder value“ nennen, 
    • die zu demjenigen, der seine Arbeitskraft verkauft, „Arbeitnehmer“ sagen 
    • und zu demjenigen, der die Arbeit kauft, „Arbeitgeber“. 
    • Steuersenkung für Unternehmen und Unternehmer werden „Entlastung der Investoren“ genannt, 
    • aus der Senkung der social security wird „Leistungskürzung für Arbeitsunwillige“, 
    • die Belastung für Arme heißt „Eigenverantwortung“, 
    • die Kürzung der Arbeitslosenhilfe wird zum „Anreiz für Wachstum“, 
    • die Senkung der geringsten Einkommen wird als „globale Konkurrenzfähigkeit“ oder „marktgerechte Beschäftigungspolitik“ bezeichnet,
    • Gewerkschaften, die für Flächentarifverträge eintreten werden zu "Tarifkartellen" und "Bremsern"
    • und so weiter. (Ivan Nagel, Falschwörterbuch, Berlin 2004)


    Ingo Schulze in der "Dresdner Rede 2012" 

    (Fortsetzung folgt)


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    Adele | Someone Like You | Lautsprecher-Symbol anclicken ...

    Someone Like You | Songtext | Übersetzung


    Ich habe gehört,
    Du bist sesshaft geworden,
    und dass Du ein Mädchen gefunden hast
    und nun verheiratet bist.

    Ich habe gehört, dass Deine Träume wahr geworden sind.
    Wahrscheinlich gab sie dir etwas,
    was ich dir nicht geben konnte.
    Alter Freund, warum so schüchtern?
    Es sieht dir gar nicht ähnlich, dich so zurückzuhalten
    oder Dich vor dem Licht zu verstecken.

    Ich hasse es, so uneingeladen aufzutauchen
    aber ich konnte nicht wegbleiben, ich kam nicht dagegen an
    Ich hoffte, Du würdest mein Gesicht sehen
    und dich dann daran erinnern, dass es für mich eben noch nicht vorbei ist.

    Schon gut, ich werde jemanden wie dich finden
    Ich wünsche euch beiden nur das beste
    Vergiss mich nicht, ich flehe dich an, ich erinnere mich daran, dass du sagtest:
    'Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh.'
    Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh, yeah

    Du weisst, wie schnell die Zeit vorübergeht
    Erst gestern noch hatten wir die tollste Zeit unseres Lebens
    Wir wurden geboren und wuchsen auf
    In einem Sommernebel
    verbunden durch die Überraschung unserer glorreichen Tage

    Ich hasse es, so uneingeladen aufzutauchen
    aber ich konnte nicht wegbleiben, ich kam nicht dagegen an
    Ich hoffte, Du würdest mein Gesicht sehen
    und dich dann daran erinnern, dass es für mich eben noch nicht vorbei ist.

    Schon gut, ich werde jemanden wie dich finden
    Ich wünsche euch beiden nur das beste
    Vergiss mich nicht, ich flehe dich an, ich erinnere mich daran, dass du sagtest:
    'Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh.'
    Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh

    Nichts ist vergleichbar
    kein Kummer, keine Sorgen
    Reue und Fehler, daraus sind Erinnerungen gemacht
    Wer hätte gedacht, wie bittersüß dies irgendwann einmal schmecken würde.

    Schon gut, ich werde jemanden wie dich finden
    Ich wünsche euch beiden nur das beste
    Vergiss mich nicht, ich flehe dich an, ich erinnere mich daran, dass du sagtest:
    'Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh.'
    Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh

    Schon gut, ich werde jemanden wie dich finden
    Ich wünsche euch beiden nur das beste
    Vergiss mich nicht, ich flehe dich an, ich erinnere mich daran, dass du sagtest:
    'Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh.'
    Manchmal bleibt die Liebe, aber manchmal tut es einfach nur weh, yeah.

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    s!NEdi|photo|graphic: werdet vorübergehende - logion 42 im thomas-evangelium ...



    STUFEN



    Wie jede Blüte welkt und jede Jugend

    Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
    Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
    Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
    Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
    Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
    Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
    In andre, neue Bindungen zu geben.
    Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
    Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.


    Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,

    An keinem wie an einer Heimat hängen,
    Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
    Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
    Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
    Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
    Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
    Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.


    Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde

    Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
    Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
    Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!


    Hermann Hesse



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    Am 26. Februar 2012 - also vor gut einem Jahr - hat der Schriftsteller Ingo Schulze im Rahmen der “Dresdner Reden 2012” im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter der Überschrift “Unsere schönen neuen Kleider | Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” gehalten. Die vollständige Rede gibt es als pdf bei den Nachdenkseiten zum Download. Die 26 Seiten durchzulesen lohnt sich auf jeden Fall. Ingo Schulze übernimmt in diesem Text die Rolle des Kindes aus dem Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, das ausruft: “Aber der hat doch nichts an”. Er spricht eine Wahrheit aus, die niemand gern hören will. 
    Ich werde in den nächsten Tagen plakativ einige Kernsätze dieser Rede hier ins Blog posten und mit meinen Möglichkeiten versuchen, sie zu illustrieren ... - einfach um Sie neugierig zu machen - aber auch um Sie aufzuschrecken, denn klammheimlich scheint es unserer noch jungen Demokratie in Deutschland an den Kragen zu gehen ...






    Es gibt aber auch heute wieder Worte, die – einem schönen Vergleich von Günter Gaus zufolge – wie der Geßler-Hut aus dem Wilhelm Tell gebraucht werden. Wehe, Du grüßt sie nicht, wehe, Du sprichst es nicht aus. 
    „Unrechtsstaat“ ist so ein Wort geworden. Er oder sie weigert sich, die DDR einen Unrechtsstaat zu nennen. 
    1990 ging mir dieses Wort flott über die Lippen. Ich hatte zwar nie mit der DDR-Justiz zu tun gehabt, aber sobald es auch nur entfernt um etwas Politisches ging, hatte ich kein Vertrauen zu ihr. Was da als Straftat galt – von Republikflucht bis Devisenvergehen – zeigte ja nur, dass der Staat selbst es war, der Unrecht verübte.


    Heute jedoch käme mir dieses Wort nicht mehr über die Lippen. Nicht weil ich meine Meinung über das eben Gesagte geändert hätte, ganz im Gegenteil, aber im heutigen politischen Kontext bedeutet „Unrechtsstaat“ noch etwas ganz anderes.  
    Vor allem: Über einen Unrechtsstaat
    brauchen wir gar nicht mehr zu reden. Damit ist alles, was dort gemacht oder versucht wurde, diskreditiert und ad acta gelegt.
     
    Man anerkennt zwar die Lebensleistung der östlichen Schwestern und Brüder, gibt aber unter der Hand zu verstehen, dass es eigentlich vergebliche Liebesmüh’ war. 
    Dabei war einfach manches besser und sinnvoller als es heute ist. Angefangen
    bei einem
     
    • einheitlichen Arbeitsgesetzbuch  und dem 
    • Recht auf Arbeit  über ein  
    • moderneres Familienrecht, ein 
    • kostenloses Gesundheitswesen – 
    • eine vorbildliche Krebsstatistik und
    • Kinder und Jugendfürsorge, 
    die Verwaltungskosten der einheitlichen Sozialversicherung lagen bei 0,35 Prozent, heute betragen sie sieben Prozent.
    Der Westen in seiner real existierenden Form besaß nach seinem eigene offiziellen Selbstverständnis keinen Gegenentwurf mehr, wir waren in einer alternativlosen Welt angekommen. 




    Demokratie, Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Wohlstand schien es nur in einer Marktwirtschaft geben zu können, in der es Privateigentum an Produktionsmitteln gab. 
    Noch heute resümiert jemand wie Joachim Gauck seine mit „Freiheit“ überschriebene Rede: „Und deshalb gibt es keinen Grund für den alt-neuen Versuch, eine neue Variante von Antikapitalismus in die Debatte zu bringen.“

     Ingo Schulze in der "Dresdner Rede 2012" 
    (Fortsetzung folgt)

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    Meine Oma wohnte ganz in der Nähe eines kleinen Bahnhofes, an dem regelmäßig die Senne-Bahn hielt, die zwischen Bielefeld und Paderborn pendelte. 

    Und wenn ich in dem alten Fachwerkgehöft von Oma übers Wochenende zu Besuch war - und die Dampflok nach dem Halt im Bahnhof wieder anfuhr und sich allmählich wieder in Bewegung setzte mit ihrem stampfend-dampfenden Gekeuche, sagte mir meine Oma im Takt der Anfahrtgeräusche folgende Zeilen auf - quasi um der Lok "Dampf zu machen":

    Die -al-te- Lok - sie -kann- nicht mehr ...
    Es -geht- so schwer - es -geht- so schwer...

    [und wenn sie dann allmählich schneller wurde ...]

    Jetzt gehts schon bes-ser - geht schon bes-ser - 
    Geht schon bes-ser ...

    [und dann - wenn die Lok mit den Waggons  allmählich auf Touren kam - und sich dann verabschiedete ...]

    Jetzt gehts besser - 
    Dankeschön - Dankeschön - Dankeschön ...

    Ich habe diesen Sprechmelodie-Rhythmus-Reim hier erwähnt, weil ich ihn bei Google im www. nicht finden konnte - und weil er sonst - nach dem Aussterben der Dampflok - sicherlich vollends in Vergessenheit geraten würde...

    __________________________________



    s!NEdi|photo|graphic: lok i u. ii









    Die Lokomotive

    Da liegt das zwanzig Meter lange Tier,
    die Dampfmaschine,
    auf blank geschliff’ner Schiene,
    voll heißer Wut und sprungbereiter Gier...
    Da lauert, liegt das langgestreckte Eisenbiest –
    Sieh da, wie Öl- und Wasserschweiß
    wie Lebensblut, gefährlich heiß,
    ihm aus dem Radgestänge, den offenen Weichen, fließt.
    Es liegt auf sechzehn roten Räderpranken,
    fiebernd, langgeduckt zum Sprunge,
    und Fieberdampf stößt röchelnd aus den Flanken.
    Es kocht und pocht die Röhrenlunge –
    Den ganzen Rumpf die Feuerkraft durchzittert:
    Er ächzt und siedet, zischt und hackt
    im hastigen Dampf- und Eisentakt –
    Dein Menschenwort wie nichts im Qualm zerflittert.
    Das Schnauben wächst und wächst –
    Du, stummer Mensch, erschreckst.
    Du siehst die Wut aus allen Ritzen gären –
    der Kesselröhren Atemdampf
    ist hochgewühlt auf sechzehn Atmosphären!
    Gewalt hat jetzt der heiße Krampf:
    Das Biest, es brüllt, das Biest, es brüllt,
    der Führer ist in Dampf gehüllt.
    Der Regulatorhebel steigt nach links;
    der Eisenstier harrt dieses Winks...
    Nun bafft vom Rauchrohr Kraftgeschnauf:
    Nun springt es auf! Nun springt es auf!

    Und ruhig gleiten und kreisen auf endloser Schiene
    die treibenden Räder hinaus auf dem blänkernden Band;
    gemessen und massig die kraftangefüllte Maschine,
    der schleppende, stampfende Rumpf hinterher...
    Dahinten – ein dunkler, verschwimmender Punkt,
    darüber  –  zerflatternder  –  Qualm...

    Gerrit Engelke

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    Gerrit Engelke

    (* 21. Oktober 1890 in Hannover; 13. Oktober 1918 bei Cambrai, Frankreich) war ein deutscher Arbeiterdichter.


    Leben

    Sein Vater, ursprünglich kaufmännischer Angestellter, dann Inhaber eines Weißwarengeschäftes, wanderte 1904 nach Amerika aus, Mutter und Schwester folgten ihm 1910.

    Nach der Volksschule schloss er seine Malerlehre mit der Gesellenprüfung ab und war ab 1909 in verschiedenen Unternehmen beschäftigt. Nebenher besuchte er Abendkurse in der hannoverschen Kunstgewerbeschule und erhielt dort zwei Preise. Das Museum August Kestner kaufte 1914 80 Aquarelle und Zeichnungen von ihm an.
    Nachdem er 1913 Richard Dehmel begegnete, verhalf ihm dieser zu ersten Publikationen in Paul Zechs Zeitschrift Das neue Pathos und vermittelte ihn an die Werkleute auf Haus Nyland, die in ihre Zeitschrift Quadriga Engelkes Textsammlung "Dampforgel und Singstimme. Rhythmen" aufnahmen. Engelke wurde Mitglied bei den Werkleuten und verfasste gemeinsam mit Heinrich Lersch und Karl Zielke den Kriegslyrikband Schulter an Schulter. Gedichte von drei Arbeitern (1916).
    1915 bot ihm Lersch an, ihn für seine Kesselschmiede zu reklamieren. Engelke lehnte ab und wurde zum Kriegsdienst einberufen. Am 11. Oktober 1918 geriet er als Soldat der deutschen Armee bei Cambrai schwer verwundet in Kriegsgefangenschaft und starb zwei Tage später in einem britischen Lazarett. Er fand seine letzte Ruhe auf dem Soldatenfriedhof von Étaples an der französischen Kanalküste.


    Leistung

    Seine deutlich zeitbezogene Dichtung gibt seinem Werk innerhalb der Arbeiterdichtung eine Sonderstellung. Er fängt die Zeitstimmung auf einzigartige Weise ein in seinen lyrischen Zeugnissen zu Großstadt und Technik. Er verzichtet auf tradierte künstlerische Möglichkeiten und entwickelt neue Formen, seine erlebten Welten sprachlich zu fassen. Doch wie die anderen Arbeiterdichter auch (Karl Bröger, Heinrich Lersch, Ernst Preczang, Bruno Schönlank) zog er sich auf politisch unverbindliche Positionen zurück. Ob sich der früh Verstorbene anders als die Genannten entwickelt hätte, bleibt Spekulation. (WIKIPEDIA)


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    MITLEID | Joachim Gauck ist ein Wortkünstler, ja, ein regelrechter Wortakrobat! Und das muss man berücksichtigen, wenn man nun liest, dass er in einem Interview mit der Bild-Zeitung gesagt habe, er empfinde MITLEID mit Christian Wulff. Denn das hat er gar nicht gesagt.

    Die Bild fragt in dem Interview, das aus Anlass von Gaucks erstem Amtsjahr geführt wurde: „Gegen Ihren Vorgänger Christian Wulff wird immer noch ermittelt. Tut er Ihnen manchmal leid?“ 

    Gauck antwortet: „Zunächst einmal gehört ein ganz genaues Überprüfen und Hinterfragen von Politikern zu unserer politischen Kultur.“

    Er sagt in staatstragendem Ton einen Gemeinplatz, wie es sich für einen Staatsmann gehört, der nicht antworten will. Dann lenkt er ab. Und ein. Denn die Bild appelliert an seine Gefühle. Er sagt also, unter Benutzung einer Konjunktion:

    „Trotzdem bewegt mich das Schicksal von Christian Wulff und seiner Frau. Ich habe damals das junge Paar hier ins Schloss Bellevue einziehen sehen mit all ihren Hoffnungen, was sie vielleicht politisch bewegen könnten. Wenn ich dann heute sehe, was aus diesen Hoffnungen geworden ist, dann tut mir das menschlich leid.“ 

    Das junge Paar ist ausgezogen aus Schloss Bellevue und auch kein Paar mehr. Und das tut ihm „menschlich leid“. Doch nur, „wenn ich dann heute sehe“.



    s!NEdi|photo|montage: wenn ich dann heute sehe ...




    Das Wort „menschlich“ ist auffällig, es tut Gauck also nicht politisch, staatsmännisch oder pragmatisch leid (wenn das die Sprache denn überhaupt zuließe).

    Das Selbstverständliche – Mitleid – wird eingeschränkt empfunden, obschon es uneingeschränkt herrschen sollte. Nur „menschlich“ ist mitzuleiden, obwohl doch alle ein Paar bedauern sollten, das derart an Status verliert, dass auch seine Liebe darüber zerbricht. 

    Wenn Gauck, der Wortakrobat, das Menschliche einschränkend benutzt, wie wohl er doch im Ganzen auch ein Mensch ist, so gibt es für ihn noch einen zweiten Gauck, den unmenschlichen, den Präsidenten.

    Dieser äußerte sich bereits kühl im ersten Teil der Antwort, als er keine Stellung zu Wulff bezieht.

    Gauck findet Worte, er nimmt nicht Anteil. Das ist, was er gesagt hat. 

    JÖRG SUNDERMEIER

    aus: TAZ.DIE TAGESZEITUNG | DIENSTAG, 19. MÄRZ 2013 | DIE KLEINE WORTKUNDE | S.14 

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    Am 26. Februar 2012 - also vor gut einem Jahr - hat der Schriftsteller Ingo Schulze im Rahmen der “Dresdner Reden 2012” im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter der Überschrift “Unsere schönen neuen Kleider | Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” gehalten. Die vollständige Rede gibt es als pdf bei den Nachdenkseiten zum Download. Die 26 Seiten durchzulesen lohnt sich auf jeden Fall. Ingo Schulze übernimmt in diesem Text die Rolle des Kindes aus dem Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, das ausruft: “Aber der hat doch nichts an”. Er spricht eine Wahrheit aus, die niemand gern hören will. 
    Ich werde in den nächsten Tagen plakativ einige Kernsätze dieser Rede hier ins Blog posten und mit meinen Möglichkeiten versuchen, sie zu illustrieren ... - einfach um Sie neugierig zu machen - aber auch um Sie aufzuschrecken, denn klammheimlich scheint es unserer noch jungen Demokratie in Deutschland an den Kragen zu gehen ...









    Wundern hätte man sich aber schon dürfen, warum die Implosion des Ostens jede Alternative zum Bestehenden aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verbannen konnte. 
    Denn der real existierende Sozialismus in seiner erstarrten Gestalt wurde ja nie – zumindest nicht von der Mehrheit jener, die in ihm zu leben hatten – als Alternative verstanden. Das war ein vormundschaftlicher Staat, keine Demokratie. Und Freiheit und Demokratie waren ja die Forderungen des Herbstes ’89. 
    Es gab kein Plakat, keinen Slogan, keinen Sprechchor für die Privatisierung, keine Forderung, das Recht auf Arbeit abzuschaffen. Warum sollten Freiheit und Demokratie nicht mit dem gesellschaftlichen Eigentum an Produktionsmitteln möglich sein?
    Diese Frage wurde damals von einigen wenigen gestellt, aber sie fand kaum Gehör im freiheitlich demokratischen Medienapparat.
     
    Im Grundgesetz findet sich kein Paragraph, der von privatem Eigentum an Produktionsmitteln spricht. 1947 hatte selbst die neu gegründete CDU gerade in Großindustrie und Konzernen eine Bedrohung von Freiheit und Demokratie gesehen. 


    In ihrem Ahlener Parteiprogramm von 1947 formulierte sie: 
    „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem furchtbaren politischen, wirtschaftlichen und sozialen Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.“ 
    Solche Gedanken, bleibt festzuhalten, waren spätestens nach dem Mauerfall nicht nur gestrig, sie waren "unverzeihlich dumm".

    Ingo Schulze in der "Dresdner Rede 2012"

    (Fortsetzung folgt)


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    Zyperns Zwangsabgaben: 
    Rein in die Kartoffeln - raus aus den Kartoffeln - heute hüh - morgen hott ...

    Ohne unüberlegte Schnellschüsse und Zoff geht nichts in Europa

    Beschluss fassen, Beschluss korrigieren, den korrigierten Beschluss korrigieren und zwischendurch den Schwarzen Peter hin- und herschieben - so geht es nun seit drei Jahren in Europa zu. Was als griechische Tragödie begann, ist zu einem Drama des gesamten Kontinents geworden. Hauptakteure sind Politiker, die sich wie talentlose Laiendarsteller benehmen, die den Bürgern das Gefühl vermitteln, nicht zu wissen, was sie tun, und deshalb den Stempel "Stümper" aufgedrückt bekommen. 

    Die Europäische Union (EU) als Institution und ihre wichtigsten Vertreter verspielen ein Kapital, das mehr wert ist als all die Milliarden, die zur Rettung Zyperns, Griechenlands, Spaniens, Portugals und Irlands draufgehen: Glaubwürdigkeit. Die europäische Idee verliert Anhänger, das Vertrauen in die Akteure schwindet, gleichsam wachsen Politikverdrossenheit, Argwohn und sogar Hass. Gerade die Deutschen werden in den Krisenstaaten als moderne Besatzer wahrgenommen. "Wir fühlen uns so wie 1974, als die Türken einmarschiert sind. Heute gibt es nur einen Unterschied: Die Waffen sind nicht mehr Gewehre, die gegen uns gerichtet sind, sondern Finanzinstrumente. Das ist für uns ein finanzieller Völkermord", formulierte es der Präsident der Industrie- und Handelskammer von Limassol, Philokypros Andreou, dramatisch in der Tageszeitung "Die Welt".

    Nicht erst seit dem Ausbruch der Eurokrise gilt die EU mit all ihren komplizierten Verästelungen, Kammern, Kämmerchen und Hinterzimmern, Kommissaren und Hilfskommissaren vielen Menschen zwischen Warschau und Lissabon, Helsinki und Rom als schwer durchschaubarer Moloch von Bürokraten, die das Geld zum Fenster rauswerfen. Dabei können wir Europäer - gerade wir Deutschen - glücklich sein, dass es diese Gemeinschaft gibt, diesen Garanten für Frieden, Wohlstand und Demokratie. Bedeutende Politiker der Nachkriegszeit wie François Mitterand und Helmut Kohl hatten die Vision eines vereinten Europas nach Vorbild der USA. Basis dafür sollte der Euro sein. Mit ihm wollten sich Kohl und andere ein Denkmal setzen. Wer gegen den Euro war, die Sanktionsmechanismen des Maastricht-Vertrags als ungenügend kritisierte oder die Eurofähigkeit Griechenlands und Italiens infrage stellte, wurde als Nationalist oder Rechtsradikaler abgetan.

    Nicht abzutragende Schuldenberge


    Die Politik versuchte, die Krise allein den bösen Spekulanten und den noch viel böseren Banken in die Schuhe zu schieben. Auch wenn die Zocker der Finanzindustrie tatsächlich Mitschuld tragen - die riesigen und - mal ehrlich - nicht mehr abzutragenden Schuldenberge haben die Regierungen über Jahrzehnte angehäuft, weil sie Geschenke an ihre Klientel verteilt und Reformen zu spät oder gar nicht angepackt haben. Nun steht der Kontinent vor dem Scherbenhaufen, den diese Politik angerichtet hat. Die Europäer werden zusehends Euro-müde. Im Juni 2012 war in einer Umfrage für den stern jeder zweite Deutsche (49 Prozent) dafür, Griechenland als Euromitgliedsstaat fallen zu lassen. Unterstützung für Zypern, das weitaus weniger Geld braucht als Hellas, lehnen laut einer YouGov-Erhebung im Auftrag der Nachrichtenagentur DPA schon 63 Prozent ab.

    Als Reaktion auf die EURO-Müdigkeit - eine neue Partei der Rechtspopulisten: "Alternative für Deutschland" ...

    Und - Jakob Augstein vermeldet schon in seiner neuesten S.P.O.N.-Kolumne "Im Zweifel links":
    Wir haben eine neue Partei. Mit der "Alternative für Deutschland" - als Reaktion auf all das Herumgeeiere um den EURO - ist der Rechtspopulismus in der deutschen Politik angekommen. Bisher geht es nur gegen den Euro. Wetten, dass das erst der Anfang ist?

    Das war schon fast ein Gründungskongress da neulich in Oberursel, als sich prominente und halbprominente bzw. ausrangierte Bundesbeamte und ähnliches Couleur - meist über 50 Jahre alt - dort trafen, wenn auch die offizielle Gründung erst im April ansteht. 

    Weg mit dem Euro, stattdessen ein Europa der souveränen Staaten, Abbau der Brüsseler Bürokratie, ein "mütterfreundlicheres" Deutschland und eine Neuordnung des Einwanderungsrechts: Das sind Kernforderungen der "Alternativen". In der ersten Reihe finden sich ein früherer "FAZ"-Redakteur und ein ehemaliger Staatssekretär. Auf der Liste der Unterstützer: ein ehemaliger Ressortleiter der "Zeit" und ein ehemaliger BDI-Chef. Überhaupt viele Ehemalige und Emeritierte. Denn anders als vor 33 Jahren bei der Gründung der Grünen sind die "Alternativen" von heute schon etwas älter. Und vor allem arriviert: Lauter Professores und Doctores finden sich auf der Liste, so viele, dass man damit zwei mittlere Universitätsstädte bestücken könnte. Das hier ist Deutschlands wertkonservatives Bürgertum. Die CDU hat allen Grund, sich zu fürchten.


    Aber die Medien reagierten seltsam verhalten. Als wollten sie die Euro-Gegner durch zu viel Aufmerksamkeit nicht aufwerten. Dabei sagt eine Umfrage, dass 26 Prozent der Deutschen sich vorstellen könnten, eine euroskeptische Partei zu wählen. Wer weiß, wo die Werte landen, wenn das Programm noch erweitert wird. Denn man kann ja getrost davon ausgehen, dass der Euro erst der Anfang ist. Als nächstes geht es gegen den Islam, die Klimaforschung, den Feminismus und die Schwulen - das ganze Programm der modernen Rechtspopulisten.

    Wenn die Bundestagswahl im Herbst ähnlich knapp ausgeht wie die Wahlen in Niedersachsen, dann könnten die Stimmen für die neuen Konservativen Angela Merkel das Amt kosten. Eigenartige Ironie: Dann wäre die Kanzlerin am Ende doch über den Euro gestürzt.


    Mit Materialien aus stern.de: "Laiendarsteller spielen Eurorettung", Kommentar von Thomas Schmoll - und
    SPIEGEL-ONLINE - S.P.O.N.-Kolumne "Im Zweifel links" von Jakob Augstein: "Politik für Männer ab 50" ...


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    "Lasst uns Hüter der Schöpfung sein"

    "Die Berufung zum Hüten geht jedoch nicht nur uns Christen an; sie hat eine Dimension, die vorausgeht und die einfach menschlich ist, die alle betrifft. Sie besteht darin, die gesamte Schöpfung, die Schönheit der Schöpfung zu bewahren, wie uns im Buch Genesis gesagt wird und wie es uns der heilige Franziskus von Assisi gezeigt hat: Sie besteht darin, Achtung zu haben vor jedem Geschöpf Gottes und vor der Umwelt, in der wir leben. Die Menschen zu hüten, sich um alle zu kümmern, um jeden Einzelnen, mit Liebe, besonders um die Kinder, die alten Menschen, um die, welche schwächer sind und oft in unserem Herzen an den Rand gedrängt werden. 

    Sie besteht darin, in der Familie aufeinander zu achten: Die Eheleute behüten sich gegenseitig, als Eltern kümmern sie sich dann um die Kinder, und mit der Zeit werden auch die Kinder zu Hütern ihrer Eltern. Sie besteht darin, die Freundschaften in Aufrichtigkeit zu leben; sie sind ein Einander-Behüten in Vertrautheit, gegenseitiger Achtung und im Guten. Im Grunde ist alles der Obhut des Menschen anvertraut, und das ist eine Verantwortung, die alle betrifft. Seid Hüter der Gaben Gottes!

    Und wenn der Mensch dieser Verantwortung nicht nachkommt, wenn wir uns nicht um die Schöpfung und um die Mitmenschen kümmern, dann gewinnt die Zerstörung Raum, und das Herz verdorrt. In jeder Epoche der Geschichte gibt es leider solche „Herodes“, die Pläne des Todes schmieden, das Gesicht des Menschen zerstören und entstellen.




    Alle Verantwortungsträger auf wirtschaftlichem, politischem und sozialem Gebiet, alle Männer und Frauen guten Willens möchte ich herzlich bitten: Lasst uns „Hüter“ der Schöpfung, des in die Natur hineingelegten Planes Gottes sein, Hüter des anderen, der Umwelt; lassen wir nicht zu, dass Zeichen der Zerstörung und des Todes den Weg dieser unserer Welt begleiten! Doch um zu „behüten“, müssen wir auch auf uns selber Acht geben! Erinnern wir uns daran, dass Hass, Neid und Hochmut das Leben verunreinigen! Hüten bedeutet also, über unsere Gefühle, über unser Herz zu wachen, denn von dort gehen unsere guten und bösen Absichten aus: die, welche aufbauen, und die, welche zerstören! Wir dürfen keine Angst haben vor der Güte, ja, nicht einmal vor der Zärtlichkeit!

    Und hier füge ich noch eine letzte Anmerkung hinzu: Das sich Kümmern, das Hüten verlangt Güte, es verlangt, mit Zärtlichkeit gelebt zu werden. In den Evangelien erscheint Josef als ein starker, mutiger, arbeitsamer Mann, aber in seinem Innern zeigt sich eine große Zärtlichkeit, die nicht etwa die Tugend des Schwachen ist, nein, im Gegenteil: Sie deutet auf eine Seelenstärke hin und auf die Fähigkeit zu Aufmerksamkeit, zu Mitleid, zu wahrer Öffnung für den anderen, zu Liebe. Wir dürfen uns nicht fürchten vor Güte, vor Zärtlichkeit!



    Auch heute, angesichts so vieler Wegstrecken mit grauem Himmel, haben wir es nötig, das Licht der Hoffnung zu sehen, selber Hoffnung zu geben. Die Schöpfung zu bewahren, jeden Mann und jede Frau zu behüten mit einem Blick voller Zärtlichkeit und Liebe, bedeutet, den Horizont der Hoffnung zu öffnen, bedeutet, all die Wolken aufzureißen für einen Lichtstrahl, bedeutet, die Wärme der Hoffnung zu bringen! Und für den Glaubenden, für uns Christen – wie schon für Abraham und für den heiligen Josef – hat die Hoffnung, die wir bringen, den Horizont Gottes, der uns in Christus aufgetan ist; ist die Hoffnung auf den Felsen gegründet, der Gott ist."

    Papst Franziskus am 19.02.2013 zu seiner Amtseinführung

    Die ganze Predigt unter: http://www.domradio.de/themen/papst-franziskus/2013-03-19/predigt-des-papstes-bei-seiner-amtseinfuehrung

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    Am 26. Februar 2012 - also vor gut einem Jahr - hat der Schriftsteller Ingo Schulze im Rahmen der “Dresdner Reden 2012” im Dresdner Schauspielhaus eine Rede unter der Überschrift “Unsere schönen neuen Kleider | Gegen die marktkonforme Demokratie – für demokratiekonforme Märkte” gehalten. Die vollständige Rede gibt es als pdf bei den Nachdenkseiten zum Download. Die 26 Seiten durchzulesen lohnt sich auf jeden Fall. Ingo Schulze übernimmt in diesem Text die Rolle des Kindes aus dem Märchen “Des Kaisers neue Kleider”, das ausruft: “Aber der hat doch nichts an”. Er spricht eine Wahrheit aus, die niemand gern hören will. 
    Ich werde auch in den nächsten Tagen plakativ einige Kernsätze dieser Rede hier ins Blog posten und mit meinen Möglichkeiten versuchen, sie zu illustrieren ... - einfach um Sie neugierig zu machen - aber auch um Sie aufzuschrecken, denn klammheimlich scheint es unserer noch jungen Demokratie in Deutschland an den Kragen zu gehen ...


    Die Feststellung, dass die Gewinne privatisiert und die Verluste sozialisiert werden, könnte als
    Überschrift über die letzten zwanzig Jahre geschrieben werden.
     
    Noch nie war der private Reichtum so groß, noch nie war die öffentliche Verschuldung so hoch. Heute [= Ende 2011/Anfang 2012] sind wir laut Bund der Steuerzahler mit 2030 Milliarden verschuldet, das sind pro Kopf ca. 24.700 Euro.
    (Die Verschuldung der DDR betrug nach den Berechnungen der Bundesbank von 1999 20 Milliarden D-Mark, das sind pro Kopf ca. 1.200 D-Mark, die OECD berechnete für die DDR pro Kopf 674 Dollar Schulden. Selbst wenn man das sehr großzügig inflationsbereinigt, kommt man auf nicht mehr als 1.000 Euro pro Kopf.)
    Der Bund der Steuerzahler versucht unsere heutige Verschuldung durch ein Beispiel zu veranschaulichen: „Würden ab sofort keine Schulden mehr aufgenommen und würde die öffentliche Hand gesetzlich verpflichtet, neben allen anderen Ausgaben für Personal,
    Investitionen, Sozialleistungen, Zinsen etc. jeden Monat auch eine Milliarde Euro an Schulden zu tilgen, so würde dieser Prozess 169 Jahre lang andauern müssen, um den Schuldenberg vollständig abzutragen.“ Jeder achte Euro, der eingenommen wird, muss allein für die Zinsen ausgegeben werden.
     
    Immer wieder wird das Ausgabenverhalten der Staaten als Ursache für die Krise angesehen, denn Länder mit soliden Staatsfinanzen, so die Argumentation, würden Spekulanten gar keine
    Möglichkeit bieten, sie in die Enge zu treiben.
     
    Das allein schon ist ein befremdliches Denken. Merkwürdiger Weise wird bei Staaten immer auf die Ausgaben gesehen, die in aller Regel direkt oder indirekt der ganzen Gesellschaft zugute kommen – es sei denn, wir brauchen ein paar hundert Milliarden, um die Banken zu retten. Warum wird eigentlich nicht gefragt, ob es die fehlenden Einnahmen des Staates sind, die ihn in die Verschuldung, in die Krise treiben?
    Unser Gemeinwesen wurde und wird von den demokratisch gewählten Volksvertretern
    systematisch gegen die Wand gefahren, indem es seiner Einnahmen beraubt wird.
     
    Der Spitzensteuersatz wurde in Deutschland von der Schröder-Regierung von 53 Prozent auf 42 Prozent gesenkt, die Unternehmenssteuersätze (die Gewerbesteuer und die Körperschaftssteuer) wurden zwischen 1997 und 2009 fast halbiert, nämlich von 57,5 Prozent auf 29,4 Prozent. Die Steuer auf Kapitalerträge, die sogenannte Abgeltungssteuer, wurde auf 25 Prozent gesenkt. Auch die Erbschaftssteuer wurde teilweise abgesenkt. 
    Wenn die Kassen leer sind, muss noch mehr Vermögen privatisiert werden, müssen Stellen gestrichen und Dienstleistungen privatisiert werden, müssen Sponsoren gefunden werden,
    Schwimmbäder und Bibliotheken geschlossen, die Gebühren in der Musikschule erhöht werden
    etc. etc.
     
    Es trifft jene, die jeden Euro umdrehen müssen.
    Ingo Schulze in der "Dresdner Rede 2012"
    (Fortsetzung folgt)


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    Zypern-"Hilfe": 

    Jura vs. Wirtschaftslehre - vielleicht nur eins dieser heimlichen SUDOKU-Spielchen  - vielleicht auf ziemlich hohem Niveau: ... Nur - wer hat gewonnen ...???

    Ich glaube, so überraschend, wie jetzt alle Welt reagiert, kommt dieser Streit um die Zypern-Hilfe gar nicht - und das Verhalten vom heimlichen SUDOKU-Spieler Schäuble in dieser Partie entspricht den Regeln, die sein von einem Juristen mitprogrammiertes Computerprogramm ihm und seinen Getreuen dafür ausspuckt. Schon Ende Januar hat Schäuble gesagt, Zypern sei für die EURO-Zone nicht "systemrelevant" - und man könne sich mit Hilfen für diesen Inselstaat "noch lange" zurückhalten.


    Jonas Burgert, Spiel, 2008 Öl auf Leinwand, 80 x 90 cm © 2010 Jonas Burgert





    Der EZB-Chef Draghi, der natürlich die Interessen der vielzitierten "Finanzmärkte" - sprich Banken - vertritt, hat ihn - Schäuble - aufgrund dieser Aussage "abgewatscht": Natürlich gehöre Zypern in das EURO-System - und müsse gestützt werden (sinnleitend für Signore Draghi war natürlich auch: Banken dürfen bei diesem Staatsdilemma so wenig Knete wie möglich verlieren ...). Und dann sagte er noch, solche Reden von der "Systemrelevanz" der EURO-Staaten höre er immer von Juristen - aber nur Ökonomen könnten den Zustand einer Volkswirtschaft im EURO-Raum tatsächlich beurteilen ...

    Aha - daher weht also der Wind in dem ganzen Konflikt: Pocht man auf den Wortlaut von Verträgen - wie der Jurist Schäuble (der sein Zahlen-und Finanzwissen heimlich mit SUDOKU-Spielchen während der Bundestagsdebatten trainiert), der am 21.01.2013 in einem Interview mit der SZ sagte: Bisher sei noch nicht einmal gewiss, "ob durch die Probleme in Zypern die Euro-Zone insgesamt in Gefahr ist". Das aber sei "eine der Voraussetzungen dafür, dass überhaupt Geld aus dem Euro-Rettungsfonds fließen" könne ... - oder schaut man auf die Haftungsrisiken von international tätigen Banken und auf die Computerszenarien wie sie die Ökonomen à la Draghi zur Verfügung haben, der dann auch prompt Unterstützung bekam von EU-Währungskommissar Olli Rehn sowie dem Chef des Europäischen Rettungsschirms ESM, Klaus Regling. Das Trio hielt dem Finanzminister entgegen, dass die beiden größten Banken Zyperns ein ausgedehntes Filialnetz in Griechenland unterhielten. Wären ihre Einlagen nicht mehr sicher, könnte die Verunsicherung der Sparer schnell wieder auf griechische Banken überspringen. Griechenland drohe damit ein ernsthafter Rückfall. ...

    Also - werden eben bei dann doch früher als erwartet tatsächlich stattfindenden Verhandlungen zu Zahlungen aus dem Rettungsfond die Hürden von der Jurisprudenz (sprich Schäuble und Konsorten) so hoch gelegt, dass sie von keinem tatsächlichen "Volsvertreter" in irgendeinem nur einigermaßen funktionierenden "freien" Parlament der Welt tatsächlich Zustimmung erhalten können...

    Natürlich werden diese Art von "Hilfen" dann auch folgerichtig abgelehnt - und der Schachzug geht gegen die Ökonomen - gegen die Banken - auf: Zypern ist nicht so "systemrelevant", dass sich das EURO-System da irgendwie verrenken müsste ...Soll doch Putin mit seinen Luftbuchungen und den geparkten Milliarden seiner Landsleute den eingebrockten Schlamassel mit auslöffeln ...    

    Und so war es Schäuble, der starken Druck auf den zyprischen Präsidenten Nikos Anastasiades gemacht hat, damit dieser einer nennenswerten Beteiligung der Sparer zustimme. Schließlich habe der deutsche EZB-Direktor Jörg Asmussen den Zyprern gedroht, den Geldfluss für die zyprischen Banken einzustellen, wenn es zu keiner Einigung komme. Das hätte de facto eine Pleite für die Geldhäuser bedeutet. Anschließend hat offenbar Zypern dem Deal zugestimmt – unter der Maßgabe, dass die Belastung für die oberen Vermögen nicht mehr als zehn Prozent beträgt. "Man wollte die Großanleger nicht sehr belasten", sagt Daniel Gros, ein bestens verdrahteter Ökonom in Brüssel. "Die zyprische Regierung hat gedacht, mit zehn Prozent sind die ganz zufrieden."

    Den Vorwurf, die Beteiligung der Sparer sei unsozial, lässt Barthle nicht gelten. Es sei vielmehr sogar "gerecht", dass die Einleger zyprischer Banken an der Restrukturierung beteiligt werden. "Das ist der einzige Weg, da der Staat Zypern dazu nicht in der Lage ist." Barthle stützt damit die Position von Schäuble, der gesagt hatte: "Wer sein Geld in Ländern anlegt, wo er weniger Steuern zahlt und vielleicht auch weniger kontrolliert wird, der trägt das Risiko, wenn die Banken dieses Landes nicht mehr zahlungsfähig sind."

    Carsten Schneider, der haushaltspolitische Sprecher der SPD, hält das Vorgehen der Bundesregierung für unprofessionell. Es sei "unerheblich", wer den Vorschlag für die Beteiligung der Kleinsparer letztlich gemacht habe. "Entscheidend ist, dass Schäuble und seine Kollegen zugestimmt haben. Da wurde bedenkenlos oder, noch schlimmer, sehenden Auges die Finanzstabilität des Euro-Raums aufs Spiel gesetzt", sagte Schneider.

    Unionspolitiker wie Norbert Barthle lassen sich davon nicht beirren. Vielmehr setzen sie weiter auf Härte gegenüber Zypern. Gefragt, was denn passiere, wenn das zyprische Parlament nicht zustimme, antwortet er: "Dann testen wir die Systemrelevanz."


    Schäuble mit seiner "Geheimwaffe" (Sudoku-Spiel) während einer Bundestagsdebatte - keine Fotomontage - sonder ganz in echt ... | Foto: Tagesschau | BILD-ONLINE  - siehe auch: http://nunchic.blogspot.de/2012/02/die-politik-verart-das-volk-und-die.html




    "Wir haben ausreichend Vorsorge getroffen, dass die heutige Entscheidung auf Zypern keine negativen Auswirkungen auf den Rest der Euro-Zone haben wird", sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Dienstagabend spät - als die Ablehnung durch das zypriotische Parlament bekannt wurde.

    Das von der Euro-Gruppe angebotene Programm bleibt laut Schäuble auf dem Tisch. Es sehe neben den Finanzhilfen auch Strukturreformen, eine Verbesserung der Einnahmen des Staates und die Bekämpfung der Geldwäsche vor. Das Programm sei geeignet, Zypern und die zyprische Wirtschaft auf Dauer zu stabilisieren, so der Finanzminister...

    Mit Materialien aus: 
    http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/finanzminister-zur-euro-krise-schaeuble-lehnt-schnelle-zypern-hilfe-ab-1.1578322
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-03/zypern-rettung-barthle
    http://www.euractiv.de/finanzen-und-wachstum/artikel/rehn-kontert-schauble-auch-zypern-ist-systemrelevant-007282
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-01/zypern-krise-draghi

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