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Politik ist ein dreckiges Geschäft: Verlängerung & Elfmeterschießen

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zsmmn
Die Politik ist ein dreckiges Geschäft: 
jetzt kupfert sie auch noch vom Fußball ab: 

Nach Ausscheiden der DFB-Auswahlmannschaft macht es erst Herr Seehofer auch so und tritt zurück: 

doch dann zwingt ihn Herr Dobrindt in die Verlängerung mit Elfmeterschießen ...

so ein mann

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Zitat aus einem WELT-Kommentar vom legendären WELT-Erklärer Henryk M. Broder:

Deswegen schaue ich bei einem großen bayerischen Dichter, Oskar Panizza, nach, wie er die Lage erklären würde. Vermutlich so: „Wenn der Wahnsinn epidemisch wird, heißt er Vernunft.“

egomanisch - egodepressiv: eine vorgeführte bipolare unionsstörung

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ein schatten ihrer selbst ... 


Asylstreit der Union

Fiktion einer Einigung

Die Union tut so, als habe sie einen Kompromiss im Asylstreit gefunden. Tatsächlich haben Merkel und Seehofer ihren Konflikt nur abgeschoben. Zur SPD. Nach Österreich. Und bis zur nächsten Gelegenheit der gegenseitigen Demütigung.

Ein Kommentar von Stefan Kuzmany | SPIEGEL-Online

Da stimmt doch etwas nicht. Man kann sich diese beiden Auftritte zweimal, dreimal, fünfmal ansehen, sie passen immer noch nicht zusammen.

Nach dem aber wirklich allerletzten Einigungsversuch mit Angela Merkel stellt sich Horst Seehofer vor die wartenden Kameras und verkündet, er habe sich in allen Punkten des Asylstreits durchgesetzt, deshalb könne er Innenminister bleiben. Wurden also sofortige Zurückweisungen an der Grenze beschlossen? Nein.

Wenig später steht Angela Merkel im Konrad-Adenauer-Haus an einem Rednerpult und sagt, in der Einigung mit der CSU sei der Geist der Partnerschaft in der Europäischen Union gewahrt , gleichzeitig werde Sekundärmigration geordnet und gesteuert - und das sei genau das, was ihr wichtig war und ist. Also doch eine europäische Lösung? Nein.

Tatsächlich ist diese sogenannte Einigung der Union in ihrem jahrelang andauernden Asylstreit (der wievielte eigentlich?) nichts anderes als eine abenteuerliche Verbiegung der Realität. So wie im Plan der Union, an der Grenze sogenannte Transitzentren einzurichten, von einer "fiktiven Einreise" gesprochen wird, also so getan wird, als seien die Ankommenden noch gar nicht angekommen, sondern in einer Art Niemandsland, in dem für sie nicht dieselben Rechte gelten wie bei einer tatsächlichen Einreise, ist auch diese Einigung eine kontrafaktische Fiktion, ein unheiliges Mittel zum Zweck, die zerrüttete Union beisammen zu halten.

Denn tatsächlich haben CDU und CSU keine Lösung ihres Konflikts gefunden und auch keinen nachhaltigen Weg zur Steuerung der Sekundärmigration. Sie haben ihre Probleme lediglich abgeschoben.

Zunächst zur SPD. Es mag in den vergangenen Tagen in Vergessenheit geraten sein, aber tatsächlich sitzen auch noch Sozialdemokaten in der Regierung. Nun sollen sie einer Idee zustimmen, die die SPD 2015 mit großer Geste abgelehnt hat, auf den Tisch geknallt von sogenannten Koalitionspartnern, die ihr nur die Wahl lassen, alles zu schlucken oder die Regierung platzen zu lassen. Andrea Nahles, den Schwarzen Peter in der Hand, vertagte sich erst mal: Man habe da noch Diskussionsbedarf. Allzu viel Widerstand ist nicht zu erwarten.

Die zweite Abschiebung geht nach Österreich: Denn Rückführungen soll es aus den geplanten Transitzentren an der bayerischen Landesgrenze zwar in jene EU-Länder geben, die für die jeweiligen Asylsuchenden zuständig sind, weil sie dort bereits entsprechende Anträge gestellt haben - aber nur in solche, mit denen es entsprechende Abkommen gibt. Gibt es kein Abkommen, werden die Ankommenden direkt nach Österreich zurückgewiesen. Für wie partnerschaftlich die Regierung in Wien diesen Plan hält, wird sich noch zeigen. Und auch mit den anderen EU-Staaten müssen Rückführungsabkommen noch abgeschlossen werden.

Das ist die dritte Abschiebung des Asylstreits der Union: in die Zukunft. Denn das Kunststück, diese magischen Rückführungsabkommen auszuhandeln, darf nun der Doch-noch-Innenminister Horst Seehofer im Auftrag jener Frau vollbringen, der er noch kurz vor dem finalen Einigungstermin per Interview jeden Respekt verweigert hat. Er lasse sich "nicht von einer Kanzlerin entlassen, die nur wegen mir Kanzlerin ist", sprach Seehofer. Das Volk ist er. Diese Hybris eines Mannes, der fortgesetzt agiert, als befände er sich weder in einer Fraktionsgemeinschaft noch in einer Koalition, sondern habe ein gottgegebenes Recht auf die kompromisslose Umsetzung jeder seiner Vorstellungen, kann sich eine Regierungschefin nicht gefallen lassen. Sie tut es aber, weil sie selbst mit dem Rücken zur Wand steht: Stünde die Unionsfraktion vor der Wahl, entweder die Gemeinschaft mit der CSU aufzukündigen oder die Kanzlerin zu opfern, wäre Merkel wohl erledigt.

Sowohl Angela Merkel als auch Horst Seehofer sind nur noch Geduldete ihrer Parteien: Die CDU fremdelt schon lange mit der Flüchtlingspolitik ihrer Vorsitzenden und ist nur durch Merkels komplette Aufgabe derselben einigermaßen befriedet. Und Seehofer wird von seinen gnadenlosen Hintersassen Söder und Dobrindt vor sich her getrieben, die ihn nur noch als Schuldigen für eine absehbar vergeigte Landtagswahl brauchen.

Obschon ihr Zerwürfnis tiefer nicht sein könnte, sitzen Merkel und Seehofer nun weiter aneinander gekettet am Kabinettstisch. Eine zerrüttete Union und daneben eine SPD, die aus Angst vor Neuwahlen stumm alles abnickt: Kann diese Regierung mit diesem Personal noch mehr auf den Weg bringen als ein Anschubprogramm für bundesweite Politikverdrossenheit? Diese Vorstellung ist reine Fiktion.

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der rücktritt vom rücktritt... aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben...: was sind das vor den augen der welt- und wähleröffentlichkeit für parteipolitische winkelzüge zweier "schwesternparteien" miteinander, die laut eigenem bekunden sogar "christliche" motive in ihrem handlungsmodus integriert hätten ...???

da feiert ein alter mann seinen "sieg"über seine nur ein paar jahre jüngere kanzlerin und parteikollegin und -"schwester", "von der er sich nicht entlassen lassen würde, weil er sie ja zur kanzlerschaft verholfen habe" ...

der staat bin ich - das volk bin ich - ich - ich - ich: das ist die perversion der "ich-ag", die seehofer hier betreibt: 

besser wäre das wohl als "egomanisch - egodepressiv" zu diagnostizieren - ich weiß gar nicht ob die psychiatrie eine solche "erkrankung" bereits in ihren dicken icd-katalog bipolarer störungen aufgenommen hat: aber manch junge psychiater können ihre doktorarbeit anhand dieser öffentlichen unionsvolten jetzt erfolgreich abschließen ...

material dazu ist in den letzten tagen zuhauf geliefert worden - der forschungsaufwand hielte sich dafür in grenzen und fände ja sogar im amerikanischen weißen haus eine entsprechung...

egomanie ist trump(f) allerorten - S!|art
- test: jeweils eine der gesichtshälften 
auf dem foto abdecken ...
(und trump und seehofer sind ungefähr gleichalt - und ich mit ihnen - da bekommt man richtig stehhaare auf der glatze ...)

dobrindt und söder und spahn sollten als feixende händereibende "hintersassen" des "bipolaren" spiels darauf achten, dass alle beteiligten auch pünktlich ihre hoffentlich längst von fachleuten verschriebene medikation einnehmen - sonst kommt es öfter zu solchen entgleisungen vor aller öffentlichkeit ... - und wer sich selbst oder die allgemeinheit ("zum wohle des deutschen volkes" heißt es ja im amtseid) gefährdet - gehört eingesperrt - nach psych|kg - 

politik ist also nicht nur ein "dreckiges" geschäft - sie ist auch "krank" - und dazu weiterhin: viel vergnügen - S!


ein fiktiver express-post am morgen löst kummer und sorgen

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"ach god - is des ois kompliziad - ach wia guad dass niemand woass dass i rumpelstilzchen hoass" ... (nach einem dpa-foto)


Die Lage am Mittwochmorgen

Von René Pfister | SPIEGEL-Online

Nach der Revolte beginnen für Innenminister Horst Seehofer die Mühen der Ebene. Weil er im Asylstreit mit Angela Merkel nicht gesiegt hat, muss er nun durchsetzen, was eigentlich nicht sein Plan war: Rücknahme-Abkommen mit Österreich und Italien, an denen schon Merkel gescheitert ist.

Ohne die ist der Migrationsdeal mit der CDU nur eine Luftbuchung, weshalb im Kanzleramt nicht ohne Schadenfreude auf Seehofer geblickt wird, der nun jene Wunder vollbringen soll, die Merkel leider auch nicht zustande brachte: Rechte Regierungen davon zu überzeugen, Deutschland Flüchtlinge abzunehmen. Am Donnerstag ist Seehofer zu Gast bei Bundeskanzler Sebastian Kurz im Wien. "Wir sind sicherlich nicht bereit, Verträge zulasten Österreichs abzuschließen", verkündete Kurz schon einmal vorab. Die "Achse" Wien-München scheint schon unter der ersten Belastungsprobe zusammenzubrechen.

Ein Schritt vor dem Abgrund

Aber auch für Merkel könnte sich der Deal mit der CSU noch als Bumerang erweisen. Bei Lichte betrachtet dient er vor allem dazu, ihre Kanzlerschaft zu verlängern; in der Sache ist er so praxistauglich wie Sandalen in der Arktis. Das liegt nicht nur an der mangelnden Kooperationsbereitschaft Wiens. Warum sollte jemand, der in Deutschland Zuflucht sucht, ausgerechnet jene drei bayerischen Grenzübergänge ansteuern, an denen die neuen Transitzentren nun eingerichtet werden? Es sei nun ein "entscheidender Schritt" getan, um die Migration in Europa zu steuern und zu ordnen, sagte Merkel am Montagabend nach den siebenstündigen Verhandlungen mit der CSU. In Wahrheit ist die Union einen entscheidenden Schritt bei der Beschädigung der eigenen Glaubwürdigkeit vorangekommen.

Saat des Krieges

Der Schwesternkrieg zwischen CDU und CSU wird weitergehen, daran wird der "Asylkompromiss" nichts ändern. Wer mit Merkels Leuten spricht, der spürt nicht nur Erleichterung, dass nun endlich Ruhe herrscht, sondern auch eine Prise Häme, dass sich Seehofer im entscheidenden Moment doch nicht getraut hat, von seinen Ämtern zurückzutreten. Er wurde so in seiner Schwäche kenntlich. Merkel hat das dazu genutzt, der CSU einen Deal aufschwatzen, der kaum das Papier wert ist, auf dem er gedruckt ist. Die CDU-Chefin hat noch einmal einen Sieg errungen, aber um den Preis der Demütigung der lieben Schwester. Die Saat für die nächste Schlacht ist schon gepflanzt.

Gewinner des Tages...

...ist Markus Söder. Wenn Seehofer am Montag die Gelassenheit gehabt hätte, sich von der Politik zu verabschieden, wäre der Parteivorsitz wohl auf den bayerischen Ministerpräsidenten zugelaufen. Man kann Söder nun wahrlich nicht mangelnden Ehrgeiz vorwerfen, aber das Amt wäre für ihn zur Unzeit gekommen. Der Machiavellist Söder weiß, dass der CSU bei der Landtagswahl im Oktober eine böse Überraschung droht, und nach Niederlagen fordert die Partei immer ein Opfer. Es soll nicht Söder heißen.


wer also glaubt, dass mit dem sogenannten "kompromiss" zwischen den unionsparteien der ganz heckmeck wieder überstanden ist, sieht sich getäuscht. am montag wurde lediglich eine "luftnummer" gegeben, wie sie unsere kanzlerin ja in unnachahmlicher weise beherrscht.

das stickige ende bleibt nun am immer-noch|inneminister hängen, an dem er dann wahrscheinlich doch noch zu schlucken hat und vielleicht auch dort noch den "rest" bekommt.

ansonsten gilt: wer die grenze - wo auch immer (!) - überschritten hat, ist "eingereist": "fiktiv nicht eingereist" und "express-/transit-center" zur "konzentration" der einreisenden in "lager" sind angesichts der deutschen geschichte gefährliche wunschträume und entspringen dem digitalen zeitalter, indem man zwar real irgendwo ist - aber als "fiktiv" erklärt wird: zu einer fata morgana - zu einem trugbild - 

ob so etwas vor irgendeinem internationalen gericht der welt letztlich bestand haben wird ist fraglich ...

für die physikerin merkel ist der unterscvhied zwischen fiktiv und real oder dann doch nicht natürlich eine binsenwahrheit - aber der "schachspieler" seehofer kennt ja zu genüge die möglichkeit der "rochade" - ach, wäre er doch lieber bei "mühle-spielen" geblieben: womit der söder es doch auch recht weit gebracht hat ...

und der herr kurz wird das kurzerhand hoffentlich wohl dem nachbarn seehofer am donnerstag so auch mitteilen.

ansonsten werden sie eben fiktiv sammel-/übergangs-/transitlager bauen mit einem haufen bajuwarischer polizisten drin - aber niemand geht dorthin oder kommt dort an: wer die grenzlinie (gps!) nämlich irgendwo überschritten hat, ist eingereist: ob in konstanz, ob in bregenz, ob in oder neben passau oder oder oder ... - und wer abgeschoben wird ins nachbarland, löst unweigerlich in einem domino-effekt den tod des schengen-freiraums aus ... adieu du freies uropa ... danke horst - S!

my laughter is crying - XXL-erna in english

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in einem neueren blog "in english" bringe ich nun das nazi-"euthanasie"-leidensporträt meiner tante erna kronshage auch den einschlägig interessierten in englischer sprache näher.

da ich selbst nie englisch gelernt habe und meine volkshochschulkurse etc. immer viel zu früh und konfus abgebrochen habe - ist es jetzt mehr handarbeit als kopfarbeit mittels deepL-translator und google-translator meine erläuterungstexte zum illustrierenden bildmaterial dazu einigermaßen sinngemäß zu übersetzen.

nun liegt auf dem extra english-blog neben einem kürzeren bebilderten "abstract" und dem übersersetzten WIKIPEDIA-eintrag zu ERNA KRONSHAGEzum themeneinstieg auch der XXL-114-seitige bildband in english vor ...

informieren sie bitte auch interessierte personen - herzlichen dank ...-S!






und noch ein blick aufs english-blog:




claude lanzmann ist tot

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arte

DIE ZEIT: Claude Lanzmann, Sie haben als Halbwüchsiger in der französischen Résistance gekämpft. Könnte man Sie auch als einen Filmemacher im Widerstand sehen? 
Claude Lanzmann: Das ist gar nicht so falsch. 
ZEIT: Im Widerstand gegen das Vergessen? Gegen die Verdrängung? 
Lanzmann: Gegen das Vergessen. Gegen den Tod. Vielleicht bin ich auch im ewigen Widerstand gegen meinen eigenen Tod. Kürzlich wurde ein Fernsehfilm über mich gedreht. Die Autoren fragten mich nach einem Titel. Und ich schlug vor: "Es gibt nur das Leben". Im September 1944 haben Häftlinge in Auschwitz eine Revolte versucht, die scheiterte. Als Mitglieder der jüdischen Sonderkommandos waren sie dazu gezwungen worden, die Ermordung der Deportierten vorzubereiten, ihre Leichen zu verbrennen. Fast alle diese Aufständischen wurden umgebracht. Aber vorher vergruben sie ihre heimlichen und später wiedergefundenen Aufzeichnungen in der Erde, in der Nähe der Krematorien. Es sind bewegende Zeugnisse. 
Ein Satz lautet: "Wir wollen leben, weil es nur das Leben gibt." In diesem Satz liegt eine existenzielle Wahrheit. Auch ich will vor allem leben. Man könnte sagen: Es hat mich immer viel Zeit gekostet zu leben. Die Liebe hat mich Zeit gekostet, der Sex, die Frauen.
...
ZEIT: Ist der Mensch Claude Lanzmann manchmal an seine Grenzen gekommen?
Lanzmann: Ja (er schweigt eine Weile). Ja, beim Gespräch mit Filip Müller, der als Mitglied des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz fünf Liquidationswellen überlebt hat. Einmal, während der Dreharbeiten zu Shoah, sagte er zu mir: 
"Ich wollte leben, unbedingt leben, noch eine Minute, noch einen Tag, noch einen Monat länger. Begreifen Sie: leben."
... 
aus: Claude Lanzmann: "Niemand war in Auschwitz", von Katja Nicodemus - DIE ZEIT Nr. 46/2013
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CLAUDE LANZMANN

Er offenbarte, was nicht gezeigt werden kann

Er war ein Linker und pfiff doch auf Political Correctness. Mit „Shoah“ schuf er ein Denkmal für die ermordeten Juden, das dauerhafter sein wird als Erz. Zum Tod des Filmemachers Claude Lanzmann.

Von Hannes Stein | DIE WELT



Man musste ihn lieben: Claude Lanzmann (1925-2018; hier eine Aufnahme von 1985)
Copyright: picture alliance / Everett Colle







Niemand, der Claude Lanzmanns Neuneinhalb-Stunden-Film „Shoah“ gesehen hat, wird jemals den Anfang vergessen: Da sitzt Simon Srebnik in einem Kahn, der durch eine grüne Idylle gleitet, und singt. Tiefer Frieden, ein glitzernder Fluss, ein herrlicher Bariton. Aber nichts davon stimmt. Alles ist falsch.

Denn der Ort, an dem Simon Srebnik singt, heißt Chelmno und liegt in Polen, und hier wurden Hunderte, Tausende jüdische Männer und Frauen und Kinder in Lastwagen mit Abgasen erstickt und anschließend verbrannt, und das letzte Mal, als Simon Srebnik in dieser Landschaft gesungen hat, war er noch klein und ebenfalls ein Todgeweihter.

Natürlich ist das nicht der einzige unvergessliche Moment in „Shoah“. Da ist zum Beispiel auch das schöne Gesicht von Jan Karski, dem polnischen Edelmann (hier stimmt das Wort einmal), der versucht hat, den westlichen Regierungen, vor allem den Amerikanern, die Wahrheit über diesen Völkermord zu sagen – es hat natürlich nichts genützt. Im Film ringt er um Worte, um Atem, als er beschreibt, wie er im Warschauer Getto mit Anführern des jüdischen Widerstandes zusammentraf, und er schluckt verzweifelt Luft und findet sogar Worte, aber man sieht, dass sie ihn von innen heraus zerbrechen.

Der Zug hört nicht mehr auf zu rollen

Unvergesslich dann auch der Schluss des Films: irgendeine polnische Dampflok, die irgendeinen Güterzug zieht, Viehwaggons, Viehwaggons, Viehwaggons wie damals, und der Zug hört nicht auf zu rollen, er wird nie wieder aufhören zu rollen.

Dass Claude Lanzmann jemals einen Film wie „Shoah“ drehen würde, hätte jeden verblüfft, der ihn – sagen wir – in den Fünfzigerjahren kennengelernt hätte. Lanzmann war ein Jude, gewiss doch, aber er war einer von jenen Juden, die ohne Schuldgefühle Austern schlürfen und Schinken in sich hineinstopfen. Er war sehr, sehr französisch, und dass er von polnischen Juden abstammte, tat nichts zur Sache. Er hatte mit 17 Jahren in der Résistance gekämpft – als Kommunist, nota bene, nicht als Jude. Seine ganze engere Familie hatte zum Glück die deutsche Besatzung überlebt: seine Mutter, sein Vater, sein Bruder Jacques, der ein berühmter Schriftsteller wurde.

Wenn Lanzmann in den Fünfzigerjahren für irgendetwas berühmt war, dann dafür, dass er mit Simone de Beauvoir schlief, der Partnerin von Jean-Paul Sartre. Er war ein Linker, was denn sonst? Er war gegen den Algerienkrieg. Er war Existenzialist, er hatte Sympathien für die DDR. 1948 ging er nach Deutschland – es war für ihn das Land des Philosophen Leibniz, nicht das Land der Nazis.

Immerhin gab er damals an der Freien Universität Berlin – auf der Grundlage von Sartres Essay über die „Judenfrage“ – ein Seminar über Antisemitismus. In seiner Autobiografie „Der patagonische Hase“ berichtet er, dass er damals auf den deutschen Straßen viele Überlebende des großen Mordens sah, die in deutschen „DP-Camps“ darauf warteten, bis sie nach Israel oder in die Vereinigten Staaten ausreisen konnten. Lanzmann berichtet nicht, dass er sich sonderlich für sie interessiert oder mit ihnen gesprochen hätte.

In den Sechzigerjahren war Lanzmann ein linker Aktivist, der zum innersten Kreis um Jean-Paul Sartre gehörte. Er war zwar in Israel gewesen, aber es hatte ihn nicht innerlich berührt. Geld verdiente er, indem er für das Modemagazin „Elle“ Artikel über Prominente schrieb. Außerdem war er ein begeisterter Bergwanderer und Schwimmer. In den Jahren, als er mit Simone de Beauvoir zusammenlebte, reisten die beiden in den Urlaub nach Spanien – und es störte sie kein kleines bisschen, dass das Land damals noch von dem Faschisten Francisco Franco regiert wurde. Ganz besonders gut fanden die beiden: Stierkämpfe. Nein, das, was man heute Political Correctness nennt, hat Lanzmann nie interessiert.

Dieses Gefühl, die Uhr sei abgelaufen

Die große Wende aber kam mit dem Jahr 1967. „Im Gegensatz zu dem, was in den vergangenen 40 Jahren behauptet worden ist“, schreibt Lanzmann in seiner Autobiografie, „war der Sechstagekrieg kein Spaziergang. Die Gefallenen von Zahal (der israelischen Armee), die Toten und Verwundeten, waren zahlreich und schmerzten ein Volk tief, das zum Krieg gezwungen worden war. Das Ausmaß des Sieges war kein Ausgleich für den Verlust.“

Vor allem löste die tödliche Gefahr, in der Israel in jenen Junitagen des Jahres 1967 schwebte, in vielen Juden das Gefühl aus, die Uhr sei abgelaufen: Der Völkermord, der 1945 mit der Niederlage Hitlerdeutschlands gestoppt worden war, schien sie doch noch eingeholt zu haben. Selbstverständlich war Lanzmann als Linker gegen die Amerikaner und ihren Krieg in Vietnam. Nach Auskunft von Jean Améry soll er damals auf einer Demonstration aber ausgerufen haben, er werde notfalls auch den amerikanischen Präsidenten Johnson hochleben lassen, wenn man ihn dazu zwinge: wenn es – sollte das heißen – für das kämpfende Israel keine andere Rückendeckung mehr geben sollte als jene durch die Vereinigten Staaten von Amerika.

Die Frucht von alldem war „Warum Israel“, ein Dokumentarfilm mit Überlänge (drei Stunden!), der 1973 kurz nach Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges in New York seine Premiere feierte. (Vor wenigen Jahren verhinderten linksradikale Nazis in Hamburg eine Aufführung dieses Films mit Rufen wie „Judenschweine“ – diese Schande soll hier nicht vergessen werden.) „Warum Israel“ ist kein zionistischer Propagandastreifen. Der Film macht lediglich deutlich, warum das jüdische Volk einen eigenen Nationalstaat braucht. „Shoah“ begann dann als eine Auftragsarbeit: Mitarbeiter der israelischen Regierung wollten, dass Lanzmann – quasi als Ergänzung zu „Warum Israel“ – nun auch noch einen Film über den Mord an den sechs Millionen drehen sollte.

Natürlich wusste damals keiner – seine Auftraggeber nicht, aber auch Lanzmann selber nicht –, worauf sie sich da einließen. Es war nicht geplant, dass die Dreharbeiten sechs Jahre dauern sollten. Es war nicht geplant, dass der Film so lange dauern würde, dass es beinahe unmöglich ist, ihn an einem einzigen Tag zu sehen. Die Israelis zogen bald ihre Unterstützung zurück. Lanzmann fand private Geldgeber, und dann noch mehr private Geldgeber. Seine Methode, um sich ihre Unterstützung zu sichern: Er log das Blaue vom Himmel herunter. Er schwindelte, er sei eigentlich schon beinahe fertig und brauche nur noch ein paar Dollar.

Als „Shoah“ dann wirklich fertig war, entbrannte sofort eine heftige Kontroverse. Die Polen, die das Werk sahen, waren nicht entzückt; auch viele polnische Juden konnten sich mit dem Film nicht anfreunden. Die Kritik war, dass Claude Lanzmann Polen als ein armes, verrohtes und zutiefst antisemitisches Land gezeichnet habe. Die Leiden der christlichen Polen, die unter der brutalen deutschen Besatzung litten, kämen in dem Film nicht vor; auch nicht die heroischen Bemühungen von Polen, die Juden vor den Deutschen gerettet hätten.

Heute – nachdem Bücher wie jenes von Jan T. Gross über das Massaker von Jedwabne erschienen sind – sind die polnischen Kritiker von „Shoah“ deutlich leiser geworden. Vor allem muss man sagen, dass diese Kritik am Wesentlichen vorbei zielt. Das Thema von Claude Lanzmanns Film ist eben nicht der polnische Widerstand (, sondern jener der Juden; der Film endet mit der Erinnerung an den Aufstand im Warschauer Getto). Sein Thema ist auch nicht der Zweite Weltkrieg im Allgemeinen (dies wäre der Zusammenhang, in dem dann allerdings ausführlich über den deutschen Massenmord an polnischen Christen geredet werden müsste).

Keine Minute zu lang

Es geht in „Shoah“ vielmehr um das, was nicht gezeigt werden kann: den Tod in der Gaskammer. Er ist das schwarze Loch des Verstehens, dem sich all die überlangen Gespräche mit jüdischen Überlebenden, polnischen Zuschauern und deutschen Tätern tastend und vorsichtig annähern. Deswegen ist dieser Mammutfilm auch keine Minute zu lang. Er konnte gar nicht kürzer sein.

Später drehte Lanzmann den Fünf-Stunden-Film „Tsahal“, in dem er ungeniert den Umstand feierte, dass die Söhne und Töchter der Überlebenden der mörderischen Welt von heute nicht mehr wehrlos gegenüberstehen. Aber „Tsahal“ ist im Grunde nur eine überlange Fußnote zu „Shoah“.

Die künstlerische Höhe seines Hauptwerks hat er dann allerdings doch noch einmal erreicht – mit seiner Autobiografie, für die er den WELT-Literaturpreis erhielt. „Der patagonische Hase“ ist eine ausufernde, wilde, stellenweise auch lyrische Feier des Lebens; und selbstverständlich hält der Autor sich keinen Absatz lang mit solchen Kinkerlitzchen wie Selbstkritik auf. „Der patagonische Hase“ lehrt uns, dass man diesen Claude Lanzmann einfach lieben musste, anders war der Typ überhaupt nicht auszuhalten. Er hatte aber auch einen handfesten Grund, eitel zu sein. Mit „Shoah“ hatte er ein Denkmal aufgerichtet, das dauerhafter sein wird als Erz.

Dieser Film wird Menschen auch noch in 500 Jahren beschäftigen – wenn wir uns bis dahin nicht gegenseitig mit Atombomben von der Erdkugel gepustet haben. 

Jetzt ist Claude Lanzmann im Alter von 92 Jahren gestorben.

DIE WELT © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten





in allen echten "linken" 68ern steckt ja in all den jahren ganz tief drin - "ein-stück-weit" wie eine gängige 68er gesprächsfloskel gerne lautete - die wie besessen angestachelte und glühende und abrechnende und trotzdem aufarbeitende wut und die sprachlose trauer und empathie des claude lanzmann - diese einzigartige form einer zeitlosen gedenk- und erinnerungskultur - auch als zäsur und abnabelung von der eigenen schweigenden elterngeneration - endlich zweifeln zu "dürfen" ohne darüber zu verzweifeln ...

ich gebe ja zu: seinen film "shoah" anzuschauen ist jedesmal auch eine buße, eine beichte, eine taufe, ein schweißbad, ein canossa-gang, der einen sprachlos macht - und gleichzeitig fällt man voller scham dabei oft in bleierne schlaf- und alptraumsequenzen.

filmstill "shoah" - bildikone

dieser mann dort auf der lok nach treblinka - seine wettergegerbte haut, sein listiges und gleichzeitig neugierig-trauerndes gesicht unter dem pett ist eine echte bildikone, die mich in all den jahren seit 1985 begleitet ...

lanzmann hat in seinem 9,5-stunden-werk die "sprache" dafür gefunden, das unaussprechliche zu reflektieren -ohne zu belehren ... - ohne zu erklären: als eine stumme immerwährende anklage: so war es und so isses ...

lanzmann hat "shoah" in 12 jahren abgedreht - manche quellen sprechen gar von 20 jahren: für den zuschauer ist der film ein dabeisein, ein mittendrinsein - einen ganzen arbeitstag lang: es sind zeit- und augenzeugen, und es ist oft auch das hörensagen, was da interviewt wird und nach sprache ringt - und das unaussprechliche äußert und berichtet: in vielen sprachfetzen und geschichten - in echter "oral history" - immer wieder durchbrochen von stillen und langsamen kamerafahrten  über das erdreich hinweg, worüber inzwischen die grasdecke gewachsen ist, die aber nur das ungeheuerliche recht knapp und schamhaft und zaghaft zudeckt.

der 68er-slogan: "unter dem pflaster, da liegt der strand" wurde von lanzmann gewandelt in: unter dem grünen und oft schon vertrockneten gras, da liegt hier unweigerlich für immer gen himmel schreiend das pure grauen ...

ansonsten versagen hier alle begrifflichkeit und sprache und schrift: man muss sich 9,5 stunden einlassen - auch mit dem heute existierenden israel im hinterkopf - und den geplanten transitzentren an der deutsch-österreichischen grenze - und der schneidend-grinsenden stimme einer frau weidel und dem altersstarrsinn eines herrn gauland und der wirrnis im kopf des herrn seehofer - und der auch selbst kaum zu erklärenden abwehr der nachgeborenen gegen all die geflüchteten heutzutage - und man muss nachdenken über die drei abrahamitischen religionen: juden, muslime, christen ... - und nachdenken über den impuls, sich an den händen zu fassen, sich festzuhalten, sich zu trösten ... -S! 

claude lanzmann ist tot - aber ob er jemals sterben wird ??? - seine "stimme" darf niemals sterben ...
WELT.edition

oral history, zeitzeugen und erna kronshage

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claude lanzmann ist dieser tage 92-jährig verstorben. er hat meines erachtens im neuneinhalb-stündigen filmwerk "shoah" filmisch die "oral history" angewandt - und im zuge meines nachrufes (s.d.) auf lanzmann ging mir seine "technik" auch für die erinnerungs-blogs zu erna kronshage durch den kopf ... 
und ich sah mich veranlasst, sie an diesen überlegungen mit teilhaben zu lassen ... - in dieser zeit ist das (meine ich) eine ganz spannende diskussion ...
"oral history" -veranstaltung in einer schule zum opferporträt erna kronshage

Oral History

Oral History ist eine Methode der Geschichtswissenschaft, die auf dem Sprechenlassen von Zeitzeugen basiert. Dabei sollen die Zeitzeugen möglichst wenig von der/dem Historiker/in beeinflusst werden. Insbesondere Personen aus diversen Milieus sollen auf diese Weise ihre Lebenswelt und Sichtweisen für die Nachwelt darstellen können.

Verwendet wird die Methode vor allem für die Alltagsgeschichte und Volkskunde, auch Lokalgeschichte. Der Begriff Oral History kam in den 1930er-Jahren auf und wird seit den 1960er-Jahren auch im deutschen Sprachraum verwendet. Oft wird er auf alle Formen des Gesprächs mit Zeitzeugen angewandt, obwohl die Methode gerade kein Gespräch, sondern das freie Sprechen beinhaltet. Die meisten Oral History-Projekte zeichnen die lebensgeschichtlichen Erinnerungen als Audio- oder Video-Interviews auf.

Ausgangspunkt

Historiker sind auf Quellen angewiesen. Da aber nur ein begrenzter Personenkreis (schriftliche) Quellen hinterlässt, besteht die Gefahr, dass Menschen außerhalb dieses Personenkreises von der Nachwelt unzureichend berücksichtigt werden. Dabei handelt es sich vor allem um Angehörige der Unterschicht; aber auch z. B. Manager haben nicht unbedingt von sich aus die Neigung, ihre Erinnerungen aufzuschreiben.

Eine herkömmliche Interviewtechnik, so die Befürchtung der Anhänger von Oral History, engt den Befragten zu sehr sein. Besser wäre es, den Zeitzeugen möglichst frei aus seinem Leben erzählen zu lassen, so dass der Zeitzeuge selbst entscheiden kann, was er für wichtig hält. Es geht dabei auch um Emotionen und Standpunkte, wie sie in anderen Quellen (Personenstandsakten, Nekrologe usw.) wenig vorkommen. Außerdem könne ein heutiger Historiker nicht wissen, welche Fragen einen Historiker in späteren Zeiten interessieren.

Vorgehensweise

Traditionell lässt man bei der Oral History seine Zeitzeugen frei erzählen. Das Erzählte wird mit einem Tonaufnahmegerät oder einer Videokamera festgehalten. Erinnerungsstützen wie Fotoalben, persönliche Objekte, Tagebücher usw. unterstützen die Erzählung. Oft werden die Ton-Aufzeichnungen transkribiert, also mehr oder weniger wörtlich in Schrift übertragen. In einer Nachbearbeitung des Gesagten, eventuell mit dem Zeitzeugen, können Widersprüche geklärt oder Unklarheiten beseitigt werden. Umfangreichere Interviewsammlungen werden oft verschlagwortet und in digitalen Interview-Archiven aufbereitet.

Projekte

Oral History Projekte in Deutschland führten unter anderem Lutz Niethammer und Alexander von Plato durch, so zur Lebens- und Sozialgeschichte im Ruhrgebiet und 1930–1960 (LUSIR) und, noch vor dem Mauerfall, zur „volkseigenen Erfahrung“ in der DDR.

Die Oral-History-Archive an der Freien Universität Berlin bieten Zugang zu Lebensgeschichten von Überlebenden des Nationalsozialismus.

Steven Spielberg hat die Shoah Foundation gegründet, um möglichst viele Zeitzeugen zur Shoah aufzuzeichnen. Die Interviews mit Überlebenden sollen nach dem Aussterben dieser Generation die Erinnerung festhalten. Besonders in den Gedenkstätten zum Holocaust spielen authentische Interviews oder Filme mit Interviews eine zunehmende Rolle.

Das Projekt Archimob (Archives de la mobilisation) des gleichnamigen Vereins um den Filmemacher Frédéric Gonseth, dem über vierzig Historiker und Filmschaffende angehören, sammelte zwischen 1999 und 2001 Zeugnisse über die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Aus 555 Videointerviews entstanden 22 Kurz-Dokumentarfilme sowie die Ausstellung L’Histoire c’est moi. Archimob ist das bisher größte in der Schweiz durchgeführte Oral-History-Projekt.

Das Kernteam von Archimob realisiert seit 2006 ein weiteres audiovisuelles Oral-History-Archiv mit dem Titel humem (von engl. humanitarian memory). In den Jahren 2009 und 2010 wurden mit rund achtzig Persönlichkeiten aus der Entwicklungshilfe seit 1945 ganztägige Interviews geführt. Daraus entstanden ist der erste interaktive Dokumentarfilm der Schweiz, welcher an der Projektausstellung „Die andere Seite der Welt“ von 2011 von 2013 zu sehen ist.

Das Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939–1945“ präsentiert eine Sammlung digitaler Zeitzeugen-Berichte. Knapp 600 ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus 27 Ländern erzählen ihre Lebensgeschichte in lebensgeschichtlichen Audio- und Video-Interviews. Damit erinnert das Archiv an die über zwanzig Millionen Menschen, die für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten. Die Online-Anwendung „Lernen mit Interviews: Zwangsarbeit 1939–1945“ hilft Schülerinnen und Schülern, diese Oral History-Interviews mit ehemaligen Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen als historische Quelle zu verstehen.

Kritik

Nur wenige Historiker betreiben die Oral History in der ursprünglichen, aufwändigen Weise, sondern benutzen durchaus Fragen und Nachfragen. Dies ist aber nichts anderes mehr als ein gewöhnliches Interview, wie es schon immer geführt wurde. Der Begriff Oral History wird mittlerweile oft als ein bloßes Synonym für Interviews in der Geschichtsforschung verwendet, oder für eine Geschichtsschreibung, die sich vor allem auf Interviews als Quelle stützt.

Gerade in der Frühzeit der Oral History wurden große Erwartungen mit der neuen Methode verknüpft: Eine „demokratische Geschichte“ wurde der „offiziellen Geschichte“ gegenübergestellt. Dennoch sind auch die Interviews mit Zeitzeugen nur Quellen, die im Zusammenhang mit anderen Quellen interpretiert werden müssen. Quellentechnisch sind sie ebenso kritisch wie Autobiografien zu sehen. Unter diesen Voraussetzungen einer quellenkritischen Lesart können Oral History-Quellen auch zur Rekonstruktion von Fakten, die häufig präzise erinnert werden, beitragen.

Source

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"unter dem pflaster - da liegt der strand" - S!|art

Wenn die Zeitzeugen gehen

Das Gedenken an den Holocaust wandelt sich

Zeitzeugen der NS-Zeit spielen in der pädagogischen Arbeit immer noch eine große Rolle. Anhand persönlicher Schicksale soll das Grauen der NS-Zeit vermittelt werden. Doch sie werden immer weniger - und einige Historiker plädieren generell dazu, die Art ihres Einsatzes zu überdenken.

Von Johanna Herzing und Melanie Longerich | DLF


"Arbeit macht frei" steht über dem Eingang von Auschwitz I. Die Touristen fotografieren eifrig den Schriftzug, der jedoch nur eine Kopie ist. Das Original wird seit dem Diebstahl im Jahr 2009 sicher verwahrt. Pawel Sawicki, Pressesprecher des staatlichen Museums Auschwitz, geht an der Besuchergruppe vorbei, Richtung Büro.

"Im Grunde genommen vermitteln wir in Auschwitz schon seit ein paar Jahren ohne Zeitzeugen. Nur ein ganz kleiner Teil der Gruppen, die hierher kommen, hat überhaupt die Möglichkeit, mit einem Zeitzeugen zusammenzutreffen."

Morgen, am 68. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, werden zwar wie jedes Jahr Überlebende des Vernichtungslagers an der Gedenkfeier teilnehmen. Aber sie werden weniger. Das macht sich nicht nur an Gedenktagen bemerkbar. Lange Zeit waren die Überlebenden des Holocaust wichtiger Bestandteil der museums- und geschichtspädagogischen Arbeit. Anhand ihres persönlichen Schicksals sollte das Grauen der NS-Zeit vermittelt werden.

"Das ist natürlich schmerzhaft und schwer, aber die Leute, die Jugendliche heute durch Auschwitz begleiten können, das waren damals noch Kinder. Da stellt sich natürlich auch die Frage, was genau die ihnen vermitteln können. Das ist durchaus problematisch und wir kommen immer mehr zu dem Punkt, wo so etwas überhaupt nicht mehr möglich sein wird."

Es sind die heute über 80- und 90-Jährigen, die die nationalsozialistischen Verbrechen als Kinder oder junge Erwachsene miterlebt haben.

"Ich soll hier eine Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer als Überlebender des Warschauer Ghettos."

Dass der Publizist Marcel Reich-Ranicki im vergangenen Jahr in seiner Ansprache vor dem Bundestag so selbstverständlich den Begriff des "Zeitzeugen" verwendete, zeigt, wie sehr sich unsere Gesellschaft inzwischen daran gewöhnt hat, dass Geschichte auf diese Weise vermittelt wird. Das war nicht immer so. Der Zeitzeuge, so die Meinung vieler Historiker, traf erst im Jahr 1961 auf breites öffentliches Interesse – damals fand in Israel der Prozess gegen Adolf Eichmann statt, der während der NS-Zeit für die Organisation der Vertreibung und Deportation der Juden zuständig war.

"- "Ich möchte Herrn Dinur in den Zeugenstand bitten. Aus welchem Grund haben Sie Ihre Identität hinter dem Pseudonym KZetnik verborgen, Herr Dinur?"
- "Das ist kein schriftstellerisches Pseudonym. Was ich geschrieben habe, war eine Chronik des Planeten Auschwitz. Dort war ich etwa zwei Jahre lang. Zeit dort ist anders als hier auf der Erde.""

Martin Sabrow, der Leiter des Zentrums für Zeitgeschichte in Potsdam, spricht von der - Zitat - "Geburt des Zeitzeugen".

"Er entsteht eigentlich mit dem Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem, als der Staatsanwalt Gideon Hausner dezidiert Leute in den Zeugenstand rief, die die Atmosphäre dieser schrecklichen Verfolgungszeit in den Gerichtssaal transportieren sollten."

Dabei ging es dem Staatsanwalt nicht darum, den Angeklagten mithilfe der Zeugen zu überführen, erklärt Martin Sabrow. Das Todesurteil gegen den NS-Verbrecher gründete fast ausschließlich auf dokumentarischem Beweismaterial und nicht auf den Aussagen der Überlebenden. Doch obwohl der Eichmann-Prozess ein medial in alle Welt übertragenes Schlaglicht auf die Berichte der Überlebenden warf - die "Geburt des Zeitzeugen", sie lief schleppend an. Erst in den 1970er-Jahren tauchte der Begriff Zeitzeuge in wissenschaftlichen Texten auf.

"Wir müssen uns ja auch daran erinnern, dass diese Form von Holocaust-Erinnerung, wie wir sie heute für gegeben halten, ein historisch relativ junges Produkt ist. Das setzt ja erst in den 1980er-/90er-Jahren richtig ein. Bemerkenswerterweise auch in Folge einer Fernsehserie Holocaust und nicht auf der Grundlage historischen Wissens."

So der Sozialpsychologe Harald Welzer. Der US-amerikanische Film, im Januar 1979 in mehreren Teilen im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, gilt noch heute als erinnerungspolitische Zäsur. Etwa die Hälfte aller Einwohner der Bundesrepublik verfolgte im dritten Programm die fiktive Geschichte der deutsch-jüdischen Familie Weiß, die zentrale Momente der Shoah widerspiegelt.

- Hör zu, das sind gute Juden! Vater Arzt, Großvater Weltkriegsteilnehmer ...
- Wär' besser gewesen, noch ein paar Monate zu warten mit der Hochzeit.
- Wieso?
- Man munkelt, dass die Partei Mischehen bald verbieten wird; du wirst Ärger kriegen.

Zwar traten in dem Fernsehfilm keine realen Personen auf, aber "Holocaust" entfachte eine breite Debatte über diesen Teil deutscher Geschichte und den Umgang mit ihr. Die NS-Zeit und die Frage nach Tätern und Opfern rückten in das öffentliche Bewusstsein. Und auch der Zeitzeuge und sein persönliches Schicksal waren plötzlich gefragt. Die Vergangenheit – so die Kampfansage der Studentenbewegung - soll "aufgearbeitet", sie darf nicht weiter "verschwiegen" oder "vergessen" werden. Doch was in den 1970er- und 80er-Jahren noch ein Akt des Widerstands gegen eine bei den Deutschen weit verbreitete "Schlussstrich-Mentalität" war, ist heutzutage staatlich verankertes Geschichtsbild.

So wandelte sich der Zeitzeuge vom Kritiker der offiziellen Geschichts- und Erinnerungskultur zu deren Träger und Verfechter. Seine Erzählungen sind geprägt durch die Werte unserer heutigen Gesellschaft. Auch aus diesem Grund begegnen Historiker den Zeitzeugen mitunter skeptisch. Etwa Martin Sabrow:

"Der Zeitzeuge erzählt nicht das, was war, er erzählt nicht mal das, was er damals in der Erinnerung gespeichert hat. Er erzählt das, was er erinnert vom letzten Mal, als er es erzählt hatte. Und so verändern sich Erinnerungen wie die "stille Post": Sie schleifen sich ab, sie gewinnen narrative Qualität, sie werden zu Erzählungen."

Zu Erzählungen, die manches auslassen, anderes beschönigen oder im Sinne heutiger gesellschaftlicher Werte umdeuten. Von nahezu unschätzbarem Wert jedoch sind diese Erzählungen für das Fernsehen. Das Medium hat maßgeblich zur steilen Karriere des Zeitzeugen beigetragen. In den 1980er- und 90er-Jahren entwickelt die Redaktion Zeitgeschichte des ZDF unter Leitung von Guido Knopp Geschichtsformate - auch bekannt als Doku-Fiction - in denen historische Themen erstmals massentauglich für die Hauptsendezeiten aufbereitet werden. Für den Historiker Wulf Kansteiner von der amerikanischen Binghampton University funktioniert der Zeitzeuge in diesen Formaten als unentbehrliches, emotionales Bindeglied zwischen Produzent und Zuschauer. Doch der Raum, den Fernsehmacher wie Knopp dem Zeitzeugen früher noch großzügig zugestanden haben, wird immer kleiner.

"Gerade für das Knoppsche Paradigma gilt, dass die Aussage des Kommentators die entscheidende ist und der Zeitzeuge wird eingepasst. In den meisten Knoppschen Sendungen ist die Hierarchie doch ganz klar aufgestellt, indem der Kommentator das Thema und auch die Bewertung vorgibt und der Zeitzeuge das illustriert und deshalb ganz klar nachgeordnet und untergeordnet eingreift."

Offensichtlich ein Erfolgsmodell. Doch was geschieht, wenn die unmittelbare Zeitzeugen-Generation, die die NS-Zeit erlebt und den Holocaust überlebt hat, abtritt? Bei dieser Frage gehen die Meinungen der Historiker auseinander. Martin Sabrow:

"Die jüngst ausgestrahlte Dokumentation zu Paul von Hindenburg hatte sehr viele Zeitzeugen aufgeboten, die dann auch den Fackelzug von 1933 beschrieben und das war dann eben der Enkel von Paul von Hindenburg, in dessen Zügen man auch die Züge des Großvaters meinte ahnen zu können. Und wenn es nicht mehr der Enkel ist, dann ist es der Enkel des Gärtners von Hindenburg oder es ist der Neffe des Enkels des Gärtners von Hindenburg usw. Die Zeitzeugenkultur ist stärker als der biologische Mechanismus des Lebens und des Sterbens."

Wulf Kansteiner hingegen wendet ein:
"Die Möglichkeit der Zeitzeugen als dieses emotionale Bindeglied zu funktionieren, geht deshalb verloren, weil die Zeitzeugen diese Funktion medial nur erfüllen können, wenn sie von dem Zuschauer als zeitgenössisch wahrgenommen werden, das heißt, der Zuschauer muss das Gefühl haben: Diese Zeitzeugen, die da auf dem Bildschirm erscheinen, sind Zeitzeugen, die ich auch auf der Straße treffen könnte, die ich anfassen könnte."

Verteufeln will der Historiker Wulf Kansteiner die populären Fernseh-Geschichtsformate bei aller Kritik aber nicht:

"Natürlich fehlt diesen Sendungen die Selbstkritik. Und gleichzeitig muss man betonen, dass Zuschauergruppen an das Thema Drittes Reich und Nationalsozialismus über diese Sendungen herangeführt worden sind. Zuschauergruppen, die vielleicht normalerweise kein Interesse an Geschichtsaufklärung hatten."

Auch die Geschichtslehrerin Petra Zündorf beobachtet das Interesse ihrer Schüler für NS-Dokufictions zum Beispiel über Hitlers Frauen oder die Waffen-SS mit gemischten Gefühlen. Einerseits interessieren sich ihre Schüler, gleichzeitig muss sie im Unterricht vieles wieder gerade rücken:

"Es geht ja da gar nicht darum, wie Hitler an die Macht kam, dass da irgendwelche Verfassungssachen beleuchtet werden. Sondern es sind ja so Themen wie die SS, also so mystisch verklärte Dinge."

Auf Wunsch ihrer Schüler hat die 35-jährige Zeitzeugen in den Unterricht am Kölner Gymnasium Rodenkirchen eingeladen – zum ersten Mal. Neugierig betrachten die Abiturienten die drei Frauen, die Mitte 80 sind und im Klassenzimmer Platz nehmen.

"Ja, ist heute ist ein sehr spannender Unterricht, ich freue mich, dass sie gekommen sind, die Schüler haben sich das sehr gewünscht."

Ingeborg Tober ist eine der drei. Ihr schlohweißer Pagenkopf wippt, während sie sich mit wachen blauen Augen die Schüler mustert. Sie war gerade sechs Jahre alt, als Hitlers Partei, die NSDAP, mehr und mehr an Einfluss gewann. Sie erzählt von ihren jüdischen Mitschülerinnen, die nicht mit ihr auf die weiterführende Schule wechseln durften und ihrer Zeit als Hilfsschwester an der Front:

"Ich habe Hitler als Kind einmal gesehen. Und zwar war er in Köln. Wir mussten – wie alle Schüler – auch mit Fähnchen da stehen. Heute, darf ich das einflechten, würde ich sagen, ich kann verstehen, dass die dem alle so nachgelaufen sind. Das war ein sehr charismatischer Typ."

Dass Zeitzeugen heutzutage in die Schulen gehen, die in der NS-Zeit selbst noch Kinder waren, findet die Historikerin Ulrike Jureit vom Hamburger Institut für Sozialforschung bedenklich. Denn diese Zeitzeugen können nur über ihre Kindheitseindrücke berichten.

"Natürlich kann man einen Dialog unter Generationen immer für positiv erachten. Aber unter der Frage, was wird da eigentlich für ein historisches Wissen vermittelt, halte ich das für problematisch."

Der 19-jährige Sebastian Seidensticker hat viele Fragen in sein Heft notiert. Besonders beschäftigt ihn, wie es sein konnte, dass die Bevölkerung damals angeblich nichts von Konzentrations- und Vernichtungslagern gewusst haben will:

- Sebastian: "Es muss ja quasi die Frage gestellt werden, wenn Leute abgeholt werden, wo gehen die hin?"
- Zeitzeugin: "Das war alles streng, streng geheim. Rede nicht darüber. Der nächste könnte ja ein Spitzel sein. Es war eine ganz, ganz ungemütliche Zeit."

Sebastian runzelt die Stirn, blickt schweigend in sein Heft. Hat er etwa konkretere Antworten erwartet?

"Es gibt Unklarheiten. Allerdings, ich denke, mit denen muss man leben. Auch Zeitzeugen sind nur Menschen, die sich womöglich für etwas schämen von damals."

Sebastians Klasse ist von Lehrerin Petra Zündorf gründlich auf die Begegnung vorbereitet worden. Auch darauf, dass vom Treffen mit den Frauen keine zusätzlichen fachlichen Erkenntnisse zu erwarten seien, die den Geschichtsunterricht ergänzen könnten.

Zeitzeugen sind bis heute ein wichtiger Faktor im Schulunterricht und in Gedenkstätten. Doch das muss nicht mehr sein, findet Sozialpsychologe Harald Welzer. Er beschäftigt sich immer wieder mit dem Thema Erinnerung, zuletzt in seinem Buch "Das Menschen Mögliche". Darin fordert Welzer, die deutsche Erinnerungskultur – und damit auch die Bildungsarbeit - endlich zu renovieren:

"Man sagt dauernd, man darf nicht vergessen und das darf nicht wieder geschehen und man muss erinnern und so weiter. Nun trifft diese Rhetorik auf eine Generation, die überhaupt nicht die Absicht gehabt hat, irgendetwas zu vergessen."

Denn die Jugendlichen heute sind sich ihrer Verantwortung für die Vergangenheit auch ohne moralischen Appell bewusst, sagt Welzer. Der Soziologe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen macht sich dafür stark, die noch lebenden Zeitzeugen nicht länger in den Unterricht und der Gedenkstättenarbeit einzubeziehen. Weil ihre Erinnerungen von ihrem späteren Wissen über die Shoah gefärbt seien und sie den Nationalsozialismus vom Ende her erzählen würden, also von der Ermorderung der Juden aus. Das aber verstelle den Blick aufs Wesentliche, nämlich auf den Anfang der NS-Zeit, als sich die Ausgrenzung der Juden immer mehr in die Gesellschaft eingeschlichen – und die Bevölkerung sich nicht dagegen gewehrt hat.

Das sagt auch Barbara Kirschbaum, Pädagogische Leiterin des Kölner EL-DE Haus. In diesem Haus hatte die Gestapo ihren Sitz. Heute ist es Gedenkstätte und NS-Dokumentationszentrum in einem. Auch hier werden Zeitzeugenberichte verwendet, allerdings ausschließlich auf Video:

"Wenn die Person vor ihnen sitzt, dann können sie nicht sagen: "Das stimmt aber nicht, was sie erzählen." Sondern diese Distanz, die das Medium Video uns ermöglicht zu dem Menschen, die ermöglicht eben auch diese quellenkritische Behandlung. Man kann verschiedene Perspektiven gegeneinander setzen."

Seit Jahren wird nach neuen Konzepten gesucht, um die "emotionale Ebene" in der Geschichtsvermittlung – die nur die persönliche Begegnung mit Zeitzeugen ermöglicht - zu kompensieren. Mittlerweile gehören aufgezeichnete Interviews in der Gedenkstättenarbeit längst zum pädagogischen Standard.

"Wenn sie so Zeitzeugenaussagen nehmen, um bestimmte Phänomene zu illustrieren, dann ist das auch eine sehr gute Möglichkeit, mit Jugendlichen darüber ins Gespräch zu kommen."

Dabei sei vor allem die Analyse gesellschaftlicher Mechanismen wie Ausgrenzung und Gruppendruck wichtig, erläutert die Kölner Pädagogin. Der moralische Zeigefinger habe in diesen Gesprächen nichts zu suchen. Eine repräsentative Befragung von Jugendlichen ab 14 Jahren, die TNS-Infratest im Auftrag des Wochenmagazins "Die Zeit" 2010 durchgeführt hat, besagt, dass sich mehr als zwei Drittel für den Nationalsozialismus und den Holocaust interessieren. Die Jugendlichen sehen ihre Generation zudem in der Pflicht, die Verbrechen an der jüdischen Bevölkerung niemals zu vergessen.

Die Befragung ergab aber auch: 40 Prozent der Jugendlichen fühlen sich genötigt, Betroffenheit zu zeigen, sobald über den Holocaust angesprochen wird. Die Pädagogin Barbara Kirschbaum führt diesen Zwang zur Betroffenheit auf die Generation der 68er zurück. Die Jugend wollte damals ihre Eltern und Großeltern zwingen, für die NS-Verbrechen Verantwortung zu übernehmen:

"Es war wichtig, aber es behindert gewissermaßen manchmal heute die Arbeit mit den Jugendlichen, weil eben dieses Element "Wir müssen die Schuld annehmen" an die Jugendlichen weitergetragen wird und wir merken, dass viele Jugendlichen sich dagegen wehren und sagen, ich habe damit nichts zu tun. Ich habe keine Lust mehr, mich als Deutscher immer schuldig zu fühlen."

Die junge Lehrerin Petra Zündorf weiß genau, wovon Kirschbaum spricht. Als sie selbst noch Schülerin war, war sie vom moralischen Zeigefinger auch genervt.

"Und deshalb habe ich mir für meinen Geschichtsunterricht vorgenommen, dass ich das nicht mache, dass ich versuche, so neutral wie möglich die Fakten vorzustellen und die Fakten für sich sprechen zu lassen. Und das funktioniert auch."

Für die Historikerin Ulrike Jureit ist das die beste Art, den nachfolgenden Generationen Geschichte zu vermitteln. Denn die deutsche Gesellschaft steckt mitten im Wandel:

"Stichwort: Migration und Einwanderungsgesellschaft. Die Mehrheit in unserer Gesellschaft ist nicht nur zu jung, um diese eigenen biografischen Bezüge zum NS zu haben, sondern hat ganz andere familiäre Hintergründe, ganz andere Geschichten."

Ulrike Jureit, auch Harald Welzer wollen bei der Thematisierung der NS-Zeit künftig viel stärker die Gesellschaft heute in den Blick nehmen. Der Historikerin und dem Sozialpsychologen geht es darum, die Mechanismen der NS-Zeit anhand aktueller Probleme wie Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung herauszuarbeiten:

"Und dann kommen wir vielleicht zu dem Punkt zu sehen, dass die Demokratiegefährdung heute nicht von Männern in schwarzen Uniformen ausgeht, aber möglicherweise von Erosionsprozessen innerhalb demokratischer Verfahren, von Auflösungs- oder Angriffe auf parlamentarische Verfahren oder von Internetkonzernen, die systematisch Überwachungsstrukturen etablieren."

Harald Welzer sieht in der Nach-Zeitzeugen-Zeit also große Chancen. Er will, dass künftige Generationen aus Geschichte nicht nur lernen, sondern in der Lage sind, Parallelen zwischen früheren und heutigen Gefahren zu erkennen, um sich dagegen zu wehren.

"Insofern glaube ich, dass der historische Raum ohne die sogenannten Zeitzeugen offener ist als mit den Zeitzeugen. Und damit für historische und politische Bildung eigentlich gut."

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bruce nauman: double poke in the eye II , 1985



HARALD WELZER ZUM HOLOCAUST

„Geschichte wird freier ohne Zeitzeugen“

VON LORENZ HEMICKER - FAZ.net - 28.11.2017

Der Holocaust kann sich jederzeit wiederholen, sagt Harald Welzer. Im Gespräch warnt der Soziologe vor Gedenkformeln, Vergleichsverboten – und leerem Pathos.

Herr Welzer, in Osteuropa begannen die Deutschen 1941 mit der systematischen Vernichtung der Juden in Europa. Zunächst wurden Männer, Frauen und Kinder erschossen, später vergast. Kann sich der Holocaust wiederholen?

Von der Grundlogik her auf jeden Fall. Kollektive können jederzeit beschließen Menschengruppen auszurotten, die nicht zu ihnen gehören. Das hat sich nach 1945 schon mehrfach wiederholt.

Wie unterscheiden sich die damaligen deutschen Täter von uns?

Überhaupt nicht. Der Holocaust ging hervor aus einem Land der europäischen Moderne. Ein Land mit einem Schulsystem, einem Bildungssystem und einer abendländischen Kultur. Dort ist das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte entstanden. Und es wurde von Menschen ausgeführt, die psychologisch bis hinein in die gebildetsten Schichten mit uns identisch sind. Was überlebende jüdische Intellektuelle am meisten erschüttert hat, war ja genau das: Der Seitenwechsel aller ihrer Kolleginnen und Kollegen. Das ist ein Punkt, der aus meiner Sicht viel zu wenig beachtet wird.

Wie viel braucht es, die klugen Köpfe einer Gesellschaft zu so einem Schwenk zu bringen?

Nicht viel. Stellen Sie sich vor, was in Deutschland im Frühjahr 1933 los gewesen wäre, hätten die Nazis den jüdischen Teil der Bevölkerung aus den Häusern geholt, ihr Hab und Gut versteigert, diese Menschen durch die Straßen getrieben und in Deportationszüge gepfercht, mit unbekanntem Ziel. Da hätten die Leute gesagt, „Also bitte, wir sind hier in Deutschland, dem Land der Dichter und Denker. Das kann man ja wohl nicht machen“, selbst wenn man Antisemit ist. Acht Jahre später hat sich genau das vollzogen. Die Deportationszüge sind mitten aus Berlin-Grunewald losgefahren, dem bürgerlichsten Viertel der Stadt. Die Leute standen an der Straße und sahen zu, ohne das Gefühl zu haben, dass sich ihre Moral verändert habe. Acht Jahre können die ganze Welt verändern.

Machen wir es konkret. Was müsste geschehen, damit ein Deutscher im Jahre 2017 zum Massenmörder wird?

Es müsste eine kategoriale Unterscheidung zwischen Menschengruppen hergestellt werden, von denen eine Gruppe mit allen negativen Attributen versehen und als gefährlich gebrandmarkt wird. Öffnet sich dann noch ein rechtsfreier Raum, kann man erstaunt feststellen, dass doch sehr viele Menschen bereit sind, Dinge zu tun, die sie von sich selbst nie geglaubt hätten.

Welche dieser Bedingungen sehen Sie in Deutschland heute als erfüllt an?

Die gute Nachricht: überhaupt keine. Es ist eine der erstaunlichsten Entwicklungen, innerhalb von 70 Jahren, Deutschland aus einem Reich des Bösen zu einer liberalen, offenen und gefestigten Demokratie geworden ist. Die Mehrheit der Bürger steht auch dafür.

Dennoch hat in Deutschland Rechtspopulismus Konjunktur. Bei den Themen Asyl, Islam und Zuwanderung bestehen laut dem jüngsten Verfassungsbericht Überschneidungen zwischen demokratischer Gesellschaft und rechtsextremer Szene. Buchen Sie das unter natürlichen Abwehrreflexen ab?

Es gibt nichts abzuwehren. Da werden nur sehr gut aktivierbare biologische Reflexe ausgenutzt: die Angst vor Menschen mit anderer Religion, Sprache und einem anderen sozialen Status. Fremde gut zu finden ist erst eine Erfindung der Neuzeit.

Wenn Vertreter der AfD Schießbefehle an der Grenze fordern, Deutschsein biologisch definieren und den Holocaust verharmlosen – für wie gefährlich halten sie das?

Jede Form von Rassismus ist brandgefährlich, weil in ihr genau diese kategoriale Unterscheidung liegt. Unterschiede sind nur dann harmlos, wenn sie überbrückbar sind.

Die AfD sucht nicht nur Fremde abzuwerten, sondern auch die Wehrmacht aufzuwerten.

Wenn Alexander Gauland die Wehrmacht verharmlost, merkt man, wie entfernt die AfD von irgendwas ist. Heute würde nicht mal ein 95 Jahre alter Kriegsveteran noch behaupten, dass die Wehrmacht eine saubere Armee gewesen sei.

So alt sind auch die letzten Opfer des Holocaust, die den Terror noch als Jugendliche durchlitten haben. Sie werden in den nächsten Jahren sterben. Welchen Einfluss hat das auf die Erinnerungskultur in Deutschland?

Ihr Verschwinden stellt die gesamte Erinnerungskultur vor große Probleme, denn sie stützt sich ja auf diese Zeitzeugen. Die direkte, glaubwürdige Begegnung mit Ihnen wird nicht mehr möglich sein. Andererseits wird damit auch die Geschichtsbearbeitung etwas freier. Ich finde Geschichtspädagogik immer dann richtig, wenn Transfers hergestellt werden können. Das ist eher möglich, wenn es keine Zeitzeugen von beiden Seiten mehr gibt, auf die man aus Gründen der Würde Rücksicht nehmen muss.

Heißt das, jede Generation muss sich ihre Perspektive auf den Holocaust neu erarbeiten?

Ich glaube ja. Jede Generation steht kulturell an einer völlig anderen Stelle. Meine Eigene stammt aus einer recht homogenen Gesellschaft. Wenn ich heute eine Schulklasse besuche ist die Zusammensetzung sehr international. Dort wird mit Verschiedenheit ganz anders umgegangen. Ausgrenzungserfahrungen sind viel verbreiteter als früher.

Was bedeutet das für die Imperative „Nie wieder“ und „Wehret den Anfängen“?

Sie sind zu einer Formel erstarrt, die mit den globalen Gegebenheiten nichts zu tun hat. Völkermorde wurden danach immer wieder begangen. Nehmen Sie Bosnien, Ruanda, den „Islamischen Staat“ – reihen Sie weitere Stichworte aneinander. Solche Imperative sind deshalb leeres Pathos. Sie stehen der klaren Betrachtung von zwischenmenschlichen Prozessen entgegen, die im Geschichtsunterricht überhaupt nicht gelehrt werden. Das finde ich fatal.

Die Forderung, den Holocaust nicht zu vergleichen, halten Sie für falsch?

Der Holocaust in seiner Form ist einmalig. Aber die Prozesse, an deren Ende er steht, sind es nicht: Ausgrenzungen, Gewöhnung an alltägliche Gewalt und Massenmorde, die wir immer wieder beobachten können. Darum ist die Forderung fatal. Nur wenn wir vergleichen, wissen wir, wann und wo die Politik notfalls einzugreifen hat.
▇ Harald Welzer (* 27. Juli 1958 in Bissendorf bei Hannover) ist ein deutscher Soziologe und Sozialpsychologe. Er ist Direktor der gemeinnützigen Stiftung „Futurzwei“ und Autor der Bücher „Opa war kein Nazi“ sowie „Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden“.



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oral history zu erna kronshage


als autor der blogs zum opferporträt meiner tante erna kronshage (1922-1944), die schließlich in der nazi-"euthanasie"-vernichtungsanstalt "tiegenhof"/gnesen (polnisch: dziekanka/gniezno - heute polen) ermordet wurde, muss ich ja meine rolle als nacherzähler ihres schicksals auch selbstkritisch als eine form von "oral history" bewerten lernen...

es geht ja bei erna kronshage nicht explizit um den "holocaust" am jüdischen volk - sondern es geht um einen nazi-mord im wust der rund 300.000 geschätzten "euthanasie"-opfer, die anfangs, also ab 1940, geplant und zentral organisiert vergast wurden - gezielt in 6 dafür hergerichteten vernichtungsanstalten - auch als "training" für den dann später parallel einsetzenden "holocaust", der "shoah" am jüdischen volk.

nach dieser ersten zentral aus berlin gesteuerten "euthanasie"-welle entwickelte sich dann ab spätherbst 1942 eine "wild"verzweigte dezentrale und regional gesteuerte tötungs-hype aller "irgendwie abweichenden charaktere" oder der für den krieg "unbrauchbaren" und "im wege liegenden" menschen und patienten.

da es bei den "euthanasie"-morden um ("volks")deutsche menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher und religiöser zugehörigkeiten ging, mitten aus den familien und milieus herausgerissen, lagen die kriterien insgesamt historisch natürlich etwas anders als beim "holocaust" - ich will das aber hier auch nicht miteinander vergleichen oder irgendwie bewerten: mord ist mord ...

mein "leitbild" vor 30 jahren zu beginn meiner archiv- und literaturforschungen und -aufarbeitungen waren sicherlich getragen von den leitsätzen und dem wollen der "68er"-generation insgesamt, in die ich hineingeboren wurde - und die diese vorkommnisse in der nazi-zeit nicht mehr mit dem mantel des verschweigens zudecken wollte - die die personale mittäterschaft der elterngeneration nicht länger infragestellte.

ich fand also diese allmählich einsetzende sediment-ablagerung dieser rund 300.000 "euthanasie"-opfer vor - und dieses allgemeine - auch politisch-historisch und institutionelle totschweigen all dieser opfer, für die sich kaum eine "gedenk- und erinnerungslobby" stark machte.

aus diesem ablagerungs- und verdrängungs-sediment will ich mit der rekonstruktion und nacherzählung des opferschicksals meiner tante erna kronshage eben einen winzigkleinen korn herauspuhlen und dem nachgehen - beispielhaft für die anderen 299.999 - von denen vielleicht bis heute insgesamt 300 - 400 einzelbiografien inzwischen bekannt und publiziert sind - also gut ein promille...

und deshalb möchte ich auch den mir nachfolgenden generationen virtuell oder praktisch face to face den kurzen lebensweg erna kronshages näherbringen als exemplarisches beispiel - mit wieviel (mit-)täterschaft und verstrickungen letztlich so ein mord vorsätzlich und doch auch stickum verübt wurde - nicht von einem einzeltäter oder irgendwelchen monstern, sondern kleinteilig fragmentiert - step by step - von menschen wie du und ich, auch von verwandten, nachbarn, beamten, ärzten usw. ...

und erschreckend beispielhaft zeigt diese ermordung meiner tante, wie rasch sich das alles - unter ganz anderen prämissen - wiederholen kann.

also lesen und sehen sie - und sagen sie es allen weiter ... - damit aus meiner nacherzählung ihre nacherzählungen werden... sicherlich gibt es bei neuere pack-enden dabei anzufassen als bei mir, aber wir dürfen all diese opferschaft nicht einfach zum sediment herbsinken und versteinern lassen - sondern jeweils zu fruchtbarem humus umwandeln ...  S!

geknister

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da war ein knistern
in der brutglut

in der die kriechtiere
sich wandeln

um letztendlich
die flatter zu machen

ist das nun end-
oder übergangstadium

dieses aufglühen
des seelenfunkens
im unendlichen

es war mir
als sei da gerade
im schatten
ein licht verschluckt

und tropft nun blinzelnd
als honigseim
auf das blütenblatt

hingehaucht als ein
zartfeuchter kuss

direkt in die 
durchflutete ewigkeit

sinedi

87 : 13: Die Politik am Volk vorbei

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KOMMENTAR

Tausende Demonstranten in Düsseldorf und Berlin: DAS ist das Volk

Manchmal fühlt es sich an, als werde in Berlin und Bayern nur noch Wahlkampf für potenzielle AfD-Wähler gemacht. Die Demo-Zahlen vom Samstag zeigen: Wir sind auch noch da. Warum hört uns niemand?

Matthias Schwarzer | nw.de

Laut, bunt und groß: In mehreren deutschen Großstädten sind am Samstag tausende Menschen auf die Straße gegangen. In Düsseldorf demonstrierten rund 10.000 gegen das geplante NRW-Polizeigesetz. In Berlin forderten rund 12.000 Demonstranten ein Ende der Kriminalisierung von Seenotrettungsorganisationen im Mittelmeer. Hunderte weitere demonstrierten in Ulm, Heidelberg und München.

Es ist wichtig, diese Zahlen zu nennen - und sie immer wieder zu wiederholen. Es ist wichtig für die Politik, und es ist auch wichtig für die Medien. Denn sowohl das umstrittene Polizeigesetz als auch die Kriminalisierung der Rettungsorganisationen waren in den vergangenen Wochen in der politischen Debatte allenfalls ein Nischenthema.

Worüber hat das Land stattdessen diskutiert? Über Grenzkontrollen, über Verhinderung von Migration und über Transitzentren. Und zwar mehrere Wochen lang. Wegen des Machtkampfs innerhalb der Union stand die politische Arbeit wochenlang nahezu still. Und all das wegen Themen, die vor allem einer rechten Partei und ihrer Wählerschaft wichtig sind - und sonst niemandem.

Die Mehrheit will keine AfD-Themen

Horst Seehofer und Markus Söder lassen keine Versuchung aus, der AfD nach dem Mund zu reden, um ihr Wählerstimmen abzujagen. Und sie sind nicht die einzigen: Auch SPD-Chefin Andrea Nahles ließ sich im Mai zu der Aussage hinreißen, man könne schließlich "nicht alle aufnehmen". Als hätte das irgendjemand jemals gefordert.

Manchmal fühlt es sich an, als mache man in Berlin und Bayern nur noch Wahlkampf für AfD-Wähler. In Bayern sind das laut Umfragen allenfalls 13 Prozent. Dass die restlichen 87 Prozent auch noch da sind, davon merkt man in der politischen Diskussion derzeit herzlich wenig.

Dabei hat eine Forsa-Umfrage kürzlich ergeben, dass die europanahe Politik von Angela Merkel selbst bei CSU-Wählern für mehr Zustimmung sorgt als der Populismus von Markus Söder. 75 Prozent der Bayern finden andere Probleme deutlich wichtiger als die Flüchtlingskrise - und 39 Prozent halten die CSU selbst für das größte Problem im Land.

Warum hört uns niemand?

Hinzu kommen die Großdemos: Im Mai gingen mehr als 30.000(!) Menschen in München gegen das bayerische Polizeiaufgabengesetz auf die Straße. Für Bayerns Innenminister Joachim Hermann war das im Anschluss schlichtweg (Zitat) "Lügenpropaganda". Das Gesetz wurde von der CSU trotz allem im Alleingang durchgedrückt.

Zum Vergleich: Zu einer groß angekündigten rechten Großdemo der AfD in Berlin kamen im Mai maximal 5.000 Leute. Ihnen standen rund 25.000 Gegendemonstranten gegenüber - also das fünffache. Warum werden 25.000 Menschen nicht gehört, aber für AfD-nahe Themen fast die Regierung aufs Spiel gesetzt?

Es ist ziemlich kurzsichtig und dumm, wochenlang einer kleinen Minderheit von Rechtspopulisten nach dem Mund zu reden. Ständig ihre Themen aufzugreifen, die eigentlich gar keine Themen sind. Denn die 30.000 in München, die 12.000 in Berlin, die 10.000 in Düsseldorf: DAS ist das Volk. Und das Volk will auch mal wieder gehört werden.
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in russland sind fußball-weltmeisterschaften - 12 junge fußballer sitzen in thailand in der höhlenfalle - ein neues einwanderergesetz ist jahzehntelang überfällig - vor libyen schwimmen viele leichen im mittelmeerwasser - und in deutschland kümmert man sich seit monaten nur noch um das unwichtige geblubber einer einzigen rechten partei, der es gelungen ist, unsere satte politlandschaft aufzumischen - und jetzt zuletzt kümmerte sich die geballte politische kraft in deutschland um vielleicht 5 anreisende, die die drei durchgangsstationen an der bayerischen grenze zur bundesrepublik (!) vielleicht pro tag anlaufen werden - aber vielleicht auch nicht ...

politik ist nicht nur ein dreckiges geschäft - sie ist auch fatal - weil sie die realitäten verkennt und sich parallelwelten zimmert, sich in diese scheinwelten verrennt. politik ist nicht mehr objektiv sondern subjektives gedöns: sie verwechselt die persönlichen befindlichkeiten einiger weniger egomanen und die themenliste einer kleinen provozierenden partei mit den unter den nägeln brennenden themen der mehrheit dieses "volkes" ... 

und das eigentliche "volk" hat die politik darüber längst aus den augen verloren ... - S!

Quelle: WELT am Sonntag, Nr. 27, v. 08.07.2018, S. 12

im ofang war dös woat: deitsche sproach - gfährliche sproach:

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Auch das Wort "Heimat" wird ganz neu be-"framt": siehe: "Heimatminister" Horst Seehofer (Bild: Demo in Dresden - NDR)


Die gefährliche Sprache der CSU

Söder, Seehofer und Dobrindt verwenden Begriffe, die schon lange bei Rechtsextremen beliebt sind

Von Matthias Schwarzer | NW am Sonntag

Markus Söder spricht von "Asyltourismus". Horst Seehofer will einen "starken Rechtsstaat" und hat einen "Masterplan". Alexander Dobrindt wollte noch vor wenigen Monaten eine "konservative Revolution" anzetteln. Kaum eine andere Partei schafft es wie die CSU, immer wieder neue Kampfbegriffe in die politische Debatte zu tragen. Viele von ihnen zeichnen schiefe Bilder und sind nicht selten historisch belastet. Warum macht die Partei das? Und: Welche Folgen könnte das haben?

Wie benutzt die CSU Sprache?

▇ Die CSU benutzt eine Taktik, die von Sprachwissenschaftlern als "politisches Framing"
Elisabeth Wehling: Politisches Framing: 
Wie eine Nation sich ihr Denken einredet - 
und daraus Politik macht 
(edition medienpraxis)
bezeichnet wird. Die Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling hat zu diesem Thema ein Buch geschrieben. Darin zeigt sie, wie mit Hilfe von Sprache die Wahrheit zur Unwahrheit umgedeutet werden kann. Notwendig ist dafür ein sogenannter "Frame", also ein Deutungsrahmen, der über Sprache gesetzt wird. Das Wort "Flüchtlingswelle" ist so ein Frame. Hier werden Flüchtende mit einer Naturkatastrophe (Wasser, Welle, Flut) in Verbindung gebracht - und werden somit in unseren Köpfen zu einer konkreten Bedrohung. Die CSU benutzt viele dieser Frames, hat aber noch weitere sprachliche Tricks auf Lager.

Welche Begriffe benutzt die CSU? 

"Asyltourismus"

▇ Das Wort wurde vom bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder in einem "Tagesthemen"-Interview ins Spiel gebracht. Hier wird der Begriff Asyl (Zuflucht) mit Tourismus in Verbindung gesetzt. Und Tourismus wiederum bedeutet: Wohlstand, Freiheit, keine Arbeit - und ein Heimatland, in das man wieder zurückkann. Der Begriff impliziert, dass jemand, dem Zuhause die Fassbomben auf den Kopf fallen, und der seine halbe Familie im Mittelmeer verloren hat, eigentlich nur interessiert sei an einer netten Sightseeing-Tour durch Mittelfranken. Besonders problematisch ist die Herkunft des Begriffs: Er ist nämlich seit jeher vor allem bei Rechtsradikalen beliebt. In der Vergangenheit beispielsweise wurde er auch von der NPD genutzt.

WELT am Sonntag von heute ...
Der Begriff "Asyltourismus" schaffte erst durch ständiges Wiederholen den Weg in die Medien: Zunächst ließ Markus Söder den Begriff in einem Handelsblatt-Interview fallen. Als dies nicht die gewünschte Aufmerksamkeit erzielte, wiederholte er das Wort mehrmals in den "Tagesthemen" und bei "ZDF heute".

Auch der ehemalige Piraten-Politiker Christopher Lauer kritisierte in seinem Podcast zum Thema "Framing": "Wenn ein bayerischer Ministerpräsident von 'Asyltourismus' spricht, dann reißt es ein. Dann brechen alle Dämme. Da werden Menschen, die ein Menschenrecht auf Asyl haben, entmenschlicht und zu 'Spaßtouristen' gemacht." Lauer zieht auch Vergleiche zu Nachbarländern mit rechten Regierungen. Italiens Innenminister hatte Flüchtende kürzlich als "Menschenfleisch" bezeichnet.


"Starker Rechtsstaat"

▇ "Die Union plant einen Pakt für einen starken Rechtsstaat", hieß es im April in einer Agenturmeldung. Die Formulierung wurde aber schon in den vergangenen Jahren mehrmals von CSU- und CDU-Politikern genutzt. Sie gehört auch zu den Lieblingsbegriffen von Innenminister Horst Seehofer. Das Problem: Wer einen "starken Rechtsstaat" fordert, vermittelt, dass der Rechtsstaat momentan eben nicht "stark", also eigentlich viel zu "lasch" oder gar nicht existent sei. In eine ähnliche Richtung geht auch eine Forderung, die gerne von Rechtsradikalen verwendet wird: "Rechtsstaat wiederherstellen". Mit diesem Spruch wirbt beispielsweise die NPD.

"Masterplan"

▇ Horst Seehofer hat einen "Masterplan Migration". Was genau drin steht, wusste wochenlang niemand. Der Politik- und Kommunikationsberater Johannes Hillje erklärt in der Süddeutschen Zeitung: Das Wort "Masterplan" findet sich eigentlich in der Stadtplanung wieder und steht für Handlungsfähigkeit und Kontrolle. Das allerdings kann man von Seehofers "Masterplan Migration" nicht behaupten. Migration sei eine globale Herausforderung, so Hillje. Und Seehofers "Masterplan" somit reine Selbstüberschätzung.

"Konservative Revolution"

▇ Im Januar zeigt Alexander Dobrindt mit diesem Begriff seine Abneigung gegenüber den Achtundsechzigern. Es sei Zeit für eine "konservative Revolution", schreibt er in einem Gastbeitrag für die WELT. Der Begriff vermittelt, dass der viel zu "links-grünen" Gesellschaft endlich mal etwas Konservatives entgegengesetzt werden müsse, um sie zu stoppen. Und neu ist auch dieser Begriff nicht. In den 1920er und 1930er Jahren nutzen Intellektuelle den Begriff "konservative Revolution" für Ideen, auf denen letztendlich der Nationalsozialismus fußte. Seit den Sechzigerjahren wird der Begriff vor allem von rechtsextremen Strömungen genutzt.

"Transitzentren"

▇ Nach langem Machtkampf hat sich die Union geeinigt: Künftig sollen Flüchtende in sogenannten "Transitzentren" an der Grenze kontrolliert werden. Der Begriff schließt nahtlos an den Begriff "Asyltourismus" an, denn Transit klingt nach Tourismus und Flughafen. Was der Begriff nicht vermittelt: Für viele Schutzsuchende ist die "Reise" in einem Transitzentrum zu Ende.

"Europa der Vaterländer"

▇ Ähnlich wie die "konservative Revolution" stammt auch dieser Begriff von Alexander Dobrindt. Im Kern geht er auf den französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle zurück. Er plädierte seinerzeit für eine europäische Kooperation, die jedoch nationale Souveränitäten weitgehend unangetastet lässt. Doch auch dieser Begriff ist negativ belastet: Mitglieder der NPD propagieren ihn seit jeher auf ihren Demonstrationen.

Ständige Wiederholungen

▇ Abgesehen von sprachlichen Besonderheiten, greift die CSU auch bei der Rhetorik in die Trickkiste. Besonders beliebt ist auch die permanente Wiederholung von Wörtern. In Fernsehinterviews nutzt Innenminister Horst Seehofer beispielsweise immer wieder das Wort "Bevölkerung". Bei Markus Söder ist wiederum der Begriff "Menschen" beliebt. Sätze wie "Es gibt klare Signale aus der Bevölkerung", oder: "Man kann das den Menschen nicht mehr erklären" fallen immer wieder und implizieren, dass man hier für eine Mehrheit der Bevölkerung spricht. Auch, wenn das gar nicht so ist.

Warum ist die CSU-Sprache so gefährlich?

▇ "Im Anfang war das Wort" - Alles fing mit der Sprache an. Darüber sind sich Historiker einig, wenn sie über den Nationalsozialismus sprechen. Auch die Nazis nutzten seinerzeit gezielt Begriffe, um Minderheiten zu deklassieren oder Taten zu relativieren. Die Begriffe der CSU kommen auffällig häufig aus der rechtsradikalen Ecke, werden von NPD und Co. oftmals schon seit Jahren gestreut. Der Grünen-Politiker Robert Habeck warf der CSU bei Maybritt Illner vor: "Ihre Leute sprechen von einem Europa der Vaterländer. Das ist rechter Jargon. Das ist nicht europäisch. Sie vergiften den Diskurs."

Politikexperten sind sich einig: Die CSU will mit einem harten konservativen Kurs und geschicktem Framing der AfD die Wähler abjagen. Ebenso klar scheint: Funktionieren tut das nicht.
Wer rechte Sprache benutzt, hilft immer den Rechten. 

Das zeigt auch eine aktuelle Umfrage: Laut Forsa lehnt die Mehrheit der Bayern die Politik von Markus Söder ab. 75 Prozent der Bayern finden andere Probleme wichtiger als die Flüchtlingsfrage. Bei der nächsten bayerischen Landtagswahl könnte das Spiel der CSU vor allem einer Partei helfen: der AfD.

nach: © 2018 Neue Westfälische
++ - NW am Sonntag, Sonntag 08. Juli 2018



"im anfang war das wort" - diese grundweisheit der ollen bibel aus johannes 1, vers 1, wird nun wieder geschickt hervorgeholt. und mit der kreierten sprachverwirrung und "propaganda" wird manipuliert, wird eingeimpft, wird verseucht ...

wir erleben das ja jeden tag in der werbung - die wortschöpfungen dort und die slogans wollen uns ja ultimativ das geld aus der tasche ziehen - wollen uns für sich "vereinnahmen" ...

und gerade dinge, die man nun wirklich nicht braucht, werden geschickt platziert - und verführen besonders auch die kinder, ihr taschengeld dafür auszugeben oder den eltern dafür "auf der tasche zu liegen" ...

das internet mit seinen "sozialen" netzwerken tut da ein übriges mit ihren "hashtags" und "shitstorms" und all dem gedöns: fast täglich wird da eine neue sau durch's dorf getrieben - und jeder will da ganz rasch aufspringen - und diese "sau" entpuppt sich dann oft als popanz, als leere worthülse, die im nu einen völlig überzogenen bekanntheitstatus erreicht ...

die werbepsychologie und die linguistik werden dann zur hilfe genommen, um solche "sprache" auch rasch zu etablieren und ggf. umzudeuten oder die worthülsen mit "frames" - neuen bedeutungsrahmen - aufzufüllen ... mit dem anscheinend benötigten "propagandaeffekt" und "schmelz" in der stimme ...

... und das gezielt zu benutzen, sich das mit wissenschaftlern und werbepsychologen und werbefachleuten und vielleicht redakteuren aus den einschlägigen medien ganz gezielt auszupalovern, um menschen und wähler zu manipulieren - das ist einfach nur widerlich ... - S!

und ich sagte noch

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S!|art: und ich sagte noch

Frösche im Meer

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Tanja Maljartschuk | S!|bildbearbeitung


Literatur-Auszeichnung

Tanja Maljartschuk gewinnt Bachmann-Preis

Die Autorin Tanja Maljartschuk hat den Ingeborg-Bachmann-Lesewettbewerb in Klagenfurt gewonnen. Ihr Text thematisiert das Thema Flucht - es liegt ihr auch wegen ihrer Biografie am Herzen.

Tanja Maljartschuk ist mit dem 42. Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Die in Wien lebende Autorin erhielt die Ehrung in Klagenfurt für ihren Text "Frösche im Meer". Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert.

In ihrem Text thematisiert die 35-Jährige das fehlende Interesse der jüngeren Generation an ihren betagten Verwandten. Außerdem geht es um die Probleme "einer sozial ungleichen, von der Natur entrückten und xenophoben Gesellschaft", heißt auf der Webseite des Preises.

Maljartschuk sagte laut "ORF", sie sei geschockt und habe nicht damit gerechnet. Es sei ihr von Anfang an klar gewesen, welche Geschichte sie für den Bachmann-Preis schreiben würde. Das Thema Flüchtlinge und verlassene Menschen beschäftige sie. Sie sei selbst emigriert, das sei ihr Thema. Die Autorin stammt aus der Ukraine.

Der deutsche Schriftsteller und Kabarettist Bov Bjerg gewann den ebenfalls in Klagenfurt vergebenen Deutschlandfunk-Preis, der mit 12.500 Euro dotiert ist.

Der Ingeborg-Bachmann-Preis wird seit 1977 in Erinnerung an die in Klagenfurt geborene Schriftstellerin Ingeborg Bachmann verliehen und gilt als eine der renommiertesten Literaturauszeichnungen im deutschsprachigen Raum.

jpz/dpa | spiegel-online

zum Preis-Text: click here

es gibt so'ne und solche

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pressebild. höhle thailand




Höhlenrettung versus Flüchtlinge

Zweierlei Maß von Mitleid


Es fällt uns leicht, mit den in der Höhle eingeschlossenen thailändischen Jungen mitzuleiden. Für Bootsflüchtlinge auf dem Mittelmeer steht die Empathie dagegen infrage. Das ist ein gefährlicher Zivilisationsverlust.

Kommentar von Matthias Drobinski | sueddeutsche.de

Man muss mit ihnen hoffen und bangen, den Jungs in der Höhle in Thailand, darf alle irdischen und überirdischen Kräfte um Beistand für die Taucher bitten, soll sich freuen über jeden Geretteten. Dass so viele Menschen das tun, ist ein wunderbares Zeichen. Wie immer die Rettung ausgehen mag: Sie ist, inmitten aller Angst und des Leids, auch eine Geschichte über die Kraft der Menschlichkeit und des Mitleids, der Fähigkeit von Menschen also, die Not und das Leid anderer zumindest zeit- und teilweise zur eigenen Not und zum eigenen Leid zu machen.

Die äußeren Gründe, warum die Eingeschlossenen in der Höhle Menschen in aller Welt berühren, sind schnell gefunden. In der Erde gefangen, vom Ertrinken bedroht - das trifft menschliche Urängste. Die Sorge der Eltern fühlt mit, wer selber Kinder hat; die Taucher, die ihr Leben für andere riskieren, stehen für Mut, Tapferkeit, Solidarität. Das verbindet Menschen, die sonst wenig verbinden mag. Die Welle der Empathie führt aber tiefer, zu einer der zentralen Fähigkeiten des Menschen: Er kann seine Artgenossen als Menschheit denken, so verschieden sie auch sein mögen. Das ist eine der großen kulturellen und geistigen zivilisatorischen Errungenschaften des Homo sapiens: Menschen können mit fremden Menschen fühlen. Sie sind zur Empathie fähig.

Doch warum fällt es so leicht, Mitleid mit den thailändischen Jungs zu haben und sich über jeden Geretteten zu freuen - und warum gibt es gerade diesen Verlust an Empathie mit den Flüchtlingen im Mittelmeer? Manche von ihnen sind im Alter der in der Höhle gefangenen Jungs, auch sie haben Angst vorm Ertrinken, auch hier gibt es selbstlose Helfer.

Vor drei, vier Jahren gab es auch noch ein vergleichbares Mitleid mit den Erschöpften in den Schlauchbooten. Linke und Konservative, Zuwanderungsoptimisten und -pessimisten stritten darüber, welche politischen Konsequenzen dieses Mitleid haben müsse. Jetzt hat sich die Skala des Diskutierbaren verschoben, jetzt steht das Mitleid infrage. Es wird als naiv und gefährlich selbstzerstörerisch diffamiert, das Mitleidlose dagegen als das wahrhaft Menschliche hingestellt: Lasst doch mal ein paar ertrinken, dann wissen alle anderen, was Sache ist. Man stelle sich vor, es würde einer sagen: Gut, dass da welche in der Höhle hocken - jetzt wissen alle, wie gefährlich solche Exkursionen in der Monsunzeit sind. Er müsste sich zu Recht als herzloser Zyniker beschimpfen lassen.

Warum das Mitleid mit den Flüchtlingen verdampft, ist so schnell erklärt wie die Empathie für die thailändischen Fußball-Jungs. Die Flüchtlinge sind den Europäern nahegerückt mit ihrem Elend und ihrer Not; die thailändischen Jungs sind ihnen unschuldig fern geblieben. Und aus der Nähe betrachtet, verlieren Elend und Not schnell ihre Unschuld. Mancher der Elenden will das schnelle Geld, der traumatisierte Verfolgte wird viel Unterstützung brauchen, vielleicht kommt gar ein Terrorist ins Land. Und wer da an den Küsten Europas landet, erinnert die Europäer daran, dass die Globalisierung, von der sie so sehr profitieren, auch ihren Preis haben könnte.

Das alles muss man diskutieren. Doch dem Ertrinkenden das Mitleid zu entziehen, ist ein gefährlicher Zivilisationsverlust. Es hat genug Ideologien gegeben, die das Mitleid beschränken wollten auf die eigene Gruppe, die eigene Klasse, die eigene Nation - sie alle endeten in der Unmenschlichkeit und im Untergang. Mit jedem Menschen mitleiden zu können, auch mit dem, der seine Unschuld verloren zu haben scheint, ist keine Schwäche - sondern eine wahre Stärke des Abendlands. Man darf, soll, muss sich mit jedem geretteten thailändischen Jungen freuen. Und kann dies als gute Übung für die größeren Aufgaben fürs Mitgefühl sehen.

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pressefotos: flüchtlingsschicksale (montage)


Warum Mitgefühl keine Frage der Moral ist

Von Carla Baum | welt.de

Die Höhlenrettung der Jungen in Thailand hat eine Debatte entfacht: Warum wird ihnen vermeintlich mehr Mitleid entgegengebracht als den Flüchtlingen? Der Empathie-Forscher Fritz Breithaupt erklärt, warum diese Frage nicht ethisch zu beantworten ist.

Die ganze Welt verfolgt mit angehaltenem Atem die Rettung der zwölf Jungen und ihres Fußballtrainers aus einer Höhle im Norden Thailands. Als am Wochenende die ersten Meldungen über gerettete Kinder die Runde machten, löste der Kommentar eines „Spiegel“-Journalisten eine Debatte aus. Das Schicksal der Jungen in Thailand bewege weltweit Millionen von Menschen, hieß es darin. Das erneute Kentern eines Flüchtlingsboots im Mittelmeer mit vielen Toten hingegen nicht.

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ griff das Thema am Montag auf. In dem Kommentar mit der Überschrift „Höhlenrettung versus Flüchtlinge: Zweierlei Maß von Mitleid“ heißt es, den Ertrinkenden im Mittelmeer das Mitleid zu entziehen sei ein „gefährlicher Zivilisationsverlust“.

„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt sprach dagegen von einem „diffusen, kollektiven Vorwurf“ und einem „neuen bitteren Höhepunkt“: „Wie kann man nur ohne Beleg implizieren, dass das Schicksal welcher Kinder auch immer irgendwie zu wichtig genommen wird?“, schrieb er im Kurznachrichtendienst Twitter.

Die Frage, wem Mitgefühl gilt und wem nicht, wird in der Debatte vor allem als eine der Moral behandelt. Doch können wir eigentlich steuern, für wen wir Mitleid empfinden? Der Kultur- und Kognitionswissenschaftler Fritz Breithaupt von der Indiana University hat vergangenes Jahr ein Buch veröffentlicht, es heißt „Die dunklen Seiten der Empathie“. Darin setzt er sich intensiv mit dem Gefühl der Empathie, seinem Entstehen und seinem Nutzen auseinander.

WELT: Warum ist es so, dass den thailändischen Jungs in der Höhle vermeintlich mehr Mitleid zuteil wird als den Flüchtlingen auf dem Mittelmeer?

Fritz Breithaupt: Dafür gibt es mehrere Gründe. Einer ist, dass wir uns als mitfühlende Menschen gerne in andere hineinversetzen, aber am Ende gerne wieder zu uns selbst zurückkommen. Das Anziehende am Schicksal dieser Jungen besteht genau darin, dass sie wieder zurückwollen – aus der Höhle raus, an die Oberfläche. Die sind in einer Situation, die wir verstehen. Wenn sie da rauskommen, ist es zu Ende – dann brauchen sie uns und unser Mitgefühl nicht mehr. Das ist bei den Flüchtlingen natürlich ganz anders.

WELT: Inwiefern?

Breithaupt: Ihr Schicksal endet nicht mit dem Ende der Überfahrt. Sie wollen weiter, sie wollen zu uns. Zwar haben viele Mitgefühl für die schreckliche Überfahrt und die Flucht aus Syrien oder anderen Ländern. Aber damit hört es nicht auf. Wenn wir unser Mitleid weiterdenken, kommt es dann ziemlich schnell auf uns an: Wir müssen ihnen Sympathien entgegenbringen, sie brauchen Helfer und Freunde. Das ist eine Verpflichtung auf Dauer. Und davor scheuen wir uns sehr.

WELT: Das heißt, wir haushalten mit unserem Mitgefühl – und setzen es lieber dort ein, wo wir uns einen schnellen Erfolg versprechen?

Breithaupt: Ganz genau. Mitgefühl ist etwas ganz Großartiges, Empathie macht uns zum Menschen. Aber wir können uns darin verlieren, es ist ein Risiko für uns. Deswegen schätzen wir Mitgefühl dann am meisten, wenn es zeitlich begrenzt ist. Da ist die Geschichte in Thailand großartig, weil man hoffen kann, dass die Jungen bald gerettet werden – und dass es dann zu Ende ist, auch für uns.

WELT: Welche Rolle spielt unsere eigene Passivität an dieser Stelle? Das Besondere der Situation in Thailand ist ja, dass wir von hier aus nicht helfen können – nicht einmal Spenden würden etwas bringen.

Breithaupt: Die Situation ist für uns komplett risikofrei. Und risikofreies Mitgefühl ist das Attraktivste für die Menschen. Das klingt zwar zynisch, aber so funktionieren wir nun mal.

WELT: Wie entsteht eigentlich Mitgefühl? Wovon hängt ab, ob wir es empfinden oder nicht?

Breithaupt: Mitgefühl entsteht, wenn wir die Situation eines anderen klar vor uns sehen, wenn wir sie verstehen und uns hineinversetzen können. Im Falle der thailändischen Jungs trifft dieser Faktor voll zu: Wir können uns alle vorstellen, wie es ist, in einer solchen dunklen Höhle eingesperrt zu sein. Da passiert bei uns aber auch noch etwas anderes: Wir sagen ja meistens, wir haben Empathie mit den Leidenden. Dabei steht oft etwas viel Egoistischeres im Vordergrund.

WELT: Was denn?

Breithaupt: Wir versetzen uns in die Helfertypen hinein. Es findet eine Helden-Identifikation statt. Wir stellen uns vor: Was würden wir machen? Würden wir auch in die Höhle tauchen, wie würden wir sie rausholen? Wir können uns dann selber dafür loben, dass wir Gutes tun oder Gutes wollen. Auch wenn wir eigentlich nur zu Hause auf dem Sofa sitzen. Im Übrigen war eine ähnliche Reaktion auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise spürbar, als eine Welle der Solidarität durch das Land ging.

WELT: Wer war in diesem Fall der Held, mit dem sich die Deutschen identifiziert haben?

Breithaupt: Angela Merkel war gewissermaßen das Medium der Empathie. Wir kennen alle ihre Reden zu der Zeit und den berühmten Satz „Wir schaffen das“. Das war eine Einladung zur Identifikation mit ihr. Das Kollektiv konnte sich in ihr verkörpert sehen und durch sie einen warmen, willkommenden Blick auf die Flüchtlinge werfen. Das war eine Helden-Identifikation – eine, die zum Scheitern verurteilt war.

WELT: Warum?

Breithaupt: Es ließ sich eben keine kurzfristige Heldengeschichte daraus machen. Im Prinzip wollte man sehen: Die Flüchtlinge integrieren sich schnell, bedanken sich bei uns, lernen Deutsch und benehmen sich gut. Das war so nicht einlösbar. In Thailand haben wir nun eine zeitlich begrenzte Situation, die schnell vorbei sein wird und noch dazu nichts mit uns zu tun hat.

WELT: Kann eine politische Haltung Mitgefühl verhindern? Wenn also jemand Migration grundsätzlich ablehnend gegenüber eingestellt ist, kann er dann überhaupt noch Mitleid für die Schicksale von Flüchtlingen empfinden?

Breithaupt: Es gehört zum Mitgefühl dazu, dass wir es kanalisieren und nur gewählt zulassen. Was gerade im rechten Spektrum passiert, dass eine Null-Mitleid-Haltung gegenüber Flüchtlingen demonstriert wird, heißt nicht unbedingt, dass diese Menschen gefühlskalt sind. Das heißt, dass sie ihre Gefühle auf andere Bereiche umlenken. Sie reden dann zum Beispiel davon, dass es auch in Deutschland viele arme Menschen gibt. Und damit haben sie natürlich nicht unrecht. Gefährlich wird es, wenn für ganze Bevölkerungsgruppen kategorisch Empathie ausgeschlossen wird. Die Nazis haben das geschafft.

WELT: Lässt sich Mitgefühl also leicht instrumentalisieren?

Breithaupt: Ja. Unser Empathie-Empfinden ist kulturell geprägt. Das bedeutet, dass es auch potenziell manipulierbar ist. Unser Zugang zu Mitgefühl ist erlernt – auch zum Beispiel über das Theater, über die Bühne. Das kollektive Betrachten des Schicksals anderer hat uns empathische Reaktionen eingeschrieben.

WELT: Auch die Geschichte der Jungen in Thailand ist fast wie ein Theaterstück aus dem wahren Leben: Das Gefangensein in der Dunkelheit, die schwierige Rettung, der Weg zurück ans Licht.

Breithaupt: Die Höhlenrettung in Thailand folgt einer klaren Dramaturgie. Am Anfang gab es einen Fehler: Der Coach hätte die Jungs gar nicht erst da runterbringen sollen. Aber er ist auch kein schlechter Mensch, ist sich seines Fehlers bewusst. Der Weg, den die Jungs zurücklegen sollen, führt aus der Unterwelt zurück ans Tageslicht – und ist voller Hindernisse.

WELT: Diese fast theatralische Lust am Schicksal der Jungen wirft aber kein besonders gutes Licht auf uns, die Betrachter.

Breithaupt: Einerseits ja. Aber die Anteilnahme an der Höhlenrettung in Thailand zeigt auch etwas sehr Positives: Wir sind nicht nur an den Menschen aus unserer direkten Nähe interessiert. Wir fühlen auch mit denen, die Tausende Kilometer entfernt von uns einen Schicksalsschlag erleiden.

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das ist schon harter tobak: wenn mir moralisch vorgeworfen wird, mit wem ich leiden muss, darf, kann, soll: das lässt sich ja kaum steuern, bei mir wenigstens nicht - und ist dem augenblick unterworfen ... 

mitgefühl kommt auch flüchtig auf, wenn etwa beim film die tränen in die augen schießen. das sind dann ja zum teil reflexe, dessen was mich im moment berührt - was mir nahe ist - und was mir ferner ist ... und das ist auch "tagesform": wenn ein naher verwandter erkrankt und elend daliegt, greifen mich ähnliche situationen von denen ich lese oder höre oder eben im film sehe, sicherlich anders an, als wenn alles happy ist.

und dann kenne ich auch das phänomen der gefühlabspaltung: mit meiner geschiedenen frau oder mit verflossenen freundinnen habe ich "gebrochen" - schlussgemacht - 

wenn ich weiterhin in alter empathie ihnen nachjagen würde, wäre ich sicherlich bald ein "stalker" ... - ich muss da ja "gelassen" werden - ich muss da "lassen" können, trotz aller versteckter neugier, die sich da meldet: ja da "dampft" eben die empathie und das "kümmern" ab: mit der - mit dem - bin ich ein für alle mal "fertig" und "durch" ... - und da gibt es auch kein zurück mehr ...

also - ursprüngliche gefühlsreaktion und -reflexe werden dann rational steuerbar - und kommen und gehen und werden begraben und beigesetzt ...

all diese "verluste" lernen wir bewusst oder unbewusst auch zu "betrauern" - wir pusten da nicht plötzlich ein licht aus, oder werfen ein stück papier mit einem namen drauf ins klo - un gutt is - nee, so eine "scheidung" dauert dann schon manchmal seine zeit ..., wenn sie "gelingen" soll ...

und nach einer zeit der verlusttrauer kommt dann ja wieder: neues spiel - neues glück ...

und so ähnlich scheint mir das alles mit meiner empathie und meinem mitleid für diese und jene gruppe oder person auch zu gehen: sie unterliegen einer gewissen aktualität und einer gewissen  dynamik des augenblicks und des lebens ...

in meiner ausbildung in "gestalt" (fritze perls) war ja eine übung, sich einem partner/einer partnerin so weit zu nähern, auf einander zuzugehen, wie man es    i m    m o m e n t   wollte, wie es "stimmig" war im augenblick. und unsere trainer sagten auch immer wieder: das ergebnis der gewählten distanz sei ein "blitzlicht", eine momentaufnahme - die im nächsten augenblick schon wieder anders aussehen könnte ...

und man musste es verknusern, wenn dieser partner, auf den man da mehr oder weniger schnurstracks zugeht, vielleicht zurückweicht oder stehenbleibt in einer distanz, die einen beim genauen hinsehen enttäuscht - wovon man sich vielleicht mehr "enge" erwartet hätte ...

in all diesem menscheln wirken also auch zumindest latent immer mindestens zwei: die/der, denen ich empathie entgegenbringe - und die/der, die meine "zuneigung" erwidern oder ablehnen ...

bei den jungs aus thailand ist das weit weg, ich werde ihnen persönlich wohl kaum jemals begegnen - bei den flüchtlingen aus syrien sieht das schon anders aus: vielleicht sind sie bald meine nachbarn und backen nachts bei laut-quälender musik fladenbrot auf offener flamme auf dem balkon ... - S!

wäre - wäre - fahrradkette ...

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Bild-Chef kritisiert Lothar Matthäus 

Dieses Theater ist so scheinheilig

Von Björn Vahle | NW

Bild-Chefredakteur Julian Reichelt tobt in einem Kommentar darüber, dass Lothar Matthäus Wladimir Putin auf einem PR-Termin während der Fußball-WM die Hand schüttelt. Und Matthäus? Der kontert mit einem Bild von Reichelts Vorgängern, die 2016 ebenfalls dem russischen Alleinherrscher die Hand schütteln. So viel zum Thema moralische Überlegenheit.


 "Bild" kritisiert den ehemaligen Fußballspieler Lothar Matthäus dafür, Putin die Hand geschüttelt zu haben und der macht keine langen Worte, sondern antwortet mit einem Bild zum Siegtreffer.


Es ist ein Dokument der entwaffnenden Direktheit, die das Internet so beherrscht wie kaum ein anderes Kommunikationsmedium. Und es könnte die Scheinheiligkeit aller Beteiligten kaum besser entlarven.

Fangen wir mal mit dem Offensichtlichen an. Lothar Matthäus ist Bild-Kolumnist, das ist kein Geheimnis. Reichelt verschweigt das in seinem Kommentar auch nicht. Sport und Politik seien untrennbar verbunden, "Matthäus hat sich zum Entschuldiger einer Mordmaschinerie gemacht", kritisiert Reichelt deutlich. Alles richtig. Und doch nur die halbe Wahrheit.

Wenn die Bild konsequent wäre,...

Denn das was Reichelt kritisiert, nämlich, dass man sich mit jemandem wie Putin, der die WM als Propagandainstrument benutzt, nicht gemein machen sollte, verschweigt einen wichtigen Punkt: Auch die Bild - so wie alle berichtenden Medien - profitiert enorm von der WM, unter anderem durch Matthäus' Kolumnen. Und in denen beschäftigt der sich nicht damit, dass sich in Russland Homosexuelle verstecken müssen und Andersdenkende inhaftiert werden.

Konsequenzen wird das Ganze für ihn aber wohl keine haben. Und auch die WM-Berichterstattung müsste die Bild, wäre sie konsequent, boykottieren. Tut sie aber nicht. Sie hängt ihr Fähnchen nach dem fauligen Wind, von dem sie glaubt, dass er aus Volkes Munde weht.

Opportunismus bis zur Selbstverleugnung

Das war schon 2015 zu beobachten, als Kai Diekmann, damals noch Bild-Chefredakteur, die Kampagne "Wir helfen" für Flüchtlinge mit Artikeln, Buttons, Aufklebern und sogar Aufnähern auf Trikots von Bundesliga-Vereinen vorantrieb. In einer Zeit, in der die Solidarität mit Flüchtlingen zumindest öffentlich am größten war. Da war sowas opportun. Weil sie das durchschauten, machten sieben Zweitligisten auch nicht mit. Die Internetseite zur Aktion ist heute vor allem eines: leer.

Unter Julian Reichelt geht es in eine andere Richtung. Die seit jeher eher linksgerichtete "TAZ" nennt ihn mittlerweile "Stichwortgeber für die rechte Blase". Weil er und andere Redakteure nun die Ängste vor Migration befeuern, Pseudo-Skandale bei den öffentlich-rechtlichen Sendern in den Himmel hypen oder "Fake News" selbst weitertragen. Denn nun, so glauben sie angesichts der Seehofers und Söders unserer Zeit, entspricht das der Meinung der Mehrheit "des Volkes", als dessen Anwalt sich die Bild so gern inszeniert.

Özil schlechtreden, aber einen fragwürdigen Kolumnisten beschäftigen

Vollends absurd wird die Geschichte, wenn man sich Folgendes vor Augen führt: Die Bild führt nicht erst seit den umstrittenen Erdogan-Fotos eine beharrliche Kampagne gegen Mesut Özil, die "all jenen verdrucksten Spießbürgern endlich eine Stimme gab, denen Nationalspieler mit Migrationshintergrund ohnehin höchst suspekt sind", wie 11-Freunde-Chef Philipp Köster schreibt. Jeder Artikel über das deutsche Scheitern war bebildert mit Özil - obwohl der statistisch gesehen einer der wenigen mit Normalform war.

Gleichzeitig leistet sich die Zeitung einen fragwürdigen Kolumnisten, der den öffentlichkeitswirksamen Händedruck mit Putin nachträglich als Dank für eine toll organisierte WM verteidigt. Da sah sich Reichelt möglicherweise genötigt, den eigenen Gastautor der Form halber mal ein bisschen zu kritisieren. Damit keiner sagen kann, die Bild sei nicht glaubwürdig. Ähem.

Würde man die Kritik zu Ende denken, wäre der Kolumnist nicht mehr tragbar. Doch es gilt, und das wusste Matthäus schon vor uns allen: Wäre, wäre Fahrradkette.

Copyright © Neue Westfälische 2018

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ja - das stimmt ja alles: aber so verkauft sich eben "bild" und alle anderen seit ihrer unumwandelbaren dauerhaften "kai-diekmann"-injektion und infektion - nachdem der sich in silicon valley die weihen und den "durchblick" abgeholt hat - und unheilbar angesteckt wurde - ist das quasi unverbrüchliches geschäftsmodell: 

der kalkulierte "konflikt" wird getreulich geschürt und immer wieder neu inszeniert - und die "kontrahenten" spielen brav und gegen knete - versteht sich - willig mit (als "achse der willigen") - und an diesem - nun sogar auch von meiner heimatzeitung "aufgedeckten" - "konflikt" ergötzen sich nun die leser und die stammtische der leser und die kantinengespräche und der grillabend und der nächste "shitstorm" und das nächste #hashtag ist geboren - und damit die verkaufte auflage, und die "clicks" - und die damit verbundenen werbeeinnhahmen ... 

das ist der "schmutz-journalismus" im populismus-zeitalter unserer ausgehenden postmoderne: die populisten-boulevard-gazetten und -medien haben dieses reiten auf der welle den entsprechenden politikern vorgeführt - bzw. die sind willige mit-akteure in diesem "spiel" - und sie alle warten auf die anweisungen ihrer souffleure - gegen gute blanko-schecks in bit-coin - und alles natürlich an der steuer vorbei: trump, schröder, putin, orbán, kaschinski, le pen, wilders, erdogan, kurz, gauland, höcke, seidel und von storch - wulff, ferres, maschmeyer und damals beckenbauer, barschel und engholm - und matthäus, neymar und bierhoff, löw, mbappé, özil, gündogan, lewandowski, aubemayang der paradiesvogel,  und götze (götze tanzt immer mal wieder gern aus dem drehbuch wie auch [noch] der dembelé - und auch der sané macht immer mal wieder was er will ... - auch den müller kriegen sie nicht so richtig unter kontrolle ... - und auch der immobile hat damals nicht richtig mitgemacht - oft sind es die frauen, die den ton angeben ...) - und und und - um nur einige zu nennen ... - ja wie sie alle heißen: gekauft und verkauft und hochbezahlte schauspieler in lukrativen inszenierungen und selbstinszenierungen ... - einfach um uns zu unterhalten - und uns mit diesen scheintheater-vorführungen mit viel rafinesse und raffiniert ausgestalteten algorithmen über youtube und facebook und dem etwas seriöser wirkenden twitter und instagram das geld auch weiterhin kontinuierlich mit viel klamauk aus der tasche zu ziehen ...

gut - wirst du denken - das ist wieder so eine seiner "verschwörungs-theorien": aber mitten in der blase selbst erkennst du nicht immer, was "draußen" los ist - und im auge des taifuns scheint bekanntlich die sonne freundlich vom himmel und es ist ganz mucksmäuschen-windstill ...

über diese "um"-wege ist derzeitig fast die gesamte politik weltweit tief verseucht: und auch die spielt mit "getürkten" inszenierungen a la seehofer versus merkel und dobrindt, spahn, söder, linnemann, gabriel, schulz, scholz, nahles, brexit und rücktritt und rücktritt vom rücktritt usw. fleißig mit in diesem ferngesteuerten spiel - und dann weiter mit einem zunächst unbekannten "masterplan", der dann rasch zusammengeschustert wird, um ihn "in den medien" dann zu "präsentieren" - in ausgesuchten medien versteht sich -  - und auch die jungen aus der thailand-höhle treten bestimmt bald im tv auf und gründen eine hilfsorganisation: "ganz tief unten" - denn diese immerwährende "flüchtlings"story mit bösen schlepperbanden und internationalen rettungsschiffen, die in jedem mittelmeerhafen abgewiesen werden, und last not least mit angeschwemmten mittelmeer-toten  - und mit geplanten transitlagern, und ANkEr-rückführungszentren und schleierfahndung und all dem gedöns - wird ja allmählich langweilig: kaum jemand guckt da noch hin oder kann das hören und noch auseinanderhalten - abgenutzt und ausgelutscht ... - man kann dabei ja auch alles überziehen - das reicht nicht mal mehr fürs sommerpausen-tv - die einschaltquoten und clicks sinken "zusehends"...
und man könnte ja mit einem federstrich dieses schauspiel beenden: die europäischen auslandsvertretungen im arabischen raum und die konsulate dort personell mit z.b. bamf- und europäischen fach-mitarbeitern entsprechend ausstatten und dort zu einer art "transit"-zentren ausbauen, den nach prüfung berechtigten ein offizielles einreisevisum ausstellen - in die flugzeuge setzen - und auf den flughäfen von düsseldorf, hamburg, berlin, münchen oder heathrow oder madrid oder warschau, paris und rom und budapest und lissabon und schiphol und kopenhagen, stockholm landen und absetzen - je nach vorher festgelegten kapazitäten - step by step - ganz offiziell - ganz unegoistisch ... - und echt europäisch ... - 
aber auch eine weltweite hilfsaktion ließe sich hinbekommen mit etwas "geheim"-diplomatie und handels- und sprit- bzw. erdöl-erpressung - und nsa-know-how ...(bei rüstungskäufen und -verkäufen klappt das ja auch ...) und die flughäfen in moskau, peking, tel aviv, riad, bagdad, abu dhabi, teheran, new york, washington stünden zur verfügung - je nach vorher festgelegten  und angemeldeten kapazitäten - eben als weltweite hilfsaktion - ohne schlepper und tam-tam - ganz stickum wie bis 2010 - und alle einreisenden ohne flugticket und visum werden abgewiesen - überall ... - das würde das mittelmeer als fluchtweg endlich "trockenlegen" ...
früher brachten die römischen kaiser löwen ins stadion, um sklaven verspeisen zu lassen als blutiges schauspiel - dann kamen die ach so schrecklichen stierkämpfe, dann die inszenierten konflikte und kriege - die immer mehr ge- und verkauften fußball-ligen und die auto- und pferderennen und  und der hype um meisterschaften und große preise - immer größer und schöne und immer mehr sommermärchen - und immer ausgeheckt von cliquen und dem subtil manipulierten volk - und heutzutage wird ganz dezidiert jede stunde und minute eine "neue sau durchs dorf getrieben": brot & spiele: der laden muss laufen: wir hier oben - ihr da unten - und alle machen mit - und keiner kann sich mehr entziehen -


 Der Blick war viel eher traurig als ironisch, er war sogar abgründig und hoffnungslos traurig; eine stille, gewissermaßen sichere, gewissermaßen schon Gewohnheit und Form gewordene Verzweiflung war der Inhalt dieses Blickes. Er durchleuchtete mit seiner verzweifelten Helligkeit nicht bloß die Person des eitlen Redners, ironisierte und erledigte die Situation des Augenblicks, die Erwartung und Stimmung des Publikums, den etwas anmaßenden Titel der angekündigten Ansprache – nein, der Blick des Steppenwolfes durchdrang unsre ganze Zeit, das ganze betriebsame Getue, die ganze Streberei, die ganze Eitelkeit, das ganze oberflächliche Spiel einer eingebildeten, seichten Geistigkeit – ach, und leider ging der Blick noch tiefer, ging noch viel weiter als bloß auf Mängel und Hoffnungslosigkeiten unsrer Zeit, unsrer Geistigkeit, unsrer Kultur. 
Er ging bis ins Herz alles Menschentums, er sprach beredt in einer einzigen Sekunde den ganzen Zweifel eines Denkers, eines vielleicht Wissenden aus an der Würde, am Sinn des Menschenlebens überhaupt. Dieser Blick sagte: »Schau, solche Affen sind wir! Schau, so ist der Mensch!« und alle Berühmtheit, alle Gescheitheit, alle Errungenschaften des Geistes, alle Anläufe zu Erhabenheit, Größe und Dauer im Menschlichen fielen zusammen und waren ein Affenspiel! 
Hesse, Hermann. Der Steppenwolf: Roman (German Edition) (S.9-10). Suhrkamp Verlag. Kindle-Version. 

ja - so wie der harry haller aus dem hesse-roman "der steppenwolf" - total schwindelig gelebt und geliebt: "eintritt nur für verrückte" ... und schon geschrieben 1927 - vor gut 90 jahren - ach du liebe zeit ... - S!

gedächtnisskizze zur abwägung meines mitleids

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