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    tiefeninterview - S!|photo

    "68" von Karin Wetterau:
    „Ein emanzipatorischer Aufbruch“


    Interview mit Karin Wetterau über ihr Buch „68", ihre Interviews mit Ehemaligen der Studentenbewegung, den Weg Linker nach Rechtsaußen sowie Erfolge und Irrtümer der Aktivisten.

    Frau Wetterau, Sie haben Ihr Buch als „Familienroman" betitelt. Es ist aber kein Roman sondern ein Sachbuch. Warum diese Bezeichnung? 

    Karin Wetterau: Der Begriff ist Freuds Psychoanalyse entlehnt und beschreibt den entwicklungspsychologisch notwendigen und zugleich schmerzhaften Ablösungsprozess der nachfolgenden Generation von den Eltern. Die kollektive Abgrenzung der 68er von der in den Nationalsozialismus verstrickten Elterngeneration gleicht diesem Vorgang. Roman deshalb, weil die Erinnerungen der Zeitzeugen nie wiedergeben, wie es wirklich war, sondern wie die Beteiligten ihre Geschichte deuten. In diesem Sinn wird die Revolte von mir als „Familienroman" erzählt.

    Sie haben Zeitzeugen interviewt. Nach welchen Kriterien haben Sie sie ausgewählt?

    Wetterau: Der Anlass, mich überhaupt mit dem Thema zu befassen, war die Rechtsradikalisierung ehemaliger linker Führungsfiguren aus der Studentenbewegung. Dazu habe ich Bernd Rabehl interviewt, der einst ein führender Kopf der Bewegung war und seit einiger Zeit als Nationalrevolutionär im rechtsradikalen Lager und im Dunstkreis der NPD agiert. Er behauptet, die linke Studentenbewegung sei Ausdruck einer nationalen Empörung gewesen, insofern sei er seinem Denken treu geblieben. Ehemalige Mitstreiter aus dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) sind dem öffentlich entgegengetreten. Über sie habe ich weitere Kontakte erhalten und insgesamt 22 Interviews für mein Buch geführt und das Thema viel weiter gefasst als geplant.

    Was verbindet die 68er in ihren Interviews? 

    Wetterau: Ich bin ja selbst eine 68erin und habe immer angenommen, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, auch als verdrängte Familiengeschichte, sei das Verbindende dieser politischen Generation. Da hat es mich schon sehr überrascht, dass viele der Befragten betont haben, Vergangenheitsbewältigung habe 1968 keine Rolle gespielt. Auf der Agenda standen vielmehr der Vietnamkrieg, die Befreiungsbewegungen der „Dritten Welt", die Hochschulpolitik sowie ein von der Popkultur inspiriertes Lebensgefühl. Eins wird in den Gesprächen klar, eine idealtypische 68er-Biografie gibt es nicht.

    Dass die Bewältigung der NS-Vergangenheit nicht der Motor der 68er gewesen sein soll, klingt in der Tat überraschend. Wie bewerten Sie die Einschätzung? 

    Wetterau: Ich halte das für einen Scheinwiderspruch. In den Interviews wird deutlich, dass das Thema im Vorfeld der Bewegung im SDS – also Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre – eine große Rolle gespielt hat und gewissermaßen die Hintergrundfolie und den Deutungshorizont für die großen politischen Themen der 68er-Bewegung abgegeben hat. Der Bezug zur NS-Thematik war unterschwellig immer präsent und schließlich sind es die 68er, die die Aufarbeitung der NS-Verbrechensgeschichte vorangetrieben haben und eine Erinnerungskultur etabliert haben, die inzwischen weltweit als vorbildlich gilt. Sich der internationalen Protestbewegung anzuschließen und Solidarität mit den Guerillakämpfern in Lateinamerika zu demonstrieren, sei eben viel einfacher gewesen, betont einer der von mir Befragten, als sich der eigenen Geschichte und Familiengeschichte zu stellen.

    Sie haben vorhin gesagt, dass Ihr Forschungsinteresse ursprünglich ehemaligen 68ern galt, die sich später politisch weit nach rechts orientiert haben. Wie erklären Sie sich solche politischen Karrieren? 

    Wetterau: Eine Erklärung habe ich nicht, aber ich vermute, dass sich trotz der Abgrenzung von der Generation der Eltern bis hin zum offenen Bruch auf unterirdischen Kanälen und über emotionale Bindungen dennoch Einstellungen und Verhaltensmuster tradiert haben, die diesem erstaunlichen Renegatentum den Boden bereitet haben. Horst Mahler zum Beispiel erklärt seinen Weg von ganz links nach extrem rechts mit der Liebe zu seinem Vater, einem glühender Hitler-Anhänger, der sich umgebracht habe, weil er den Untergang des „Dritten Reichs" 1945 nicht verkraftete. Mahler, der heute den Holocaust leugnet, sieht sich nach eigenem Bekunden in der Pflicht, zu kämpfen, wofür sein Vater gekämpft habe. Ich empfinde das als eine besonders bizarre Form der deutschen Tragödie.

    Waren die 68er ihren Eltern von der Mentalität womöglich doch ähnlicher als sie dachten?

    Wetterau: Das lässt sich durch meine Interviews nicht belegen. Als beteiligte Zeitzeugin kann ich allerdings sagen, dass autoritäre Charakterstrukturen bei vielen Aktivisten durchaus zu beobachten waren. Was vielleicht auch erklärt, dass die antiautoritäre Emphase der Studentenbewegung in den rigiden Autoritarismus der K-Gruppen umschlug und für einige gar den Weg in den Terrorismus geebnet hat.

    Was haben die 68er letztendlich bewirkt in diesem Land?

    Wetterau: Sie haben die Republik nachhaltig mitverändert. Aber nicht im Sinne des proklamierten Ziels, den Kapitalismus zu überwinden und eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen. Davon hat sich nichts erfüllt. Aber die 68er haben dem Land einen Demokratisierungsschub gebracht und mit dazu beigetragen, dass wir heute ein offenes, demokratisches Klima haben.

    Was waren die größten Irrtümer der 68er?

    Wetterau: 68 war keine homogene Bewegung, sondern ein emanzipatorischer Aufbruch, in dem unterschiedlichste Strömungen zusammenflossen. Erst im Zerfallsprozess nach 68 werden Irrtümer und Irrwege sichtbar. Der Weg in die Gewalt, der Terror der RAF und die Rigidität der K-Gruppen stehen dafür. Im bedenkenlosen, vermeintlich revolutionären Aktionismus äußert sich eine erschreckende Realitätsverweigerung.

    Haben Sie Angst vor einem Rollback unserer offenen Gesellschaft?

    Wetterau: Ja, und es beunruhigt mich sehr, dass einige der 68er Aktivisten heute bei rechten Organisationen als Vordenker aktiv sind und gegen die damals erkämpften Errungenschaften agitieren. Sie drehen die linke Rhetorik um und füllen sie mit rechten Inhalten. Insbesondere die Renaissance eines fremdenfeindlichen Nationalismus finde ich besorgniserregend, gerade auch hierzulande, wo wir auch dank der 68er Bewegung lange Zeit immun dagegen zu sein schienen.

    Information
    • Karin Wetterau, Jahrgang 1945, studierte Germanistik und Geschichte an den Unis Kiel und Berlin und erlebte den studentischen Aufbruch als beteiligte Zeitzeugin an der Freien Universität.
    • Sie war Lehrerin in der Erzieher-Ausbildung, danach Lehrerin im Zweiten Bildungsweg und am Gymnasium. Seit Anfang der 90er Jahre Lehrbeauftragte und Lehrerin im Hochschuldienst an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.
    • Karin Wetterau lebt in Bielefeld und Italien.

    Karin Wetterau: „68 – Täterkinder und Rebellen. Familienroman einer Revolte", 326 S., Aisthesis, Bielefeld, 28 €

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    Als Rüdiger Safranski noch Flugblätter warf

    Karin Wetterau versucht die Achtundsechziger mit Tiefeninterviews zu erkunden

    Schon der Titel dieses Buchs - er ist sozusagen nicht doppelt, sondern dreifach gemoppelt - lässt befürchten, dass Karin Wetterau den Gedanken, um den es ihr geht, nicht richtig zu fassen bekommen wird. "68. Täterkinder und Rebellen. Familienroman einer Revolte" - diese seltsam umständliche und überdeterminierte Zusammenballung schwerer Zeichen passt gut auf ein Buch, das sich nicht entscheiden kann, was es eigentlich sein will. Vorgenommen hatte sich Karin Wetterau offenbar eine Art Seelengeschichte der sogenannten Achtundsechziger-Generation.

    Deutlich erkennbares Vorbild sind Heinz Budes Bücher über die Alterskohorte der Flakhelfer und ihre "Deutschen Karrieren" sowie dessen Achtundsechziger-Buch über "Das Altern einer Generation". Die heuristische Methode ist - wie bei Bude - das Tiefeninterview, eine am psychoanalytischen Übertragungsgeschehen geschulte Befragungstechnik, die neben den manifest geäußerten Inhalten auch unbewusste Signale zur Kenntnis nimmt und ausdeutet. Karin Wetteraus psychoanalytisches Interpretationsmodell hat Freuds Theorem vom "Familienroman der Neurotiker" geliefert. Freud hatte beschrieben, dass bestimmte "Typen aus der psychoanalytischen Arbeit" sich Ersatzeltern erträumen, die in ihre unbewussten Interessenlagen besser hineinpassen als die wirklichen. Ein anspruchsvoller methodischer Ansatz, aus dem man viel hätte machen können. Er hat die Autorin jedoch sichtlich überfordert.

    Wer sich an die kultische (deutlich von unbewussten Energien gespeiste) Verehrung erinnert, die intellektuellen Leitfiguren wie Adorno oder Herbert Marcuse bis in die achtziger Jahre hinein entgegengebracht wurde, muss den Gedanken einleuchtend finden, dass sich die studentischen Rebellen linke, bezeichnenderweise oft jüdische Vaterfiguren vor allem deshalb innerlich anverwandelt haben, weil ihre leiblichen Eltern aufgrund deren Mittäter- oder Mitläuferschaft in den NS-Jahren nicht nur ihrem politischen Bewusstsein verdächtig, sondern auch ihrem Unterbewussten tief unheimlich waren.

    Die Methodik des Tiefeninterviews könnte Aufschlüsse darüber erwarten lassen, wie sich der politisierte Familienroman zahlreicher Einzelner zu einer gesellschaftlichen Bewegung zusammengeschlossen hat. Aber Wetteraus ganz konventionelle Darstellung der Protestbewegungen seit 1968 bleibt von den individuellen und oft sehr schmerzhaften Erfahrungen, die sie in ihren Interviews dokumentiert, seltsam unberührt. Wir erfahren interessante Details - wie zum Beispiel dass Bernd Rabehls Vater im Krieg der "Assistent", wie Wetterau schreibt, Gottfried Benns gewesen ist oder dass der nachmalige Maoist Rüdiger Safranski mit der Verteilung von Flugblättern des "Kuratoriums Unteilbares Deutschland" politisch debütierte - die er dann freilich, weil dieser von den "Heinzelmännchen" bezahlte Studentenjob ihm peinlich war, unverteilt wieder nach Hause gebracht und jahrelang als Notizzettel verwertet hat.

    Aber aus den zum Teil sehr interessanten Passagen der Tiefeninterviews, die Karin Wetterau durchgeführt hat, wird in ihrer Interpretation nichts deutlich, was wir nicht aus Fichters und Lönnendonkers Geschichte des SDS, Gerd Koenens Buch über das "Rote Jahrzehnt" oder dasjenige Philipp Felschs über den "Langen Sommer der Theorie" schon längst wüssten. Karin Wetterau hantiert mit ihrem differenzierten psychoanalytischen Besteck wie jemand, der einen Teilchenbeschleuniger dazu benutzt, eine Bierdose aufzumachen.

    Unter der überschaubaren Anzahl von Gedanken in diesem Buch, die man nicht oft und trennschärfer anderswo gelesen hat, fallen zwei ins Auge: der tatsächlich oft übersehene Gesichtspunkt, dass viele Achtundsechziger nicht, wie Jean-Luc Godard glaubte, wohlstandsverwöhnte "Kinder von Marx und Coca-Cola" waren, sondern verstörte und um ihre Kindheit betrogene Kriegskinder. Und zweitens der merkwürdige Umstand, dass zwei ihrer einflussreichsten Protagonisten - Horst Mahler und Bernd Rabehl - während der neunziger Jahre publikumswirksam vom extrem linken ins extrem rechte Lager gewechselt sind.

    Vermutlich hängen diese beiden Denkwürdigkeiten miteinander zusammen - auf verschlungenen unbewussten Seelenpfaden, die Karin Wetterau auf geradezu dramatische Weise nicht aufzudecken vermag. Gerade die Passagen über Bernd Rabehl, den sie ausführlich interviewt hat, sind ein Paradebeispiel dafür, wie man aus exzellentem Originalton-Material so gut wie überhaupt nichts Lesenswertes machen kann. Geholfen hätte vermutlich Freuds erwähntes Gedankenmodell jener phantasierten Eltern, die den "Familienroman des Neurotikers" bevölkern. Denn die nationale Identität, der sich Rabehl heute verschreibt, ist ebenso eine Reihe von erfundenen Vätern wie der berühmte Profilfries aus Marx, Engels, Lenin und Mao, der die SDS-Plakate und später das Frontispiz der verschiedenen maoistischen Parteizeitungen schmückte.

    Aber Freuds Begriff wird nirgends fruchtbar gemacht und taucht nach seinem vielversprechenden Auftritt im Titel des Buches so gut wie überhaupt nicht mehr auf. Statt die skandalöse Wendung Rabehls begreifbar zu machen und damit wirksam zu kritisieren, flüchtet sich Wetterau passagenweise in die Vorstellung, hier seien Missverständnisse am Werk: "Der Begriffswirrwarr macht es möglich. Man spricht dieselbe Sprache, verwendet dieselben Begriffe, meint aber Verschiedenes." Dann wieder empört sie sich im Stil einer Leserbriefschreiberin: "Dass die unvorhergesehene Karriere des linken Antiimperialismus zum rechtsradikalen Ressentiment in der Logik von 68 gelegen habe, muss indes entschieden zurückgewiesen werden."

    In der Analyse unbefriedigend - so muss man den inhaltlichen Gehalt dieses schön und mit zahlreichen, zum Teil farbigen Bildern aufgemachten Buches zusammenfassen. Es fällt trotz seines hohen Anspruchs weit hinter die bereits erreichten Standards der Achtundsechziger-Literatur zurück.

    STEPHAN WACKWITZ - FAZ v. 08.08.2017


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  • 05/03/18--10:38: presse & kunst
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    Kunst für die Pressefreiheit

    🔲 Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), dem auch diese Zeitung angehört, hat den renommierten deutschen Künstler Georg Baselitz (Foto) dafür gewonnen, dem heutigen Tag der Pressefreiheit ein großformatiges Werk zu widmen. Das Motiv "Frau am Abgrund" wird von einem Zitat des Künstlers begleitet:
    "Presse und Kunst gehören nicht in die Obhut des Staates. Wer anderes propagiert, manövriert die freie Gesellschaft ins Verderben."

    © 2018 Neue Westfälische, Donnerstag 03. Mai 2018

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  • 05/04/18--03:00: 200 jahre karl marx
  • nach: boingboing.net








    "Marx war als Revolutionär ungeeignet"

    Interview: Historiker Thomas Welskopp über den morgigen 200. Geburtstag des Philosophen, seine Aktualität, das umstrittene Denkmal in Trier und warum er das "Kommunistische Manifest" zur Lektüre empfiehlt

    Herr Welskopp, was halten Sie davon, Karl Marx mit einer großen Statue, gestiftet aus China, anlässlich seines morgigen 200. Geburtstags in seiner Geburtsstadt Trier zu ehren?

    Thomas Welskopp: Ich finde es unangemessen, denn das Denkmal steht im völligen Gegensatz zu den beiden Ausstellungen in Trier, in denen gerade jede Form von Personenkult um Marx vermieden wird und stattdessen eine behutsame Historisierung erfolgt. Die Skulptur hingegen betreibt eine Ikonisierung, die nicht angebracht ist.

    Dann Marx lieber als Ampelmännchen würdigen?

    Welskopp: Das ist eine humorvolle Annäherung, die mir gefällt, weil sie so etwas Spielerisches, Witziges hat.

    Marx anlässlich seines 200. Geburtstags ansonsten intensiv zu würdigen, ist aber angebracht für Sie?

    Welskopp: Ja, denn er gehört nicht nur zur deutschen Geistesgeschichte, sondern zur Weltgeschichte.

    Auf dem Marx-Engels-Denkmal in Berlin steht "Sorry, das haben wir nicht gewollt". Kann man das, was in Marx' Namen angerichtet wurde, wirklich von seinem Werk abtrennen, wie in dem Slogan suggeriert?

    Welskopp: Wir sollten Marx' Vorstellungswelt im 19. Jahrhundert verorten. Er hat damals klar formuliert, dass er in seiner Lebensspanne nicht mehr mit einer Revolution rechnet, ebenso wenig wie mit dem Zusammenbruch des Kapitalismus. Angesichts von Reformen des Kapitalismus in England nach 1870 dachte er sogar darüber nach, dass ein gesellschaftlicher Umbau des Kapitalismus hin zum Sozialismus auch mittels Reformen möglich sei, wenn das Volk nur genügend Beteiligungsmöglichkeiten erhalte. Damit hielt er offenbar auch einen schleichenden Übergang zum Sozialismus für machbar. So jemanden kann man doch nicht haftbar machen für das, was andere in seinem Namen aus seinem Werk gemacht haben.

    Er war also gar kein lupenreiner Revolutionär?

    Welskopp: Er war kein politischer Aktivist wie später Lenin, sondern vielmehr einer der großen Universalgelehrten des 19. Jahrhunderts und als solcher völlig ungeeignet als Revolutionär.

    Was von Marx? Theorie hat denn heute noch Gültigkeit?

    Welskopp: Seine umfassende Analyse des kapitalistischen Systems.

    Und die trifft weiter zu, obwohl sein Hauptwerk "Das Kapital" vor nunmehr 150 Jahren erschienen ist, als der Kapitalismus im Gegensatz zu heute noch nicht einmal voll entfaltet war?

    Welskopp: Marx hat erkannt, dass es eine der Eigenschaften des Kapitalismus ist, seine Grundlagen fortwährend zu revolutionieren. Er kapitalisiert seine eigenen Krisen. Er hat im Grunde damals bereits einen Kapitalismus beschrieben, der heute erst zu seiner vollen Entfaltung gekommen ist. Darin war er visionär. Deshalb ist dieses Werk immer noch aktuell.

    Vor Jahren hieß es, Marx ist tot. Neuerdings heißt es eher, er ist quicklebendig. Wozu neigen Sie?

    Welskopp: Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 ist er nicht mehr so tot wie vor Jahren, als er vor allem als Stein gewordenes Denkmal gesehen und in ebensolcher Form gewürdigt wurde. Seit zehn Jahren befassen wir uns wieder mit seiner Person, seinem Werk und auch seiner Zeit, dem 19. Jahrhundert, das unglaublich dynamisch und interessant war. Marx war eine Schlüsselfigur dieser Zeit und sein Werk liefert heute wieder Antworten.

    Welches Werk von Karl Marx lesen Sie am liebsten?

    Welskopp: Ganz klar: das Manifest der Kommunistischen Partei.

    Warum?

    Welskopp: Weil das ein so explosiver, dynamischer Text ist, der in seinem Duktus vorwärts drängt und auch literarisch so gut gearbeitet ist.

    Und sein Inhalt?

    Welskopp: Ist für mich eine kühne, knappe Zusammenschau einer Zeitdiagnose, verbunden mit einer Zukunftsprognose. Seine Einzelbeobachtungen halten zwar nicht alle stand, aber viele von ihnen sind heute noch Thema für uns.

    Welche sind das?

    Welskopp: Marx beschreibt zum Beispiel die Zukunftsvision eines globalisierten Kapitalismus, der die Nationalstaaten völlig hinter sich lässt. Das finde ich sehr treffend beschrieben und letztlich erstrebenswert.

    Und das Endziel einer kommunistischen Gesellschaft?

    Welskopp: So einer "Zukunftsausmalerei", wie die Sozialdemokraten das damals nannten, hat er sich ja konsequent verweigert.

    In der letzten Zeit sind zahlreiche neuen Bücher über Marx erschienen. Welche empfehlen Sie zur Lektüre?

    Welskopp: Wer sich umfassend informieren will, der sollte zu Gareth Stedman Jones' umfangreicher Marx-Biografie greifen. Ein wirklich gutes, knappes Buch hat Wilfried Nippel vorgelegt und Dietmar Dath hat einen 100-seitigen mitreißenden Essay verfasst, der pointiert, klar und sehr gut geschrieben ist. Das ist mein Favorit für den Einstieg in die Marx-Lektüre.

    Wer Marx im O-Ton lesen will, liest was?

    Welskopp: Ich empfehle, mit dem Manifest der Kommunistischen Partei anzufangen, weil es ein so starker Text ist. Von dort aus kann man sich alles andere gut erschließen.

    Und das Kapital?

    Welskopp: Nur Mut, Band eins ist überhaupt nicht so rätselhaft, wie immer behauptet wird. Es ist ein starker Text, dessen Lektüre sich sprachlich und literarisch auch heute noch lohnt. Und veraltet ist er schon gar nicht. Wir können immer noch viel über das kapitalistische System erfahren.

    Wird der Zusammenbruch des Kapitalismus, den Marx vorhergesehen hat, kommen?

    Welskopp: Marx hat die Prognose von dessen Zusammenbruch ja auch selbst schon immer weiter nach hinten verschoben. Ich arbeite gerade an einer historischen Theorie des Kapitalismus aus der Perspektive der Akteure. Ich gehe dabei davon aus, dass wir noch sehr, sehr lange mit dem Kapitalismus zu tun haben werden trotz all seiner Krisen. Ich glaube, Marx würde das heute auch so sehen.

    Menschlich soll er nur schwer erträglich gewesen sein?

    Welskopp: Seine Zeitgenossen nannten ihn einen "eckigen Charakter". Er konnte sehr gut mit Leuten, mit denen er sich politisch auf einer Linie sah. Aber Andersdenkende bekämpfte er massiv. Gegen sie hat er richtig ausgeteilt. Dabei schreckte er auch vor antisemitischen Ausfällen nicht zurück. Letzteres erkläre ich mir mit einem gewissen Maß an jüdischem Selbsthass.

    Stimmt es nun eigentlich, dass Marx mit Geld nicht umgehen konnte?

    Welskopp: Das stimmt. Er lebte gerne gut, hatte aber nie genug Geld für diesen Lebensstil, denn auch Erbschaften waren schnell ausgegeben. An der Börse hat er zudem ohne Erfolg spekuliert. Sein Freund Engels hat ihn finanziell unterstützt und zahlte ihm später gar eine Rente.

    Was hätten Sie ihn gerne gefragt?

    Welskopp: Wahrscheinlich, wie er das System nennen würde, das er in seinem Buch "Das Kapital" analysiert hat, denn das Wort Kapitalismus kommt darin nicht vor.

    Das Gespräch führte Stefan Brams


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    Vita

    Karl Marx wird am 5. Mai 1818 in Trier geboren. Seine jüdischen Eltern sind der Rechtsanwalt Heinrich Marx und Henrietta Marx. Um seinen Beruf weiter ausüben zu können, tritt der Vater zum Protestantismus über, die Kinder werden getauft.


    • 1830-1835: Besuch des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Trier.
    • 1835-1841: Studium (Jura, Philosophie und Geschichte) in Bonn und Berlin.
    • 1841: Promotion an der Universität Jena zum Doktor der Philosophie.
    • 1841-1842: Redakteur der liberalen Rheinischen Zeitung für Politik, Handel und Gewerbe in Köln.
    • 1842: Marx lernt Friedrich Engels (1820-1895) kennen.
    • März 1843: Hochzeit mit Jenny von Westphalen, einer Jugendfreundin aus Trier. Das Paar geht nach Paris.
    • 1844: Gemeinsam mit Arnold Ruge (1802-1880) Herausgeber der Zeitschrift Deutsch-Französische Jahrbücher.
    • 1845: Ausweisung aus Paris auf Betreiben der preußischen Regierung, Aufgabe der preußischen Staatsbürgerschaft, staatenlos. Umzug nach Brüssel.
    • 1848: In London wird das von Marx und Engels gemeinsam verfasste "Manifest der Kommunistischen Partei" veröffentlicht.
    • 1848-1849: Rückkehr nach Köln, Herausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung, die dem linken Flügel der Demokraten nahesteht.
    • 1849: Nach dem Scheitern der Revolution Ausweisung und Umzug nach London ins Exil.
    • 1859: Veröffentlichung der "Kritik der politischen Ökonomie".
    • 1864: Gründung der "Internationalen Arbeiter-Assoziation", für die er die Statuten verfasst.
    • 1865: Bruch mit dem 1863 von Ferdinand Lassalle gegründeten "Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein".
    • 1867: Veröffentlichung des ersten Buches von Marx' Hauptwerk "Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie". Die Bücher II und III in drei Bänden werden nach seinem Tod von Friedrich Engels herausgegeben.
    • 1875: Marx'"Kritik des Gothaer Programms" erscheint.
    • 2. Dezember 1881: Tod von Jenny Marx.
    • 14. März 1883: Marx stirbt in London.


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    Karl Marx hat zahlreiche Werke hinterlassen. In ihnen - wie auch in seinen vielen Reden - finden sich etliche Zitate, die später in die Geschichte eingegangen sind. Eine Auswahl:
    »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.«
    Kritik des Gothaer Programms, 1875 
    »Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.«
    Marx-Engels-Werke MEW, S. 9, 1859 
    »Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.«
    Manifest der Kommunistischen Partei 
    »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern.«
    MEW, 3, S. 7, 1845 
    »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen.«
    Manifest der Kommunistischen Partei 
    »Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht.«
    MEW 23, S. 779, 1867 
    »Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben dafür eine Welt zu gewinnen.«
    Manifest der Kommunistischen Partei 
    »Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.«
    MEW 3, S. 35, 1846/1932 
    »Aber ein Zweck, der unheiliger Mittel bedarf, ist kein heiliger Zweck.«
    Rheinische Zeitung Nr. 135 vom 15. Mai 1842 

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    Zur Person 
    Thomas Welskopp ist Professor für die Geschichte moderner Gesellschaften an der Universität Bielefeld, wo er seit 2004 lehrt. 
    In seiner Habilitationsschrift "Das Banner der Brüderlichkeit" (2000) beschäftigte er sich mit der Frühgeschichte der deutschen Sozialdemokratie, in der auch ein gewisser Karl Marx eine bescheidene Rolle spielt.  
    Für die Kataloge der anstehenden Karl-Marx-Ausstellungen in Trier hat er zwei Beiträge veröffentlicht. Welskopp setzt sich in ihnen mit dem Thema "Karl Marx und die Arbeiterbewegung" sowie dem "Manifest der Kommunistischen Partei" auseinander.


    © 2018 Neue Westfälische
    03 - Bielefeld Süd, Freitag 04. Mai 2018

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    AUS DEM SPIEGEL                                                                      AUSGABE 19/2018

    Interview mit dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen

    "Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe"


    Günter Morsch, Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, warnt: Das Wissen über die Nazi-Zeit nimmt ab, der Antisemitismus wird stärker. Deutschland sei allzu stolz auf seine Erinnerungskultur.

    Ein Interview von Annette Großbongardt und Frank Hornig 

    Morsch, 65, ist Historiker und lehrt am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Er leitet seit 1993 "Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen", seit 1997 ist er auch Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.
    Prisoners in the concentration camp at Sachsenhausen, Germany, December 19, 1938 (National Archives)


    SPIEGEL: Herr Professor Morsch, im Konzentrationslager Sachsenhausen waren von 1936 bis 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert, politische Häftlinge, Juden, Sinti, Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle. Zehntausende wurden getötet. Vor zwei Wochen haben Sie den 73. Jahrestag der Befreiung des Lagers begangen. Wie viele der ehemaligen Häftlinge leben heute noch?

    Morsch: Gerade mal sieben Überlebende sind jetzt zum Jahrestag gekommen, es sind wirklich nicht mehr viele, aber einen exakten Überblick haben wir nicht. Die meisten stammen aus Osteuropa, sie kamen als Kinder nach Sachsenhausen.

    SPIEGEL: Einer der Überlebenden, der kommunistische Widerstandskämpfer Karl Stenzel, starb 2012. In einer seiner letzten Reden sagte er, fast flüsternd, er war wohl schon schwach ...

    Morsch: ... er war so deprimiert!

    SPIEGEL: Er sagte: "Wir, die ehemaligen KZ-Häftlinge, wir haben versagt. Wir haben geglaubt, die Welt würde aus unserer Erfahrung lernen, sie würde besser werden, keine Völkermorde mehr, kein Rassismus, kein Antisemitismus, kein Nationalismus, kein Krieg mehr. Doch was hat die Welt aus unseren Erfahrungen gemacht?" Eine bittere Bilanz. Hat er recht?

    Morsch: Schon in ihrem "Vermächtnis", das die Häftlingskomitees fast aller großen Lager von Auschwitz über Flossenbürg, Dachau bis nach Ravensbrück und Sachsenhausen 2009 in Berlin dem Bundespräsidenten übergaben, klingt das ähnlich pessimistisch. Die Häftlinge hatten wirklich geglaubt, dass dies ein Zivilisationsbruch war, der die Menschheit zur Umkehr bewegen würde.

    SPIEGEL: Haben wir tatsächlich nichts aus der Geschichte gelernt?

    Morsch: Ich war beim Verfassen des Vermächtnisses dabei und habe natürlich auch versucht dagegenzuhalten, aber es ist mir zunehmend schwergefallen. Die Menschen sind mir ans Herz gewachsen, es tut mir leid, dass nicht wenige von ihnen so resigniert starben. Ganz so schwarz darf man es zwar nicht sehen, aber ich bin froh, dass die meisten nicht mehr erleben, was im Moment in Europa los ist und im Deutschen Bundestag ...

    SPIEGEL: ... wo nun die Rechtspopulisten der AfD sitzen. Was ist los in Deutschland?

    Weiterlesen - click hier >>



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    Wie katholisch ist Deutschland?

    Nur noch wenige gehen zur Messe, aber der Einfluss der Kirche bleibt groß

    Von Christoph Driessen | WB

    Münster(dpa). Eher wenige Gläubige gehen sonntags noch zur Messe. Daher könnte man meinen, dass die Katholische Kirche nur noch geringe Relevanz hat. Doch bei näherem Hinsehen ist der katholische Einfluss in Deutschland größer als gedacht.

    Harald Schmidt | Video-Still aus "Spiegel-Daily"
    Harald Schmidt (60) ist in seiner Pfarrgemeinde fest verwurzelt. Seit Kindertagen ist das so – der frühere Late-Night-Talker ist mit dem Katholizismus aufgewachsen. In der Nachkriegszeit war das in vielen Teilen Deutschlands selbstverständlich. »Da wurde getauft, da wurde erstkommuniziert, da wurde gefirmt«, erinnerte sich Schmidt vor einiger Zeit.

    Eine solche katholische Soziali­sation ist heute die Ausnahme. Da stellt sich angesichts des Katholikentags, der morgen in Münster unter dem Motto »Suche Frieden« eröffnet wird und bis Sonntag dauert, die Frage: Wie katholisch ist Deutschland eigentlich noch?

    Eine Zahl, die manch einen überraschen mag: Die katholische Kirche hat heute noch genauso viele Mitglieder wie in den 1950er Jahren – 23 Millionen. Zwischenzeitlich waren es allerdings mal mehr, der Höchststand wurde nach Angaben der Deutschen ­Bischofskonferenz 1973 mit knapp 30 Millionen erreicht.

    Seit etwa 1990 geht die Zahl kontinuierlich zurück. Dennoch ist sie unterm Strich überraschend stabil. Die am stärksten katholisch geprägten Bundesländer sind das Saarland, Bayern, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen.

    Diese Zahlen stehen allerdings in scharfem Kontrast zum kirchlichen Engagement. 1950 gingen noch 55 Prozent der deutschen Katholiken sonntags zur Kirche, heute sind es nach Angaben der Bischofskonferenz nur noch zehn Prozent. In absoluten Zahlen: 2,4 Millionen. Der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann spricht in diesem Zusammenhang von einer »erkalteten Religion«.

    Zwangsläufig stellt sich hier die Frage: Warum treten nicht noch viel mehr Leute aus der Kirche aus, wenn die übergroße Mehrheit das Angebot doch nicht mehr wahrnimmt? Sie könnten damit viel Geld sparen. Eine Antwort dürfte sein: Viele wollen es ihren Eltern oder Großeltern nicht antun. Der Austritt käme nach ihrem Gefühl einem Bruch mit der Familie gleich.

    Aber das kann nicht alles erklären. Der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster ist überzeugt: »Prinzipiell wird das Christentum in Deutschland positiv bewertet und als Fundament unserer Kultur angesehen. Man findet es auch gut, wenn die Kinder im christlichen Geist erzogen werden. Anständigkeit, Fairness, Solidarität, Nächstenliebe – das ist alles sehr hoch geschätzt. Es gibt also eine große Offenheit gegenüber dem Christentum, und das kommt der Kirche zugute.«

    Dank ihrer enormen Steuereinnahmen kann die Kirche zudem eine wichtige Rolle als Sozial­träger spielen. Sie betreibt Krankenhäuser, Altenheime, Kindergärten und Schulen – wie beispielsweise das Erzbistum Paderborn in Ostwestfalen-Lippe. »Die Kirche ist sozial, politisch, kulturell präsenter, als es von der Aktivität der Mitglieder her gerechtfertigt wäre«, meint der Religionssoziologe.

    Diese Präsenz der Kirche sei durchaus akzeptiert und geschätzt. Pollack: »Sehr auffällig ist, dass es – im Gegensatz zum Beispiel zu Ländern wie Polen, wo die Kirchlichkeit viel höher ist – in Deutschland kaum so etwas gibt wie einen Anti-Klerikalismus. Es gibt kaum starke Bewegungen gegen die Kirche.«

    Insofern hat die Kirche eigentlich keinen Grund zum Trübsalblasen. Eines ist allerdings definitiv Vergangenheit: Auch praktizierende Katholiken lassen sich von der Kirche nicht mehr vorschreiben, wie sie zu leben haben. »Ist es Ihnen wichtig, was der Papst sagt?« Auf diese Frage antworteten in einer Umfrage im Auftrag der Gütersloher Bertelsmann-Stiftung 58 Prozent der Katholiken mit »Nein«. Eine Umfrage des größten deutschen Bistums Köln ergab 2013 »eine starke Differenz zwischen kirchlicher Lehre und dem Leben der Katholiken«.

    Egal ob bei Scheidung, vorehe­lichem Sex, Verhütungsmitteln oder Homosexualität: In allen Punkten denken demnach sogar die regelmäßigen Gottesdienstbesucher und in der Pfarrgemeinde Aktiven ganz anders als die Kirche es lehrt. Und zwar fast ohne Ausnahme. »Selbst diejenigen, die in der Kirche sind, sagen: »Ich möchte das zu meinen eigenen Bedingungen sein«, fasst Pollack zusammen. Als Schäfchen sehen sie sich nicht.

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    Vier Tage Katholikentag in Münster

    Morgen wird die 101. Auflage unter dem Motto »Suche Frieden« eröffnet – zahlreiche Prominente zu Gast

    Münster  (dpa/WB). Vier Tage lang steht Münster von morgen an im Blickpunkt der Katholiken in Deutschland. Unter dem Motto »Suche Frieden« findet in der Stadt des Westfälischen Friedens der 101. deutsche Katholikentag statt. Die Veranstaltung gilt als das größte Laientreffen der Kirche in der Bundesrepublik. Die Ausrichter erwarten mehrere Zehntausend Besucher.

    Sicherheit: Bereits vor der Amokfahrt mit vier Toten und über 20 Verletzten am 7. April in Münster hatten die Veranstalter ein umfangreiches Sicherheitskonzept aufgestellt. Stadt und Sicherheitsbehörden hatten darin Konsequenzen aus den Amokfahrten von Nizza und Berlin im Jahr 2016 einfließen lassen. In Münster wird es an verschiedenen Stellen Zufahrtssperren mit großen Wassertanks und Lastwagen geben. Am Schlossplatz, wo zu zwei großen Gottesdiensten jeweils rund 35.000 Menschen erwartet werden, hat die Stadt versenkbare Poller verbaut. Mehrere Verkehrsachsen, Plätze und Zufahrtsstraßen werden für den Verkehr gesperrt, darunter auch die vierspurige B54 vor dem Schloss.

    Prominente: Katholikentage sind immer auch ein Aufgalopp der (Politik)-Prominenz. Außer Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Donnerstag 14 Uhr, Halle Münsterland) hat auch der kolumbianische Staatspräsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos (Donnerstag 16.30 Uhr, Halle Münsterland) zugesagt. Aus dem Bundeskabinett kommen zehn von 16 Mitgliedern, darunter Kanzlerin Angela Merkel (CDU, Freitag 11 Uhr, Halle Münsterland) und Innenminister Horst Seehofer (CSU, Donnerstag 16.30 Uhr, Halle Münsterland).

    Programm: An etwa 100 Veranstaltungsorten sind rund 1000 Veranstaltungen geplant. Das Angebot reicht von Gesprächskreisen über Gottesdienste und Gebete bis hin zu Konzerten und Straßenfesten. Höhepunkte sind dabei der Eröffnungsgottesdienst auf dem Domplatz mit bis zu 15.000 Menschen und zwei Gottesdienste am Donnerstag und Sonntag zum Abschluss auf dem Schlossplatz.

    Veranstaltungsorte: Der Großteil findet innerhalb des die Innenstadt umschließenden Promenaden-Rings statt. Die zentralen Orte sind der Schlossplatz vor dem Verwaltungssitz der Universität, der Domplatz und der Prinzipalmarkt. Mehrere große Podiumsveranstaltungen mit Auftritten von Politikern sind auf dem Messegelände rund um die Halle Münsterland geplant. Zwischen Messe und Innenstadt ist ein Pendelverkehr eingerichtet.

    Höhepunkte: Mit Spannung wird eine Podiumsdiskussion mit dem AfD-Vertreter Volker Münz (Samstag 14 Uhr, Halle Münsterland) erwartet. Eckart von Hirschhausen nimmt an der Diskussionsrunde »Störfaktor Religion. Wie viel Glaube verträgt die Öffentlichkeit?« teil. Der frühere Umweltminister Klaus Töpfer aus Höxter diskutiert am Freitag ab 16.30 Uhr über das Thema »Der Bauer und das (liebe) ZeOzwei« (Halle Münsterland), die evangelische Theologin Margot Käßmann auf der Caritasbühne (Stubengasse) über das Thema »Sozial gerecht – eine Utopie? Was gesellschaftlicher Frieden braucht«.

    Auch die Diskussionsrunde l »Ökumene nach 2017« am Freitag ab 11 Uhr im Fürstenberghaus mit Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, dürfte spannend werden. Eine kostenlose App zum Katholikentag gibt einen guten Programmüberblick. Sie informiert auch darüber, wie voll es auf den einzelnen Veranstaltungen ist.

    WESTFALEN-BLATT epages 08.05.2018








    "Das Kreuz ist kein Kampfmittel"

    Interview: Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, überden heute in Münster beginnenden Katholikentag und die Situation des Katholizismus in Deutschland

    Herr Sternberg, was ist heute der Sinn eines Katholikentags, der von vielen Teilnehmern eher als Happening und Mega-Party denn als Glaubensveranstaltung verstanden wird?

    Thomas Sternberg: Als reine Glaubensveranstaltung ist der Katholikentag nie gedacht gewesen. Er war immer eine Zusammenkunft von Laien, die sich über politische und gesellschaftliche Themen austauschen wollten. Dass das auch mit Gebet und Gottesdienst verbunden war, versteht sich von selbst. Dass das Ganze inzwischen auch einen Happening-Charakter hat, liegt daran, dass spätestens 1978 in Freiburg die jungen Leute den Katholikentag für sich entdeckten. Heute sind die Besucher sehr gemischt, alle Altersgruppen sind gleichermaßen vertreten.

    Ist das wichtigste Anliegen des Katholikentags also nicht, den Glauben der Teilnehmer zu stärken?

    Sternberg: Die Glaubensstärkung ist schon wichtig. Die ganz unterschiedlichen Teilnehmer kommen aber vor allem, um heraus zu finden, welche gesellschaftlichen Themen zurzeit wichtig sind. Die bisherigen Katholikentage waren immer so etwas wie ein seismographischer Gradmesser für Themen, die in der Luft liegen.

    Was ist für Sie persönlich das Highlight des Katholikentags?

    Sternberg: Das ist schwierig. Ich könnte jetzt sagen, die Veranstaltungen mit dem Friedensnobelpreisträger und kolumbianischen Staatspräsidenten Santos oder mit Bundespräsident Steinmeier. Oder, dass das Kulturprogramm auf Katholikentagen nie nur ein Begleitprogramm, sondern wesentlicher Bestandteil ist. Es gibt beispielsweise in Münster ein Konzert mit einem Orchester aus dem Heiligen Land, in dem christliche, jüdische und muslimische Mitglieder zusammen musizieren...

    Dann lassen Sie mich anders fragen: Welche Veranstaltung abseits der repräsentativen Aufgaben besucht der gläubige Christ Sternberg ganz privat?

    Sternberg: Ach, ich wollte so gerne zu einer Veranstaltung über den Heiligen Martin von Tours gehen, mit dem ich mich selbst intensiv beschäftigt habe und den ich für eine der ganz großen Persönlichkeiten der europäischen Sozialgeschichte halte. Aber ich habe gerade schon wieder gemerkt - mein Terminkalender lässt eine solche Liebhaberei nicht zu.

    Haben Sie nach der Amokfahrt von Münster Sorge um die Sicherheit des Katholikentags?

    Sternberg: Nein, das habe ich nicht. Das Sicherheitskonzept ist sehr gut ausgearbeitet. Wir hoffen, dass es nicht als zu störend wahrgenommen wird, wenn die Plätze mit Fahrzeugen oder auf andere Weise blockiert sind. Alles Menschenmögliche wird getan. Letztlich ist man nie 100-prozentig sicher, aber das sind Sie auch nicht, wenn Sie zur Post gehen.

    Sie sind selbst Münsteraner. Hat die Amokfahrt hier in Münster etwas verändert?

    Sternberg: Ja, schon. Es hat noch einmal gezeigt, dass unser Motto "Suche Frieden" nicht nur politisch zu verstehen ist. Es geht auch um Frieden im persönlichen Leben und um Frieden mit sich selbst. In welch? einem Unfrieden muss ein Mensch mit sich selbst leben, wenn er meint, er müsse bei seinem eigenen Tod andere Unschuldige mitnehmen? Das entfaltet den ganzen Kosmos des Friedensbegriffs.

    Wird die Amokfahrt auf dem Katholikentag eine Rolle spielen?

    Sternberg: Wir hatten zunächst daran gedacht, eine eigene Veranstaltung zu gestalten. Das haben wir wieder verworfen. Aber wir werden in Gebeten und Gottesdiensten natürlich der Opfer gedenken.

    Der Auftritt eines AfD-Politikers bei einem Diskussionsforum ist heftig umstritten. Ist die AfD bei der katholischen Kirche inzwischen salonfähig?

    Sternberg: Selbstverständlich nicht. In Leipzig sind wir beschimpft worden, weil wir niemanden von der AfD eingeladen haben. Wir haben noch nie Parteien eingeladen, auch diesmal nicht. Eingeladen sind die kirchenpolitischen Sprecher der Fraktionen im Bundestag. Und dazu gehört nun einmal auch leider die AfD. Ich bin weit davon entfernt, Positionen der AfD für richtig zu halten. Und nicht nur ich, sondern das gesamte Zentralkomitee. Es wird deshalb anlässlich des Katholikentags eine "Münsteraner Erklärung" der Vollversammlung des ZdK geben, in der in aller Klarheit Position gegen Ausländerfeindlichkeit, gegen Ausgrenzung, gegen Islamfeindlichkeit, gegen Rassismus und natürlich auch gegen Behinderten-Feindlichkeit bezogen wird - alles Dinge, die in der AfD inzwischen möglich geworden sind.

    Würden Sie soweit gehen zu sagen, die Mitarbeit in der AfD und der Katholische Glaube sind nicht miteinander vereinbar?

    Sternberg: Eine ganze Reihe wesentlicher Positionen der AfD ist in der Tat mit unserem Glauben nicht vereinbar.

    Die Anweisung des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Söder, Kreuze in allen Landesbehörden aufzuhängen, sorgt für Aufregung. Wird das wichtigste religiöse Symbol des Christentums von Söder für den politischen Kampf missbraucht, möglicherweise auch zur Ausgrenzung von Andersgläubigen?

    Sternberg: Das Kreuz ist kein Kampfmittel und gerade kein Zeichen der Ausgrenzung. Das Kreuz ist mir viel zu wichtig, als dass ich es in die Niederungen des Wahlkampfes ziehen lassen würde. Das Kreuz im Klassenzimmer oder im Krankenzimmer kann man nicht in die eine oder andere Richtung vereinnahmen. Ich wünschte mir eher, dass mehr Menschen sich darüber Gedanken machten, wie wichtig das Kreuz als religiöses und kulturelles Symbol für unsere europäischen Werte ist.

    In der katholischen Kirche ist offener Streit um die gemeinsame Kommunion von gemischtkonfessionellen Ehepaaren ausgebrochen. Wie ist die Position des obersten katholischen Laien in Deutschland dazu?

    Sternberg: In den Gemeinden haben die vielen gemischtkonfessionellen Ehepaare ihren Weg gefunden, und zwar in völliger Übereinstimmung mit ihren Pfarrern. Es ist aller Ehren wert zu versuchen, dies auch rechtlich und dogmatisch zu regeln. Dass daraus jetzt ein Streit weniger mit der großen Mehrheit der Bischofskonferenz entstanden ist, ist unangenehm und unglücklich. Und außerdem unserem Ziel abträglich, auch Menschen, die eher in Distanz zu uns stehen, zu zeigen, dass es gut ist, katholisch zu sein.

    Das Gespräch führte Lothar Schmalen

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    Zur Person: Thomas Sternberg

    • Der 66-Jährige stammt aus Grevenbrück (Sauerland).
    • Er studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Theologie in Münster, Rom und Bonn.
    • Von 1988 bis 2016 war Sternberg Direktor der Katholisch-Sozialen Akademie Franz-Hitze-Haus in Münster.
    • Seit 1997 engagiert er sich im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). 2015 wurde er als Nachfolger von Alois Glück zu dessen Präsidenten gewählt.
    • Seit 1974 ist Sternberg Mitglied der CDU, für die er von 2005 bis 2017 als direkt gewählter Abgeordneter im Landtag saß.

    © 2018 Neue Westfälische, Mittwoch 09. Mai 2018

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    Das TV-/Radio-Programm im Überblick:

    Fernsehen

    • 9. Mai, 17.35 Uhr, WDR Fernsehen: Willkommen in Münster, Eröffnung des Deutschen Katholikentags 2018
    • 10. Mai, 10.00 Uhr, Das Erste: Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt vom Deutschen Katholikentag in Münster
    • 12. Mai, 20.55 Uhr, Das Erste: "Wort zum Sonntag" - vom Deutschen Katholikentag in Münster, Sprecher: Gereon Alter
    • 13. Mai, 10.00 Uhr, Das Erste: Hauptgottesdienst des Deutschen Katholikentags aus Münster
    • 13. Mai, 11.30 Uhr, Das Erste: Reportage "Beten, streiten, feiern. Der Katholikentag in Münster"


    Radio

    • 09. Mai bis 13. Mai: Berichterstattung in allen aktuellen Sendungen im Hörfunk
    • 13. Mai, 08.30 Uhr, WDR 3: Suche Frieden, "Lebenszeichen" vom 101. Deutschen Katholikentag in Münster
    • 13. Mai, 09.05 Uhr, WDR 5: "Diesseits von Eden", Sondersendung zum Katholikentag
    • 13. Mai, ab 10.00 Uhr, WDR 5: Hauptgottesdienst des 101. Deutschen Katholikentags in Münster - Live-Übertragung
    • 13. Mai, 11.30 Uhr, "WDR 5 spezial", Livesendung vom Katholikentag
    • 16. Mai, 20.04 Uhr, WDR 3, Uraufführung des Oratoriums "PAX"


    PHOENIX-TV:

    • Den Eröffnungsgottesdienst auf dem Domplatz mit dem Bischof von Münster, Felix Genn, zeigt phoenix am Mittwoch um 17.45 Uhr. Hierzu werden unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) erwartet.
    • Am Freitag zeigt phoenix zunächst um 9.30 Uhr eine Aufzeichnung der Diskussion „Integriert euch! Wer eigentlich? Und wohin? – Anforderungen an das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft“, mit Bundesinnenminister Horst Seehofer. Im Anschluss übertragen wir ab 11.00 Uhr live die Diskussion „Deutschland in einer veränderten Weltlage – Wie umgehen mit Konfliktherden und aggressiven Regimes?“, zu der auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet wird.


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    ⬛ - es geht ja gar nicht so sehr um den "katholikentag" oder den "deutschen evangelischen kirchentag": es ist einfach - wenn die sonne höher steigt und die tage länger werden - mal wieder "kirchentags-zeit" - jedes jahr pünktlich im mai/juni - mal in leipzig, mal in berlin - mal in münster - und nächstes jahr in dortmund ... - und - und - und: die spiele sind eröffnet ...

    und das ist jedes mal mehr, als ein hölzernes kreuz in amtsstuben zu vernageln: da schwingt ein bekennen mit - zumindest eine anerkennung - denn bei aller kritik: "kirchens"haben ja auch etwas vorzuweisen, da sie als mitveranstalter im kanon der staatlich finanzierten subsidiaritäts-anbieter mitmischen: in schulen, in krankenhäusern und (tages-)kliniken, altenheimen, suppenküchen, "tafeln" und kitas u.a.m.

    ja - kirchen mischen mit - und sind dadurch einer der größten arbeitgeber in deutschland mit über einer million mitarbeitern: brüdern & schwestern - oder so ähnlich ... - alle zumeist in engagements, die ein hohes maß an verlässlichkeit, vertrauen und verantwortung erfordern - und vor denen sich im alltag eben viele einfach drücken: sterbebegleitung und hospizarbeit, krankenpflege, pflege und beschäftigung schwerstmehrfach förderungsbedürftiger menschen ... - um nur einiges zu nennen.

    und diese mehr als eine million menschen üben tag für tag ihren persönlichen - ihren aktiven "gottesdienst" aus ...

    da muss man also nicht immer auf die schwindenden zahlen sonntagmorgens in den kirchengebäuden schielen. schon im neuen testament in apostelgeschichte 7,48-49 steht: aber gott wohnt nicht in tempeln, die mit händen gemacht sind, wie der prophet spricht: der himmel ist mein stuhl und die erde meiner füße schemel - spricht der herr; was wollt ihr mir denn für ein haus bauen ...

    gottesdienst findet also auch in der alltäglichen arbeit statt und unter freiem himmel und im stadion und in der münsterlandhalle oder auf wiesen beim abschlussgottesdienst des katholikentages auf dem münsterschen schlossplatz vor 30.000 menschen ... - wenigstens sind ca. 45.000 dauerkarten in münster verkauft worden.

    und während in die fußball-bundesliga-stadien am wochenende ca. 450.000 menschen strömen - gehen trotz allem noch fast 800.000 protestanten sonntags in ihre kirchen ... (sagt frau käßmann).

    nun gibt es ja neue hürden, die den veranstaltern von kirchentagen in den weg gelegt werden: die stadträte der kommunen, in denen das event stattfinden soll, wollen dafür keine zuschüsse mehr geben - trotz des enormen image-gewinns und des umsatz-zuwachses: aber für die eben bereits genannten bundesliga-spiele müssen 100.000de von polizistinnen und polizisten abgestellt werden - und manche "sonderzüge" der "fans" und hooligans werden dabei immer mal wieder in den klump gehauen ... - und das ist bei kirchentags-besuchern mit sicherheit anders - diese 4 tage im jahr in einer metropole - und nicht woche für woche auf neue ...

    also - so mausetot sind sie gar nicht - diese totgesagten kirchen und dieser totgesagte glaube - und auf platt sagte mein lehrmeister vor fast 60 jahren gern:

    wä dach for dach
    sin arbeit döit
    un jümmer uppm posten stöit
    un döit dat chaut und döit dat cheern -
    dä darf sick ommal amüseern ...

    in diesem sinne - wie in jedem jahr: einen guten und erbauenden kirchen-/katholikentag ...-S!



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  • 05/09/18--13:55: SUCHE FRIEDEN
  • Rund 18.000 Christinnen und Christen waren bei der Auftakt-Veranstaltung auf dem Domplatz in Münster dabei. -
    Foto: Michael Bönte





    Eindringliche Appelle von Bundespräsident Steinmeier und ZdK-Präsident Sternberg - 
    Der Papst in einem Grußwort


    18.000 Friedenssucher bei Katholikentags-Eröffnung



    Niemand hätte gedacht, dass das Motto „Suche Frieden“ des 101. Deutschen Katholikentags eine solche Aktualität und Brisanz bekommen sollte. „Das Motto wurde vor langer Zeit erdacht. Jetzt trifft es die Lage wie kein anderes“, brachte es der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet (CDU), bei der Eröffnung auf dem Domplatz auf den Punkt. Die Welt sei angesichts von Kriegen und Unfrieden „aus den Fugen geraten“, sagte Laschet. „Und Regierungschefs säen per Tweet Spaltung.“

    Tosender Beifall der rund 18.000 Christinnen und Christen, die zur Auftakt-Veranstaltung gekommen waren, zeigte, dass hier ein Nerv getroffen war. „Suche Frieden“ – das Leitwort des Katholikentags wurde konkret, bekam nicht nur persönliche, sondern politische Dimensionen.

    Steinmeier kritisiert USA

    Das machte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sehr konkret an aktuellen Beispielen deutlich. Als „schweren Rückschlag“ für die Friedens-Diplomatie bezeichnete er den Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran. Ein langfristiger Friede im Mittleren Osten sei mit der Entscheidung des amerikanischen Präsidenten „nicht wahrscheinlicher geworden“. Steinmeier kritisierte auch den sogenannten „Kreuz-Erlass“ in Bayern: „Christliche Symbole wie das Kreuz sind in unserem Land im öffentlichen Raum vielfach selbstverständlich. Aber wir wissen auch: Was sonntags in den Gottesdiensten fehlt, kann das Kreuz im Behördengang nicht füllen.“

    Tausendfachen Beifall, der nicht enden wollte, erhielt Steinmeier für seinen Appell „als bekennender evangelischer Christ, der in einer konfessionsverschiedenen Ehe lebt“, an die Verantwortlichen in den Kirchen: „Ich bitte um die Offenheit für weiteres ökumenisches Zusammenwachsen. Lassen Sie uns Wege suchen, den gemeinsamen christlichen Glauben auch durch gemeinsame Teilnahme an Abendmahl und Kommunion zum Ausdruck zu bringen.“ Er sei sicher: „Abertausende Christen in konfessionsverschiedenen Ehen hoffen darauf.“

    Sternberg: Wir wollen Frieden für alle

    Auf die Suche nach Frieden gerade auch in Deutschland ging Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), ein. „Wir wollen Frieden nicht nur für die Mehrheitsgesellschaft, sondern für alle – auch für Menschen anderen Glaubens, auch für Menschen, die als Flüchtlinge zu uns gekommen sind, für Arme und sozial Benachteiligte, für kranke Menschen, für Menschen mit einer körperlichen, geistigen oder seelischen Beeinträchtigung, für alte und für sterbende Menschen genauso wie für die Ungeborenen.“

    Mit „Pax, Shalom und Salam“ hatte er die vielen Tausend begrüßt. Mit den entsprechenden Worten für „Frieden“ im Christentum, Judentum und im Islam setzte er damit bereits ein deutliches Zeichen für Toleranz gegenüber Angehörigen anderer Religionen und Weltanschauungen – wie es bereits am Tag zuvor im „Münsteraner Manifest“ des ZdK deutlich geworden war.

    Populisten nein, Kardinal von Galen ja

    Mit deutlichen Worten wandte sich Sternberg gegen populistische Tendenzen – auch wenn er die wohl angesprochene AfD nicht ausdrücklich nannte: „Heulen wir mit den Wölfen, die mit populistischen Phrasen Ausgrenzung betreiben und Missgunst säen? Oder fallen wir ihnen in den Arm, wenn sie ihre Brandfackeln auf alles Fremde schleudern?“ Christen hätten einen Maßstab, den sie nicht zur Seite legen könnten, ohne den Glauben zu verleugnen.
    Wiederum unausgesprochen an die Adresse der AfD gerichtet, rief Sternberg den Tausenden auf dem Domplatz zu: „Auch denen, die im Bundestag Fragen stellen zu Behinderten und Kranken und dabei fremdenfeindliche und menschenverachtende Botschaften mittransportieren: In der Stadt des unerschrockenen seligen Bischofs von Galen stellen wir uns gegen jede Diskriminierung. Das werden wir nicht zulassen!“


    Papst Franziskus: Kein wichtigeres Thema

    Papst Franziskus erinnerte in seinem Grußwort an den Psalm 34, dem das Motto des Katholikentags entnommen ist: „Meide das Böse und tu das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“ – „Es ist ein Imperativ und ein brandaktueller Hilferuf“, schreibt der Papst in seiner Botschaft, die der Päpstliche Nuntius, Erzbischof Nicola Eterovic, verlas. Derzeit gebe es kein wichtigeres Thema in der öffentlichen Debatte über Religion als das Problem von Fanatismus und Gewaltbereitschaft.

    Papst Franziskus hat sich mit einem Grußwort an die Teilnehmer des 101. Katholikentags in Münster gewandt. „Kirche-und-Leben.de“ dokumentiert seine Botschaft:


    Liebe Brüder und Schwestern, ganz herzlich grüße ich Euch alle anlässlich des 101. Katholikentags in Münster und freue mich, dass Ihr in so großer Zahl gekommen seid. Eure Teilnahme ist ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr Euch das Leitwort dieses Katholikentags „Suche Frieden“ am Herzen liegt.

    Dieses Wort ist dem Psalm 34 entnommen: „Meide das Böse und tu das Gute, suche Frieden und jage ihm nach!“ (Ps 34,15). Es ist ein Imperativ und ein brandaktueller Hilferuf. Es gibt derzeit kein wichtigeres Thema in der öffentlichen Debatte über Religion als das Problem von Fanatismus und Gewaltbereitschaft. Wir können beobachten, dass im familiären Bereich, an Arbeitsplätzen, in Vereinigungen, in Stadtteilen, Regionen und Nationen sowie überall dort, wo der Mensch als solcher nicht als eine Gabe Gottes angenommen wird, Unfriede, Missgunst und Hass zutage treten. Meine große Sorge gilt den Menschen, besonders den Kindern und Jugendlichen, die wegen Krieg und Gewalt in ihrem eigenen Land zur Flucht gezwungen sind, um ihr Leben zu retten. Sie klopfen bei uns an mit der Bitte um Hilfe und Aufnahme. In ihren Augen sehen wir die Sehnsucht nach Frieden.

    Morden im Namen einer missbrauchten Religion

    Die Stadt Münster war vor 370 Jahren Schauplatz für einen bedeutenden Friedensschluss nach einem verheerenden Krieg. Man kam überein, dem kriegerischen Morden, das auch im Namen einer von Menschen missbrauchten Religion verübt wurde, ein Ende zu setzen. Der Katholikentag hier in Münster ermahnt uns, aus der eigenen Geschichte heraus für die Zukunft Frieden zu lernen. Ein wesentliches Instrument dazu ist unser christliches Engagement in der Familie, in unseren Schulen und Bildungseinrichtungen, vor allem auch in der Politik.

    Frieden kann ebenso weiterwachsen, wenn die Christen verschiedener Konfessionen im verbindenden Bekenntnis zu Christus an die Öffentlichkeit treten und sich in der Gesellschaft gemeinsam engagieren, denn Christus ist unser Friede (vgl. Eph 2,14). Frieden bedarf des wertschätzenden Miteinanders aller Menschen guten Willens aus allen Religionen und Bekenntnissen. Alle Menschen können wertvolle Bausteine im Aufbau einer friedliebenden Gesellschaft sein. Frieden zu suchen und ihn so auch zu gestalten, ist Aufgabe aller Menschen. Seid Botschafter des Friedens, der Verantwortung und der Barmherzigkeit vor allem für die junge Generation! In jedem Kind, egal in welchem Land es geboren ist, schaut uns Christus an, der selber als schwaches Kind in unsere Welt gekommen ist. Kinder sind Zukunft!

    Friede beginnt in der Wortwahl

    Die gerechte Teilhabe aller Männer und Frauen am Wohlergehen ihrer Gesellschaft ist Grundlage eines dauerhaften Friedens. Die gerechte Teilhabe aller gilt aber auch für die Menschen in allen Gesellschaften weltweit. Die großen kirchlichen Hilfswerke, die Verbände und viele Pfarrgemeinden leisten hierfür einen wertvollen Beitrag. Frieden aber beginnt auch ganz einfach und klein in unserer Sprache, in der Wahl der Worte. Mit Worten, die wie Brot sind, stärkend, wertschätzend, gütig, klärend und verlässlich, beginnt der Frieden. Wahrheitsliebende Worte aus unserem Mund – in Gesellschaft und Kirche, in Familie und Freundeskreis, in der Arbeit oder der Freizeit – dienen dem Frieden. So auch die Worte unserer Gebete!

    Ich wünsche Euch, dass dieser Katholikentag ein großes Fest des Glaubens wird und ein weit sichtbares Zeichen für den Frieden. Die Tage von Christi Himmelfahrt bis Pfingsten erinnern uns daran, dass wir unablässig den Heiligen Geist anrufen sollen, dass er uns seine Gaben schenke und den Frieden des Herrn wachsen lasse. Dabei schauen wir auch auf Maria, die als Mutter der Kirche mit den Aposteln um das Kommen des Heiligen Geistes gebetet hat. Sie begleite und unterstütze auch unsere Suche nach Frieden. Vertrauen wir uns ihrer Fürsprache und Hilfe an!

    Ich weiß mich Euch im Gebet verbunden. Vergesst bitte nicht, für mich zu beten! Von Herzen erteile ich Euch, die ihr in Münster zusammengekommen seid, wie auch allen Gläubigen des Volkes Gottes in Deutschland den Apostolischen Segen.

    Papst Franziskus

    Für die junge Generation sprach die Theologin Sophia Dohle, Münster. Ausgehend vom oft bemühten Symbol der Friedenstaube machte sie deutlich, „dass Frieden konkret und wahrhaftig wird, wenn er nicht in Symbolen erstarrt, sondern zur Tat wird. „Ich wünsche mir, dass die Suchfreude einer jungen Generation anstecken und Mut machen kann. Wenn Menschen miteinander sprächen, könne Frieden werden: „Genau das wünsche ich mir für diesen Katholikentag!“

    Diese Hoffnung drückte auch Bischof Felix Genn aus, der als Gastgeber die 18.000 begrüßte. Das Leitwort sei angesichts der Weltlage mit Kriegen und Frieden äußerst passend gesetzt, sagte er. Genn rief auch zur Friedenssuche im näheren Umfeld auf und hoffte, „dass in unseren Gemeinden friedliche Wege in die Zukunft gesucht werden“. Notburga Heveling, Vorsitzende des Diözesankomitees der Katholiken im Bistum Münster, freute sich die Aufbruchsstimmung im Vorfeld des großen Christentreffens, die Laien wesentlich mitgeprägt hätten: „Wir sind Katholikentag!“

    Ermutigende, freudige Signale sandte nicht zuletzt die Musik: Schwungvoll präsentierten sich der Große Chor des Gymnasiums Paulinum Münster und der Chor „Piano 22/30.“ Unter der Gesamtleitung von Anselm Thissen ließen sich die 18.000 anstecken. Von Lied zu Lied wurde der Gesang lauter: „Unter einem großen Himmel leben wir, gestalten wir.“ Dazu bietet der Katholikentag unzählige Möglichkeiten.

    Annette Saal | Kirche-und-Leben.de



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  • 05/09/18--14:30: abend der begegnung

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  • 05/10/18--05:23: udos 10 gebote

  • Udo Lindenberg zeigt „Zehn Gebote“ beim Katholikentag


    Musiker, Schriftsteller, Künstler: Egal, was Udo Lindenberg macht, es wird vor allem eins: irgendwie anders. Nun stellt das 71-jährige Multi-Talent seine „10 Gebote“ in Kooperation mit dem Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken in der Liebfrauen-Überwasserkirche in Münster aus – auch während des Katholikentags.

    Seit mehr als 50 Jahren steht Udo Lindenberg nun schon auf der Bühne. In seinen zahlreichen Liedern schwebt immer ein politischer, gesellschaftskritischer und doch humorvoller Klang mit.

    Farbe durch Eierlikör

    So ist es auch bei seiner Ausstellung „Udos 10 Gebote“. Mit der speziellen „Likörell-Technik“ – Lindenberg färbt seine Bilder mit alkoholischen Getränken – setzt er die Zehn Gebote um. Insgesamt 14 Bilder hat der Künstler erstellt. Das größte misst 1,80 mal 2,30 Meter.

    „Du sollst den Feiertag heiligen“ zum Beispiel lehnt an das dritte Gebot an. Es sind zwei mit Autos überfüllte Straßen zu sehen, die aufeinandertreffen und in völligem Chaos enden. Drumherum stechen dem Betrachter orangene und gelbe Farben ins Auge. Dies soll wohl an die vielen Urlauber erinnern, die die Feiertage für ein verlängertes Wochenende im Urlaub nutzen und in der prallen Sonne ewig im Stau stehen.

    Mose und Lindenberg als gekritzelte Männchen

    „Du sollst dir kein Bildnis machen“ zeigt auf rotem Untergrund ein schwarz-weißes Männchen, das mit Hut, Zigarre und schwarzer Sonnenbrille stark an Lindenberg selbst erinnert. Es pinselt auf einer leeren, weißen Leinwand.

    Neben Darstellungen der Zehn Gebote malte der Panik­rocker unter anderem auch Bilder, die den Kontext der biblischen Weisungen zeigen. Eins davon zeigt Mose mit der Steintafel, auf der in großen Buchstaben „Du sollst“ steht.

    Bilder zum Nachdenken und Schmunzeln

    Lindenberg bringt die Zehn Gebote in die Gegenwart und zeigt, dass sie auch heute noch zeitgemäß sind. Jedes Bild lädt zum Schmunzeln ein. Doch oft regen seine Werke zum Nachdenken an. „Udos 10 Gebote“ ist eine Ausstellung, die Spaß macht – sei es durch die humorvolle Umsetzung oder die bunten Farben – und trotzdem geistig fordert.

    Die Werke „können als eine Charta für Menschenrechte verstanden werden, die die Beziehung von Gott und Mensch zum Ausdruck bringen“, erklärt Monsignore Georg Austen, Generalsekretär des Bonifatiuswerks. „Sie besitzen die Kraft, in unserer so zerrissenen Welt, Grenzen zu überschreiten.“ Auf gesellschaftlicher, politischer und religiöser Ebene sollten die Bilder einen persönlichen Anstoß zum Nachdenken geben und einen Anreiz für den friedlichen Dialog mit Menschen aller Couleur bieten.

    Geänderte Öffnungszeiten beim Katholikentag

    Interessierte können die Ausstellung vom 7. bis 21. Mai von 10 bis 18 Uhr in der Liebfrauen-Überwasserkirche in Münster besichtigen. Beim Katholikentag kann sie am Donnerstag von 13 bis 22 Uhr, am Freitag und Samstag von 8.30 bis 22 Uhr und am Sonntag von 13 bis 21 Uhr angeschaut werden. Der Erlös kommt gemeinnützigen Vereinen und einer Bildungseinrichtung zugute.

    Melanie Ploch - kirche-und-leben


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    "du sollst keinen alkohol und keinen shit mehr zu dir nehmen" - das wäre vielleicht ein 11. gebot - extra für udo lindenberg - doch wenn bei einer solchen "schnaps"- oder "likör"idee solch nachdenkenswerte und zum teil tiefgründige bilder herauskommen, die sich sogar bei einem "katholikentag" in einer kirche behaupten können, möchte man ihm ja am liebsten noch eine flasche "eier"likör zukommen lassen.

    sein bild z.B. "du sollst nicht stehlen" wirkt eher wie ein ort "auf frischer tat" - bestehend nur aus zwei leeren haken und einem abgerissenen bilderdraht ...

    und so steht man staundend vor diesen themengebundenen oft graffitihaften und karikaturesken kunstwerken, die man in ihrer bunten farbigkeit ihm bei seiner zu schau getragenen schnodderigkeit gar nicht zutraut - und über manches "gebots"-bild könnte ein pfarrer auf der kanzel sicherlich auch tiefsinnig meditieren ...

    aber - hinter jeder rauhen schale ist oft ein weicher und sensibler kern, den udo selbst sicherlich abstreiten würde, den er aber in seinem lyrisch-grafischen werk auch schon mal aufblitzen lässt ...
    udo hat dieser tage auch noch seinen 72. geburtstag - dazu viele glückwünsche ... - und noch eine lange schaffensreiche zeit ... S!


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    KRUZIFIX-DEBATTE & ISLAMKRITIK

    Die Religionen gehören in den öffentlichen Raum

    Von Annegret Kramp-Karrenbauer

    Lasst uns darüber reden, welche Werte den Zusammenhalt in unserem Land prägen und stärken: Zum Katholikentag formuliert die Generalsekretärin der CDU fünf Gedanken, „die uns beim Thema Islam vielleicht voranbringen können“.

    Tausende Katholiken kommen in diesen Tagen in Münster aus der ganzen Republik zum Katholikentag zusammen. Katholikentage sind Feste des Glaubens. Aber nicht nur. Sie sind auch Orte, an denen gesellschaftliche Verantwortung aus einem religiösen Bekenntnis heraus sichtbar wird.

    Katholikentage genauso wie Evangelische Kirchentage stellen die Frage nach der Bedeutung des Religiösen in unserem Land und in unserer Gesellschaft. Neben den christlichen Konfessionen ist dabei in den letzten Jahren auch verstärkt der muslimische Glaube in den Blick geraten.

    Das Thema Islam brennt vielen Menschen in Deutschland auf den Nägeln. Ich spüre das dieser Tage nochmals ganz besonders, wenn ich im Rahmen meiner Zuhör-Tour Mitglieder der CDU in ganz Deutschland besuche, um zu erfahren, welche Themen sie umtreiben, welche Fragen sie für dringlich halten, welche Ideen und Anregungen sie haben.

    Ja, Islam und muslimisches Leben sind ein Thema – ein zweifellos kontroverses Thema, ob es um den Schwimmunterricht in der Schule geht, ob um die Finanzierung von Moscheegemeinden oder um das Kopftuch. Viele Menschen in unserem Land haben Fragen, sie haben auch Sorgen. Deshalb darf Politik diesem Thema nicht ausweichen. Aber Politik muss dieses Thema in einer Art und Weise diskutieren, die uns und unser Land voranbringt. Die Frage, ob der Islam nun zu Deutschland gehört oder nicht, dient diesem Ziel meines Erachtens nicht. Die vielen Gespräche, die ich in letzter Zeit über dieses Thema geführt habe, beschäftigen mich sehr intensiv. Ich möchte daher fünf Gedanken in die Debatte einbringen, die uns vielleicht voranbringen können.


    • Erstens: Lasst uns darüber reden, welche Werte den Zusammenhalt in unserem Land prägen und stärken.

    Mich beschleicht bisweilen der Eindruck, dass es bei manchen Debattenbeiträgen über „den“ Islam eigentlich um uns selbst, unser Selbstverständnis geht. Dass wir über „den“ Islam leichter definieren können, was nicht zu uns gehört, als dass wir positiv bestimmen können, was uns ausmacht. Aber müssen wir stattdessen nicht vielmehr darüber reden, welche Werte positiv zu unserem Land gehören?

    Müssen wir nicht darüber reden, was das Grundgesetz im ganz konkreten Alltag bedeutet? Müssen wir nicht darüber reden, hinter welchen Grundüberzeugungen wir uns versammeln müssen, damit ein gutes Miteinander gelingen kann? Die Freiheit jedes Einzelnen, der Kampf gegen Gewalt, Ausgrenzung und Hetze, die Verantwortung vor der eigenen Geschichte, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, das Eintreten für Sicherheit genauso wie Weltoffenheit und Liberalität, die Grundfesten der Meinungs-, Presse- und Religionsfreiheit, das Bekenntnis zu unserer historischen Schuld und die daraus erwachsende Verpflichtung im Kampf gegen Antisemitismus und für die Sicherheit Israels – das und noch viel mehr macht unser Land zu einem Land, zu dem wir uns gerne bekennen. Die Identifikation mit Deutschland ist Identifikation mit den Werten und Regeln unseres Zusammenlebens. Diese Grundüberzeugung definiert das „Wir“ in unserem Land.


    • Zweitens: Lasst uns jeden Einzelnen zuallererst danach beurteilen, welche Werte er vertritt, und nicht danach, welcher Gruppe er formal zugeordnet wird.

    Wir leben in einem Land, in dem sich zunächst einmal die Frage an jeden Einzelnen richtet: Wie stehst du zu den Grundwerten unseres Landes? Wie stehst du zum Grundgesetz? Wie willst du dich in diesem Land einbringen? Wie sehr identifizierst du dich mit Deutschland? Wie sehr ist dieses Land mit seinen Traditionen, Werten und Regeln für dich Heimat?

    Katholikentag: Armbänder mit dem Motto des Katholikentags | Quelle: dpa/Rolf Vennenbernd | DIE WELT

    Diese Fragen sollten uns alle mehr interessieren als die Frage nach Herkunft, Geschlecht, Religionszugehörigkeit oder sexueller Identität. Wenn wir es ernst meinen mit der zu achtenden Würde jedes einzelnen Menschen, dann muss der Einzelne im Mittelpunkt unseres Handelns stehen. Das heißt aber auch, dass wir nicht zulassen dürfen, Menschen mit Etiketten zu versehen. Das heißt auch, dass wir uns der unbequemen Frage stellen müssen, ob ein verfassungstreuer Muslim nicht viel mehr zu unserem Land gehört als ein atheistischer, Steine werfender Krimineller auf einem G-20-Gipfel oder ein getaufter Hetzer in den sozialen Medien.


    • Drittens: Lasst uns das Religiöse wertschätzen und dem Religiösen einen Platz im öffentlichen Raum geben.

    Unser Grundgesetz hat nicht von ungefähr einen Gottesbezug. Der Gottesbezug war für die Mütter und Väter des Grundgesetzes die Absage an jegliche Form von Totalitarismus. Es ist von fundamentaler Bedeutung für das tolerante und friedliche gesellschaftliche Miteinander, dass unsere Gesellschaft das Religiöse wertschätzt, so wie es in unserer Verfassung angelegt ist.

    • Religion tut unserem Land, tut dem gesellschaftlichen Zusammenhalt gut. 
    • Religionen bieten einem Land einen MehrWERT, 
    • sie bieten dem Einzelnen Orientierung und sind ihm Stütze, 
    • sie geben dem Miteinander einen tieferen Sinn. 

    Dabei darf Religion aber niemals die Entscheidungsfreiheit des Einzelnen infrage stellen.

    Jeder in unserem Land hat das Recht, sich zu einer Religion zu bekennen; er hat auch das Recht, ein religiöses Bekenntnis abzulehnen. So versteht unser Grundgesetz Religionsfreiheit. Religionsfreiheit heißt aber auch, dass Religion einen Platz in unserer Gesellschaft hat, sie hat einen Platz im öffentlichen Raum – ob das das Gipfelkreuz in den Alpen, das Glockengeläut in der Osternacht, die Synagoge oder die Moschee ist.

    Religionsfreiheit heißt eben nicht, dass jemand das Recht hätte, von Religion im öffentlichen Raum unbehelligt zu bleiben. Wir sollten deshalb selbstbewusst und souverän über Religion, religiöse Wurzeln und religiöse Bekenntnisse sprechen – nicht nur im stillen Kämmerlein daheim, sondern gerade in der Öffentlichkeit. Aber wir müssen darauf achten, dass wir die Symbole nicht zu inhaltsleeren Abwehrzeichen degradieren. Das stärkt am Ende die, die ein laizistisches System anstreben. Das Beispiel Frankreich zeigt uns aber sehr deutlich, dass ein Zurückdrängen der Religion in einem laizistischen System nicht die richtige Antwort auf eine drohende Spaltung der Gesellschaft ist.


    • Viertens: Lasst uns aufhören, über „den“ Islam zu reden.

    Gibt es überhaupt „den“ Islam? So selbstverständlich es für uns ist, dass es unterschiedliche christliche Glaubensgemeinschaften gibt, so selbstverständlich muss es für uns alle sein, dass es ganz unterschiedliche muslimische Ausprägungen, Realitäten und Gemeinschaften gibt. Wir sprechen in Deutschland völlig unbedarft von christlichen Konfessionen – jeder weiß, dass die katholische und die evangelische Kirche nicht eins sind.

    Viele wissen auch, dass es neben den beiden großen Kirchen noch zahlreiche weitere christliche Religionsgemeinschaften gibt. Wenn wir über „das“ Christentum sprechen, dann wissen wir, dass wir auch über die Verschiedenartigkeit von Konfessionen sprechen. Warum sollten wir in Deutschland dann nicht auch von muslimischen Konfessionen reden?

    Wir alle hätten damit die Chance, unsere Debatten an der Realität und nicht an missverständlichen Begriffen entlang zu führen. Im Übrigen könnte dies der Weg sein, der uns näher an die bislang kaum lösbare Aufgabe heranbringt, wie muslimische Religionsgemeinschaften einen Ort innerhalb des etablierten rechtlichen Verhältnisses von Staat und Religion finden. Denn alle Anerkennungsdebatten – vom Religionsunterricht über die Kirchensteuer bis zur Krankenhausseelsorge – scheitern an der Tatsache, dass „der“ Islam nicht mit einer Stimme spricht. Wie sollte er auch, wenn es ihn in dieser pauschalen Form gar nicht gibt?


    • Fünftens: Lasst uns Religionsgemeinschaften in die Pflicht nehmen; sie sind selbst gefordert, ihr Verhältnis zum Staat und zur Gesellschaft zu klären, das kann ihnen niemand abnehmen.

    Der Staat kann keiner Religionsgemeinschaft die Aufgabe abnehmen, ihr Bekenntnis und ihre Struktur zu definieren. Muslimische Religionsgemeinschaften in Deutschland sollten in der Frage der Anerkennung als Religionsgemeinschaft nicht ständig auf den Staat verweisen. Sie müssen sich selbst entsprechende Strukturen geben. Das kann ihnen niemand abnehmen – kein Beiratsmodell, kein runder Tisch, keine Islamkonferenz.

    Der Staat sollte jedoch muslimische Gemeinschaften dabei unterstützen, diesen Weg im Einklang mit unserer Verfassung zu gehen. Muslimisches Leben auf dem Boden unseres Grundgesetzes und unserer Werte wird schon heute millionenfach gelebt.

    Es ist also durchaus möglich, beides zusammenzubringen. Dazu gehört auch, dass Muslime – ohne Wenn und Aber – stets aufs Neue aufgefordert sind, Tendenzen gegen unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung innerhalb der eigenen Religionsgemeinschaft im Blick zu behalten. Die Frage nach der Auslegungsfähigkeit und -bedürftigkeit des Koran gehört zweifelsohne hierzu. Genauso wichtig finde ich, dass sich muslimische Gemeinschaften kritischer und wahrnehmbarer mit der Frage auseinandersetzen, wie es sein kann, dass die eigene Religion immer wieder als Rechtfertigung von Gewalt und Extremismus missbraucht wird.

    Die CDU Deutschlands lädt derzeit im Rahmen unseres Grundsatzprogrammprozesses alle dazu ein, sich diese und andere Fragen zu stellen. Wir können, ja müssen diese Debatte mutig und selbstbewusst statt ängstlich und abwehrend führen. Statt gegeneinander und vergangenheitsbezogen miteinander und nach vorne gerichtet darüber zu sprechen, wie wir es in Deutschland mit der Religion halten, das ist ein lohnendes Thema nicht nur zum Katholikentag.

    🔵 Die Autorin ist Generalsekretärin der CDU.

    aus: DIE WELT S. 7 v. 11.05.2018 © Axel Springer SE. Alle Rechte vorbehalten.

    ______________________________________

    ja - da hat die neue cdu-generalsekretärin ja irgendwo recht: wir können die vermeintlichen und plakativen "andersartigen" fehler der muslime unter uns vielleicht eher beschreiben und begründen - als wir unseren persönlichen christlichen restglauben noch irgendwie auf die reihe kriegen. die meisten protestanten, die konfirmiert wurden, wissen vielleicht noch die summe der geldgeschenke am tag der konfirmation - vpn papa, mam, opa, oma, patentante, patenonkel, doch beim 23. psalm geraten sie schon schwer ins stocken - und selbst beim vaterunser wäre ein spickzettel schon ganz hilfreich ... - und erst ein persönlicher "glaube" - den zu definieren überfordert die meisten - aus einfacher ungeübtheit - aus mangelndem "training" und nachdenken darüber.

    im alter, wenn der tod allmählich mal anklingelt, tut sich da schon eher etwas: aber entweder: dann ist eben alles aus, dann sollen sie mich eben verscharren oder verbrennen - mir eh egal - gut wäre ein selbstbestimmter tod wie in den niederlanden oder in der schweiz -  oder doch schon differenzierter: wenn es mal mit mir zu ende geht, würde ich gern in einem christlichen hospiz begleitet ...

    sehen sie - und schon brennen all diese fragen plötzlich unter den nägeln - und dann geht es auch "um den öffentlichen raum": um den gedenkstein oder das marmorkreuz auf dem grab - um sarg oder urne - um liegezeiten - um den teddy vom enkel als letzten gruß auf dem friedhof - oder um seebestattung oder anonymes gräberfeld im friedwald ... - alles auch nach dem tod ganz existenziell - und ethisch-moralisch eine nuss zu knacken und ein problem zu lösen ...

    und wie gesagt - spätestens dann holt uns der persönliche glaube wieder ein - und unser ur-vertrauen auf gott - ER WIRD'S WOHL MACHEN ... - S!

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  • 05/11/18--12:34: gähn



  • Das war’s

    Die Saison ist vorbei, und alles ist wie immer: Bayern Meister, und der HSV kämpft gegen den Abstieg. Und doch, es gibt Neues: Drei Thesen zur zu Ende gehenden Spielzeit. Warum die Liga schwächer ist, als sie glaubt, warum Bayern einen Spirit hat und warum die Fans rebellieren

    Selbstzufrieden und verzagt

    Die Bundesliga ist spitze. Sie ist spitze darin, Fans in die Stadien zu locken. Das war’s dann aber auch schon mit der Vormachtstellung in Europa. Hierzulande gibt es nun mal ein ewig treues Eventpublikum, das zur Belustigung nicht viel braucht: Ein rollender Ball, die Stadionwurst für dreifuffzich und die Vereinshymne als Stimmungspusher vorm Spiel reichen meist schon, um den Stadiongänger in einen präorgiastischen Taumel zu versetzen. Schnell findet der deutsche Sportfan sein kleines 90-Minuten-Glück, das auch das Glück vieler Bundesligamanager zu sein scheint. Sie sind ähnlich gepolt wie der Kurvenfan. Ihnen reicht, was da ist.

    Wenn die Führung von, sagen wir, Borussia Mönchengladbach froh darüber ist, den großen FC Bayern ein wenig „geärgert“ zu haben, am Ende aber trotzdem mehr als deutlich verliert, dann sagt das alles über diese Liga der Mediokren und Verzagten: Sie haben sich längst in ihr Schicksal gefügt, die Verhältnisse anerkannt. Sie rebellieren nicht gegen das Dominanzprinzip der Bayern, dabei sollten sie es tun. Und nicht nur sie. Alle Klubchefs sollten sich um die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit der Bundesliga sorgen, aber man tröstet sich mit einem Drops, der schnell gelutscht ist: Ist der Abstiegskampf nicht irre spannend? Haben wir nach der Premier League nicht die umsatzstärkste Liga in Europa? Und ist es nicht auch die ausgeglichenste Liga, weil wir diese supertolle 50+1-Regel haben, die uns vor Oligarchen aus Russland und so schützt?

    Kann schon sein, aber auch das ist eine Frage der Perspektive. Wenn man den Zoom etwas aufzieht und ganz Europa in den Blick nimmt, dann bekommt diese dufte Bundesliga etwas Scheinriesenhaftes. Die Statistiken belegen das gnadenlos: Unter den Top-15-Klubs in Europa befinden sich nur zwei deutsche Vereine. Heuer wird die Bundesliga in der Uefa-Fünfjahreswertung auf dem Niveau von Österreich und nur auf Platz sechs die Saison abschließen. Vor allem die Bilanz in der Europa League war zuletzt verheerend. Die Klagen über die besitzstandswahrende Bundesliga werden lauter; Löw, Hitzlsperger, Kind oder Hummels haben nur das allzu Offensichtliche benannt.

    Man muss das nicht gut finden, aber will die Liga vorn mithalten, braucht es einen globalistischen Ansatz. Das hat der FC Bayern erkannt. Schon vor Jahren. Markus Völker

    Loblied auf die Bayern

    Das kann subjektiv sein oder nicht nur, jedenfalls war für mich als Stadionfußballfan diese Bundesligasaison ein Jahr des Weniger-Fußballs und eines zu geringen Erlebnisfaktors. Man versteht ja, warum der Kovac- und Dardai-Fußball derzeit so flächendeckend ist. Und selbstverständlich ist das auch eine Art Kunsthandwerk. Nur spürt man im Stadion einfach weniger, wenn man nicht ausschließlich sieg- oder punktorientierter Follower eines dieser Teams ist. Und irgendwann denkt man vermutlich, Fußball sei halt so.

    Aber dann kam der Abend, an dem der richtige Stoff ausgegeben wurde. Der FC Bayern im Rückspiel des Champions-League-Halbfinales bei Real Madrid. Ein ständiges Kurzpass-Geflippere in einem Tempo und mit einer Präzision, dass man gar nicht wegschauen konnte, weil immer was passierte. Und da dachte ich (vor dem Fernseher): Aaah, daaas ist Fußball.

    Nun wird der kapitalismus- und kommerzialisierungskritische Einwand selbstredend sein, dass die Bayern nach 20 Jahren Champions League das Geld haben, um sich durchgehend höchstqualifiziertes Personal zu leisten, und die anderen Bundesligisten abgeschlagen sind. Stimmt, aber das verfehlt meinen Punkt. Viel Geld ist die Grundlage, aber dann braucht man einen Fußballstil, der Erfolg und Ästhetik zusammendenken kann, auf Ballbesitz angelegt, aber nicht dogmatisch, sondern variabel.

    Dazu als Drittes, das ist die am meisten unterschätzte Tugend der Bayern, einen ganz großen Spirit. In alten Denken wird das als Identifikation mit dem Klub, der Stadt, den Fans verstanden. Perdu: Den Spitzenfußballer muss man von der Idee überzeugen. Diese Identifikation mit der Idee hat Josep Guardiola den Bayern-Profis beigebracht und so macht das auch Jupp Heynckes. Den Spirit spürt man von Ribéry bis James. Die Bayern gewinnen ihre Bundesliga­spiele eben nicht „nebenbei“, sondern weil sie jedes Mal mit dem Spirit auflaufen, zu gewinnen. Es war berührend, wie Thomas Müller nach dem Aus in Madrid mit seinem Clownsgesicht das Fernsehmikrofon nicht mehr verlassen konnte, weil er das Spiel der Bayern und das Ergebnis nicht zusammenbrachte. In diesem Moment spürte man, was er spürte: Das war ganz großer Fußball.

    Peter Unfried - taz v. 12./13.05.2018 - s. 38 - chanz weit hinten



    ist das nicht traurig ? da erscheint diese taz mit dem obigen artikel am abend des 11.05. - und morgen - am 12.05. - ist erst bundesliga-schluss. aber man darf schon wieder mal getrost schreiben, dass die "bayern" meister sind ... - wie immer - wie all die jahre ...
    poooahhhh eeeei - ist das langweilig! warum gehen da sooooviele noch hin: gute 450.000 jedes wochenende - ohne jede spannung: und endlich wird auch mal der hsv absteigen, der das ja auch schon in den letzten jahren geübt hatte - der dino unter den bundesligavereinen: aber alles hat ein ende - nur die stadion-bratwurst hat zwei ...
    wie kann man für solche langeweile und lustlosigkeit soooviel knete ausgeben und einsacken ... ??? - die spinnen - die deutschen ... - und dieser post ist gähn ... S!

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  • 05/12/18--14:23: kreuz
  • Monika Grütters, 56, gehört zu jenen Politikerinnen, die sich schon immer offen zu ihrem Glauben bekennen und den Streit darüber nicht scheuen. Die in Münster geborene CDU-Frau ist Staatsministerin für Kultur und Medien. In ihrem Büro im Kanzleramt hängt ein Kreuz - Foto Hermann Bredehorst | aus DIE ZEIT








    Glauben und Zweifeln ·  Monika Grütters

    Wie viel Religion verträgt die Demokratie?


    Das hängt ganz davon ab, wie viel Demokratie die Religion verträgt! Ein Plädoyer für das Bekenntnis zum Kreuz – an der richtigen Stelle

    Es ist schon ein Kreuz mit der Religion, mit der christlichen Religion: Wo sie im öffentlichen Leben sichtbar Präsenz zeigt, gelten mancherorts gleich Weltoffenheit und Toleranz als gefährdet. Wo sie dagegen aus dem öffentlichen Leben verschwindet, ertönt das Klagelied vom Untergang des Abendlandes. Das zeigt sich nicht erst im jüngsten Kreuz-Streit.

    Zwei Beispiele. In Hamburg steht seit Langem das Theaterstück Unterwerfung auf dem Programm: die Adaption des gleichnamigen Romans von Michel Houellebecq. Als Bühnenbild dient ein überdimensionales, sich ständig bewegendes, ja buchstäblich ins Wanken geratenes Kreuz – genauer: ein Kreuz, das es nicht gibt. Es ist ein Hohlraum in Kreuzform, eine kreuzförmige Lücke in einer schwarzen Wand, in der Houellebecqs Hauptfigur François sich einrichten muss. Das abwesende Kreuz wird zum Schauplatz der Krise westlicher Werte, es steht für die Kapitulation einer christlich geprägten Kultur vor der Islamisierung des Abendlandes, es ist eine Dystopie. Sie brachte dem Autor, dessen Roman ausgerechnet am Tag des islamistischen Terroranschlags auf das Satiremagazin Charlie Hebdo erschien, den Vorwurf ein, er schüre Islamophobie.

    Unter umgekehrtem Vorzeichen erhitzte das christliche Schlüsselsymbol im multikulturellen Berlin, der angeblichen »Welthauptstadt des Atheismus«, die Gemüter. Diesmal ging es nicht um ein abwesendes Kreuz, sondern um ein bald sehr präsentes Kreuz auf der Kuppel des Berliner Schlosses. Die Kritiker monierten: Damit könne das künftig im Schloss beheimatete Humboldt Forum als Museum der Weltkulturen keinesfalls Schauplatz kultureller Verständigung sein. Das Kreuz stehe für eine »Hierarchisierung der Kulturen und Religionen«. Es sei eine Geste der Überlegenheit.

    Ja, es ist ein Kreuz mit dem Kreuz! Beide Beispiele sind paradigmatisch für eine an kulturelle Selbstverleugnung grenzende Haltung, die in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen häufig zu beobachten ist. Sie erklärt jede Form der Rückbindung an das Eigene zum Anachronismus. Sie glaubt, damit der Toleranz gegenüber dem Anderen einen Dienst zu erweisen. Stattdessen aber stärkt sie jene Kräfte, die sie zu bekämpfen meint, nämlich die religiösen Fundamentalisten und Fanatiker, aber auch die Populisten und Nationalisten, jene also, denen gerade nicht an Toleranz und Verständigung gelegen ist.

    Demokratie geht anders. Sie lebt nicht von der Selbstverleugnung, sondern vom Diskurs, von der Auseinandersetzung, von der aktiven Verständigung auf gemeinsame Werte. Auch über das Kreuz müssen wir uns verständigen, man kann es nicht verordnen. Ich glaube nicht, dass man es quasi von oben herab über die Amtsstuben wieder in die Herzen hinein verpflichten kann.

    Warum tun wir uns mit dem Kreuz so schwer? Obwohl das Christentum de facto eine starke Kraft in unserer Demokratie ist. Obwohl Kirche kulturelle Identität weit über den Kreis ihrer Mitglieder hinaus schafft – und zwar seit 2000 Jahren, mit einer Prägekraft, wie sie keine zweite Institution je entwickelt hat. Obwohl die Kultur des Abendlandes ohne die enorme Inspirationskraft der christlichen Theologie um vieles ärmer an Geist und Sinnlichkeit wäre. Obwohl das soziale Engagement der Kirchen landauf, landab Zusammenhalt stiftet. Dennoch scheuen wir das öffentliche Bekenntnis zu den christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft.

    Vielleicht ist das auch ein Grund für die neue bayerische Aufregung über das Kreuz: Wer es nicht mehr gewohnt ist, sich zu bekennen, der neigt im Bekenntnisfall dann auch mal zu Unbeholfenheit und Übertreibung.

    Tatsache ist, dass Religion uns heute oft in ihren pathologischen Auswüchsen begegnet, entstellt von der Fratze des Fundamentalismus, verstörend durch Gewalt im Namen des Glaubens. Da scheint es bequem, Religion vollständig in die Privatsphäre zu verbannen, zumal die christlichen Kirchen ohnehin an Bindungskraft eingebüßt haben. Von einer »Entchristlichung der Gesellschaft« spricht das Institut für Demoskopie in Allensbach: Das Christentum sei in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr aus dem Leben der Deutschen verschwunden, und dies sei keineswegs der Einwanderung von Menschen aus anderen Kulturkreisen geschuldet. Nein, es seien die Christen selbst, die sich vom Glauben abgewandt hätten.

    Ich selbst erlebe diese »Entchristlichung« immer wieder, wenn ich Schülergruppen aus meinem Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf im einstigen Ost-Berlin durch den Deutschen Bundestag führe. Im Andachtsraum des Reichstagsgebäudes frage ich manchmal in die Runde, wer getauft sei. Da kam es schon vor, dass von 26 Jugendlichen ein einziger die Hand hob und sagte: »Ich glaube, ich.« Einer von 26! Und der war sich noch nicht mal sicher! Da hat die SED-Diktatur ganze Arbeit geleistet.

    Muss man Christ sein, um diese kulturelle Unbehaustheit mit Sorge zu sehen? Wer Houellebecqs Unterwerfung gelesen oder auf der Bühne gesehen hat und im erbärmlichen Opportunismus der Hauptfigur das Zerrbild einer spirituell abstinenten, bindungslosen, genusssüchtigen Gesellschaft erkannt hat, der weiß, dass die »Entchristlichung der Gesellschaft« dem Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft nicht zuträglich ist.

    Wie also positioniert eine demokratische Gesellschaft sich heute zur Religion: mit selbstbewusstem Bezug auf die eigene Geschichte und Identität? Oder in bewusster Distanz zu allen Religionen und Weltanschauungen? Kurz: Wie viel Religion verträgt die Demokratie?

    Ich glaube, dass nur eine Gesellschaft, die ihre eigene Identität pflegt, dem Fremden Raum geben kann, ohne sich bedroht zu fühlen. Deshalb hängt in meinem Dienstbüro ein Kreuz. Für mich gehört das Kreuz ins Kanzleramt, weil es Zeichen meiner inneren Orientierung ist, weil es mir Halt gibt. Bekenntnis zum Eigenen, das bedeutet für mich persönlich, auch Glaubensüberzeugungen in demokratische Debatten einzubringen. Ich denke dabei an das berühmte Petrus-Wort: »Steht jedem Rede und Antwort, der nach der Hoffnung fragt, die Euch erfüllt.« Die Kirche ringt um Antwort auf letzte Fragen, sie lenkt den Blick über Vordergründiges hinaus. Mir hat es oft geholfen, im Glauben verwurzelt zu sein, zum Beispiel im Zusammenhang mit der so genannten Ehe für alle: Selten ist mir eine politische Entscheidung so schwer gefallen. Aber am Ende habe ich im Deutschen Bundestag für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare votiert – nicht obwohl, sondern weil ich katholisch bin.

    Aus meiner Sicht bleibt zwar die Ehe zwischen Mann und Frau, bleibt eine Familie mit leiblichen Kindern immer noch etwas anderes als eine gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaft. Aber als Christen sind wir aufgefordert, das Verbindende über das Trennende zu stellen. Was heterosexuelle und homosexuelle Menschen verbindet, ist der Wunsch, für einen geliebten Menschen einzustehen, sich dauerhaft zu binden und ein sichtbares Zeichen der Liebe und Treue zu setzen.

    Natürlich ist es in der demokratischen Politik, im Bemühen um Kompromisse, nicht immer einfach, zu religiösen Überzeugungen zu stehen. Doch als gläubige Christen müssen wir den Kernsatz unserer Verfassung »Die Würde des Menschen ist unantastbar« lebendig halten. Er hat seine Quelle im christlichen Glauben, in dem der Mensch Ebenbild Gottes ist und jeder Mensch dieselbe Würde hat. Ich bin Angela Merkel bis heute dankbar, dass sie angesichts einer drohenden humanitären Katastrophe im September 2015 christliche Werte wie Barmherzigkeit zum Leitbild ihrer Flüchtlingspolitik gemacht hat – bei allen Risiken, mit denen diese Entscheidung verbunden war. Schlimmer, als daran zu scheitern, wäre, es nicht einmal versucht zu haben!

    Christliche Wurzeln geben aber nicht nur dem Einzelnen Halt. Unsere vom Christentum geprägte Geschichte prägt auch unsere demokratische Kultur der Verständigung. Verständigung erfordert ein Bewusstsein der eigenen Identität: Klarheit darüber, was uns ausmacht als Deutsche und als Europäer. Verständigung erfordert aber auch, das Verbindende über das Trennende stellen zu können: das Menschliche über die Unterscheidung zwischen religiös und nicht religiös, zwischen deutsch und nicht deutsch, zwischen weiblich und männlich, zwischen muslimisch und christlich. Wie schwer wir uns in Deutschland und Europa über Jahrhunderte ebendamit getan haben, wie oft wir versagt haben, mit wie viel Krieg und Gewalt unsere Freiheit bezahlt ist, sollten wir nicht vergessen. Das Jahr 2018, das wir 400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges und 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges als Europäisches Kulturerbe-Jahr feiern, erinnert uns daran.

    In der deutschen Rechtsprechung wird die Auffassung vertreten, dass der Staat religiös strikt neutral zu sein habe. Doch es gibt auch Juristen, denen die Einhegung der Religion auf die Privatsphäre »unterkomplex« erscheint. So sprechen Karl-Heinz Ladeur, emeritierter Professor für Öffentliches Recht an der Universität Hamburg, und Ino Augsberg, Professor für Rechtsphilosophie an der Universität Kiel, vom »Mythos der Neutralität des Staates«. Insbesondere die christlichen Religionsgemeinschaften erzeugen und reproduzieren »einen Bestand von Gedanken, Verhaltensmustern, Werten und Verfahren«, der die Navigation der Gesellschaft erleichtere. »Deshalb lassen sich die kulturellen Leistungen auch nicht einfach säkularisieren.« Ich bin froh, dies auch einmal aus der Feder einschlägiger Juristen zu lesen. Die Autoren leugnen natürlich nicht, dass auch Nichtchristen, also Andersgläubige, Agnostiker und Atheisten jeweils aus ihrem Glauben oder ihrer Weltanschauung heraus demokratische Werte bejahen und leben. Doch aus meiner Sicht fördern eine strikte religiöse Neutralität des Staates und eine vollständige Privatisierung der Religion eben nicht Toleranz und Weltoffenheit.

    Religiöse Neutralität im Sinne schlichter Indifferenz kann sich unser Rechtsstaat sich nicht leisten – zumal in der Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsfuror religiöser Fundamentalisten. Der eigene Standpunkt ist hier genauso wichtig wie die daraus erwachsende Offenheit für das Andere in einer globalisierten Welt. Umgekehrt dürfen und müssen wir die Offenheit für das Andere von allen Religionen einfordern. Wir sollten liberalen Muslimen im Ringen um einen demokratiefähigen Islam den Rücken stärken. »Toleranz und Anerkennung des anderen sind Grundwerte, die nicht von allen Muslimen verinnerlicht worden sind«, erklärte Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität meiner Heimatstadt Münster. »Wir müssen lernen, konstruktiv mit Vielfalt umzugehen und sie aktiv zu schützen.« Solche Bemühungen, für die Mouhanad Khorchide wie auch die muslimische Frauenrechtlerin Seyran Ateş stehen, verdienen jede nur mögliche, auch politische Unterstützung.

    Demokratie braucht nicht nur eine Kultur des Glaubens, sondern auch eine Kultur des Zweifelns. Deshalb ist neben der Religionsfreiheit auch die Meinungsfreiheit konstitutiv für eine Demokratie. Sie verhindert, dass intellektuelle Trägheit, argumentative Fantasielosigkeit und politische Bequemlichkeit die Demokratie einschläfern. Sie schützt die Demokratie vor (religiösen und politischen) Fundamentalisten. Man kann sagen: Wie viel Religion die Demokratie verträgt, hängt davon ab, wie viel Demokratie eine Religion verträgt.

    Den Glauben wie auch den Zweifel zu kultivieren – davon lebt Demokratie. Als Christen sollten wir es deshalb nicht zulassen, dass Religion und Glaube in die Abgeschiedenheit des rein Privaten verdrängt werden. Wir sollten vielmehr den Mut haben, uns auch unter Andersdenkenden selbstbewusst zu bekennen. Dialogfähigkeit erfordert ja nicht Standpunktlosigkeit. Im Gegenteil: Verständigung braucht Haltung. Dann müssen wir Christen auch den Streit um das Kreuz nicht scheuen. Eine streitfreudige Demokratie verträgt eben jede Menge Religion.

    Der Essay beruht auf einer Rede, die Monika Grütters anlässlich der Konferenz »Zukunft der Religion« von ZEIT und ZEIT-Stiftung in Hamburg gehalten hat

    Text u. Foto: DIE ZEIT - Nr. 20 - 09.Mai 2018 - S. 54


    wenn sich hier monika grütters zu ihrem kreuz bekennt in ihrem büro in berlin - spornt mich das ebenfalls an, zum wiederholten maße mein kreuz vorzustellen - was hier, vielleicht 60 cm luftlinie von der tastatur des pc's entfernt, auf dem ich diesen text tippe, auf der fensterbank steht: es ist ein hoffnungsvolles auferstehungs-, himmelfahrts- und pfingstkreuz, das den karfreitag überwunden hat - ein afrikanisches makondekreuz aus schwarzem holz - vielleicht sogar ebenholz - und statt des gedemütigten und zerschlagenen christus-korpus steigen hier gebende und weisende hände auf am stamm - und breiten sich zur umarmung nach links und rechts aus - und in der mitte eine friedenstaube bzw. das symbol des heiligen geistes, von oben aus einer weiteren hand herabgesandt ...

    mich regt dieses kreuz zur persönlichen meditation an - immer wieder neu: dazu, was quasi auch mit diesem marterwerkzeug jesu uns mitgeschenkt ist, diese hoffnung im leid, diese umkehrung der symbolik ... aber ein solches kreuz ist doch auch keine massenware, die nun in bayerischen amtsstuben auf anordnung vernagelt wird ... - es ist ein individuelles zeichen - für mich ein symbol, um gegen den strom zu denken - und aus jedem dogmatischen mainstream auszubrechen - danke ... - S!

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  • 05/12/18--23:58: esc
  • 1. NETTA: TOY 4. MICHAEL SCHULTE: YOU LET ME WALK ALONE

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  • 05/14/18--12:36: jenes andere land ...




  • erinnern sie sich noch - das gedicht von günter grass - vor 6 jahren: 

    mein gott - was hat das damals ausgelöst:
    "antisemitismus" wurde geschrien - und grass wurde zur unerwünschten person für israel deklariert ...

    heute - zum 70. geburtstag des staates israel - an dem us-"präsident" trump die botschaft der usa von tel aviv nach jerusalem verlegen ließ
    und mit gleicher post das atomabkommen mit teheran aufgekündigt hat - entpuppen sich die warnungen günter grass' von damals
    zu einer durchaus gefährlichen und weitsichtigen prophetie - wenn man dann noch die ausgelassenen veitstänze von bibi netanyahu und den hardlinern in israel vor
    augen geführt bekommt - jetzt - wo auch die aufgehetzten palästinenser wieder rumrumoren und prompt
    knallhart was vor's maul bekommen - ganz unchristlich sogar: auge um auge - zahn um zahn ...

    menschen von einem ganz anderen kaliber als der literaturnobelpreisträger und damals ca.16- bis 18- jahre alte ehemalige wehrmachtssoldat günter grass (1927-2015) - gott hab ihn selig -
    warnen plötzlich auch vor der ganzen glutheißen entwicklung dort - und haben angst vor einer unaufhaltsamen eskalationsschraube ...

    in diesem allseitig schwelend-glühenden pulverfass: syrien, saudi-arabien, iran, israel, russland, türkei, kurdistan, usa - und die von deutschland finanzierten und an israel ausgelieferten 
    u-boote mit atomaren sprengkopf-abschussmöglichkeiten aus kiel - und die waffenlieferungen deutschlands an die saudis, die sehenden auges noch der außenminister gabriel 
    schwungvoll unterzeichnete - und dann die milliardenschweren €uro-flüchtling-deals mit der türkei (hier verbunden mit waffenlieferungen trotz störungenh in der großwetterlage), dem libanon, libyen - und und und ...




    da braut sich etwas zusammen: und wir können nur beten ... 

    Günter Grass - Selbstbildnis




    DAS GEDICHT VON GÜNTER GRASS

    Was gesagt werden muss

    VON GÜNTER GRASS - AKTUALISIERT AM 04.04.2012 - FAZ


    „Warum schweige ich, verschweige zu lange,
    was offensichtlich ist und in Planspielen
    geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
    wir allenfalls Fußnoten sind.

    Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,

    der das von einem Maulhelden unterjochte
    und zum organisierten Jubel gelenkte
    iranische Volk auslöschen könnte,
    weil in dessen Machtbereich der Bau
    einer Atombombe vermutet wird.

    Doch warum untersage ich mir,

    jenes andere Land beim Namen zu nennen,
    in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
    ein wachsend nukleares Potential verfügbar
    aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
    zugänglich ist?

    Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,

    dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
    empfinde ich als belastende Lüge
    und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
    sobald er mißachtet wird;
    das Verdikt „Antisemitismus“ ist geläufig.

    Jetzt aber, weil aus meinem Land,

    das von ureigenen Verbrechen,
    die ohne Vergleich sind,
    Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
    wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
    mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
    ein weiteres U-Boot nach Israel
    geliefert werden soll, dessen Spezialität
    darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
    dorthin lenken zu können, wo die Existenz
    einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
    doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
    sage ich, was gesagt werden muß.

    Warum aber schwieg ich bislang?

    Weil ich meinte, meine Herkunft,
    die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
    verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
    dem Land Israel, dem ich verbunden bin
    und bleiben will, zuzumuten.

    Warum sage ich jetzt erst,

    gealtert und mit letzter Tinte:
    Die Atommacht Israel gefährdet
    den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
    Weil gesagt werden muß,
    was schon morgen zu spät sein könnte;
    auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
    Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
    das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
    durch keine der üblichen Ausreden
    zu tilgen wäre.

    Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,

    weil ich der Heuchelei des Westens
    überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
    es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
    den Verursacher der erkennbaren Gefahr
    zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
    gleichfalls darauf bestehen,
    daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
    des israelischen atomaren Potentials
    und der iranischen Atomanlagen
    durch eine internationale Instanz
    von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

    Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,

    mehr noch, allen Menschen, die in dieser
    vom Wahn okkupierten Region
    dicht bei dicht verfeindet leben
    und letztlich auch uns zu helfen.“






























    ... und click here

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  • 05/14/18--23:23: geld stinkt nicht


  • Özil - Merkel 2010





    GELD STINKT NICHT ...




    Özil - Erdogan 2018


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  • 05/15/18--04:06: befreiung



  • KULTUR

    Nur echt mit Neo-Rauch-Gelb

    Von Marc Reichwein | DIE WELT

    Die teuersten deutschen Maler der Gegenwart haben alle bei Arno Rink studiert. Nun rückt eine Ausstellung den Mentor in den Vordergrund


    Die Witwe ist auch da. Kupferrotes Haar und elegantes Schwarz, dunkle Sonnenbrille. Ihr Mann, Arno Rink, ist im September 2017 gestorben. Er hat die Ausstellung „Ich male!“ im Leipziger Museum der Bildenden Künste nur noch teilweise mit kuratieren können.

    Die dunkle Sonnenbrille muss wohl sein. Ein bisschen will sich Christine Rink ja auch schützen. Die nackte Frau auf fast allen Rink-Leinwänden, das ist immer sie. „Darf man in Zeiten der ‚MeToo‘-Debatte ja auch mal betonen“, sagt Alfred Weidinger, der Direktor vom Leipziger Museum der Bildenden Künste zur Eröffnung.


    Arno Rink inmitten seines Ateliers - Bildquelle. monopol-kunstmagazin


    Eine Arno-Rink-Retrospektive ist nicht selbstverständlich. Es musste mit Weidinger erst ein Österreicher Direktor im städtischen Kunstmuseum von Leipzig werden, um Arno Rink die Ausstellung zu bescheren, die sein berühmtester Schüler – just saying: Neo Rauch – längst gehabt hat.


    Arno/Neo. Rink/Rauch. Schon die Namen klingen ähnlich. Dass Arno Rink der Urahn von Neo Rauch ist, kann man auch sehen: an gewissen Kompositionen, den rätselhaften Gestalten, am meisten aber in den besonderen Farbakzenten. Rinks grelles Gelb ist eine Farbe, die definitiv auch bei Neo Rauch anzutreffen ist. Vielleicht steigen die Preise von Rink jetzt ja noch ein bisschen? In einschlägigen Sammlungen ist er längst vertreten. Dass die Rinks aus Wien, Berlin, aus dem Frankfurter Städel oder der Moritzburg in Halle zahlreich nach Leipzig reisen durften, liegt auch daran, dass sich Rink selbst diese Leihgaben quasi-testamentarisch gewünscht hat. Rund 200 Gemälde, von denen man jetzt rund 60 in Leipzig sehen kann, umfasst das Rink-Œuvre. Da kann man schon mal ein Ausrufezeichen in den Titel der Ausstellung setzen: „Ich male!“

    Als Professor und Rektor der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) hatte Arno Rink, Jahrgang 1940, immer einen Namen, aber vielleicht nicht in erster Linie als Künstler, sondern als Lehrer und Mentor. Kunsthistorikerkreise kennen und schätzen Rink als Wegbereiter der figurativen Malerei. Man kann in ihm das entscheidende Bindeglied zwischen der Generation eines Bernhard Heisig, Wolfgang Mattheuer, Werner Tübke und der Neuen Leipziger Schule der Nachwendezeit sehen: Neo Rauch, Tim Eitel, Matthias Weischer, David Schnell et cetera.

    Im Rink-Werdegang und Werk spiegelt sich die Emanzipation der DDR-Kunst vom sozialistischen Realismus exemplarisch wider: Rinks Frühphase – inklusive seiner eigenen Diplomarbeit, dem Gemälde „Lied vom Oktober II“ zur Russischen Revolution 1917 – bedient noch ganz das, was vom System gewollt und gefragt war. Die politischen Sujets setzen sich mit „Canto Libre“ (Pablo Neruda im Kuba- und Chile-Kontext) fort und führen über erotisch-mythologische Motive zu Rinks besonderer Vorliebe für komplexen Bildaufbau. Leitern, manchmal aber auch nur nicht getilgte Hilfsstriche regieren Rinks Kompositionen der frühen 80er-Jahre, während er später immer düsterer und dunkler wird. In „Die Nacht“ oder „Die Höhle“ sieht die Persönlichkeit psychisch schon sehr mitgenommen aus.

    Zu den stillen Sensationen von Arno Rinks Biografie gehört es, dass er vor und nach der Wende als Rektor der Leipziger HGB amtierte. Normalerweise gab es an ostdeutschen Hochschulen nur ein Amt danach oder davor, ein Entweder/Oder. In Zeiten, in den ein ganzes Land abgewickelt und evaluiert wurde, war Rink ein Zeichen seltener Kontinuität. Arbeiten wie die „Ministerprotokolle“ oder „Brennendes Atelier“ zeigen, wie nachhaltig Rink mit der hochschul- und kulturpolitischen Umbruchsituation befasst war. Eine andere Kunst als „Staatskunst“ gab es in diesem Staat namens DDR ja nie.

    Schon die ganzen 80er-Jahre müssen als krisenhafte Vorwendezeit gelesen werden: In einer von Nicola Graef gedrehten, sehr empfehlenswerten Dokumentation über Arno Rink (zu sehen in der Arte-Mediathek) verdichtet sich das ganze surreale Theater der DDR-Staatskunst in einer köstlichen Szene: 1987, große Begehung bei einer Ausstellung zeitgenössischer DDR-Malerei in Dresden. Arno Rink erklärt einem sichtlich desinteressiert dreinblickenden Honecker eines seiner Gemälde. Noch viel unvergesslicher lauscht Egon Krenz in der zweiten Reihe. Eine Schlüsselszene für eine Staatsführung, dem die Meinungshoheit über die Kunst längst entglitten war.

    Der drohende Exodus des Staates und der Kollaps des persönlichen Freundeskreises – durch Künstler, die von ihren genehmigten Reisen uns nichtsozialistische Ausland nicht mehr zurückkehrten, grundiert Rinks Werk. Melancholie, Trübsal und Rätselhaftigkeit der Vor- und Nachwendezeit finden ihre Entsprechungen in Farben, die bei Arno Rink nur selten einmal froh leuchten. Am besten ist er vielleicht wirklich da, wo er als Porträtist seinen Vorbildern Otto Dix und Max Beckmann nacheifert. Oder wo seine Kompositionen rätselhafte Schatten werfen, die sein Schüler Neo Rauch dann aufgehellt und greller, neonfarbener gemacht hat.

    Zu den historischen Verdiensten des Rektors Rink wird man zweierlei zählen dürfen: Zum einen hat er zu DDR-Zeiten Freiräume für die Malerei erhalten und kultiviert. Zum anderen hat er immer an seine Schüler geglaubt, gerade auch in der Nachwendezeit, als figurative Malerei – aus westdeutsch-abstrakter Perspektive – so außer Mode war wie die ganze DDR. Diese biografische Komponente stellt eine bedeutende Eigenheit im malerischen Schaffen Rinks dar – und wird in der Ausstellung prominent gewürdigt.

    Fast schon Performance-Charakter nimmt das Jahr 1982 an, in dem sich Rink von seiner Künstlermähne getrennt und fortan mit superkurz beziehungsweise kahl rasierten Schädel gelebt hat. Persönlich scheint Arno Rink alles andere als ein exzentrischer Typ gewesen sein. Im Gegenteil: „Die Liebe und Form der Zuneigung, die mein Mann von allen Seiten erfahren hat, ist einmalig – und kann nur damit zu tun haben, dass er keinen Neid kannte“, erzählt Christine Rink. Das sagt sich so leicht über einen Hochschullehrer, der erst mal gönnen können muss, wenn seine Schüler plötzlich reihenweise berühmt wurden – und berühmter als er selbst. Beim Rausgehen sagt die Witwe mit der dunklen Sonnenbrille: „Ich war Maria Magdalena, ich war eine von Lots Töchtern. Ich stand für so ziemlich alles Modell, was gerade gefragt war. Mehr kann man in einem Werk wirklich nicht vorkommen.“



    Arno Rinks Gemälde "Aufstieg 1" von 1985. Breitbeinig melancholisch im Bild sitzt der Maler selbst.
    Michael Ehritt/© VG BILD-KUNST BONN, 2018




    • Leipzig, Museum der Bildenden Künste. Bis 19. August.


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    das bild "aufstieg" hat mich gleich berührt - mal ganz abgesehen von der kunsthistorisch oder biografisch vielleicht "gemeinten" und formulierten politischen zeitgeist-deutung dieses 1985 entstandenen bildes - also 4-5 jahre vor der wende in leipzig entstanden.

    da trägt anscheinend jemand kopfüber herunterhängend einen hauchdünn in "neo-rauch-gelb" gewandeten realistisch ausgeformten weiblichen drahttorso mit schwarzer haarperücke an den beinen armunter eine leiter hinauf: und diese alptraumszene erinnert mich an einen ganz wichtigen schlüsseltraum in meinem leben: in dem ich ebenso kopfüber hinter mir her allerdings über den boden schleifend einen körper zog - die beiden beine unter jede armbeuge geklemmt, um den toten körper zu "entsorgen" - zu entsorgen aus meinem leben ... - aber nicht einfach die person verschwinden zu lassen - sondern besonders diese beherrschende und subtile "macht" und "beeinflussung" dieser person mein lebenlang: endlich weg damit --- auch im traum kamen da überhaupt keine skrupel hoch - und auch im traum wusste ich, dass ich in realität dieser person "ganz in echt" wieder gegenüberstehen würde ...

    aber sie hatte nun keine magische interventionskraft mehr - sie konnte mich nicht mehr "verhexen" - ich war nicht mehr moralisch von ihr abhängig - für mich war das eine ganze wichtige befreiung.

    als ich dann heute in der WELT diese abbildung aufschlug, kam mir in den sinn, ob arno rink sich auch mit dem "aufstieg" so etwas belastendes, drückendes von der seele gemalt hat - um sich von einer last zu befreien - bei aller melancholie und trauer, die das dann auch beinhaltet ...


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    "Nu couché (sur le côté gauche)" des italienischen Malers Amedeo Modigliani wurde bei Sotheby's versteigert.
    (Foto: picture alliance / -/Sotheby's/d - n-tv)


    Modigliani-Gemälde versteigert

    Ein Akt für 157 Millionen Dollar

    Das Auktionshaus Sotheby's bringt einen echten Modigliani unter den Hammer, rund 100 Jahre alt. Der Erlös liegt im dreistelligen Millionen-Dollar-Bereich. Nun will Konkurrent Christie's nachziehen.

    Ein Aktgemälde des italienischen Malers Amedeo Modigliani ist für 157 Millionen Dollar versteigert worden. Das Werk "Liegender Akt (auf der linken Seite)" von 1917 ist damit auch das teuerste versteigerte Gemälde in der Geschichte des 1744 in London gegründeten Auktionshauses Sotheby's. Der Höchstpreis von 170 Millionen Dollar für einen Modigliani wurde bei der Auktion allerdings verfehlt.

    "Nu couché (sur le côté gauche)" zeigt eine auf weißer Decke liegende Frau, die dem Betrachter den Rücken zuwendet und über ihre Schulter blickt. Modigliani (1884-1920) malte insgesamt 22 liegende nackte Frauen, die damals für einen Skandal in der Kunstwelt sorgten. Die meisten davon sind heute im Besitz von Museen. Der vorige Besitzer hatte für "Nu couché" 2003 nicht einmal ein Sechstel des jetzt erzielten Erlöses gezahlt. Pablo Picassos Akt "Le Repos", das seine Liebhaberin Marie-Thérèse Walter zeigt, wurde am Montag für fast 37 Millionen Dollar versteigert.

    Christie's nun am Zug
    Sotheby's-Konkurrent Christie's bereitete sich unterdessen auf die Versteigerung wertvoller Gemälde aus dem 20. Jahrhundert ab Dienstag vor. Bei zwei Kunstwerken - Kasimir Malewitschs "Suprematistische Komposition" und Constantin Brancusis Skulptur "La Jeune Fille Sophistiquée" - rechnete das Auktionshaus zuletzt mit einem Erlös von jeweils 70 Millionen Dollar.

    Für die Auktion eingeplant war ursprünglich auch Picassos wertvolles Selbstporträt "Le Marin". Dieses wurde bei letzten Vorbereitungen aber "versehentlich beschädigt" und musste zur Restaurierung von der Auktion zurückgezogen werden, wie Christie's mitteilte.

    Quelle: n-tv.de , bad/dpa


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    in diesem zusammenhang habe ich noch heute gelesen, wie lukrativ und krisensicher eine anlage in "kunst" ist - beim ersteigern eines gemäldes in einem auktionshaus. man kann das ersteigerte bild dann in einem gesicherten depot unterbringen oder es einem museum ausleihen - um es dann - nach ein paar jahren - wieder mit gewinn zu veräußern: also aus den 157 mio. für den modigliani-akt macht man dann z.b. 238 mio. - in ca. 6 jahren oder so - vielleicht - ...

    doch wenn sich dann die ideen des ollen beuys und seinesgleichen wie dem britischen inkognito-künstler "banksy" etwa - nach dem motto: "jeder ist künstler" - bzw. "kunst für alle" - raus aus den museen - rein in die pulsierende urbanität: kunst als möblierung und bespielung von mauern und plätzen und gebäuden und alleen und der seele - unschuldige gedichte der "konkreten poesie" an hochschulfassaden etwa (siehe gomringers "avenidas" in berlin)  - und - und - und: kunst - "illegal" - am rande der strafbaren "sachbeschädigung" - und/oder genau auf dem schnittpunkt des "kapitalistischen zugewinns", wenn man denn die graffities ordentlich abträgt, sichert und dokumentiert und konserviert, um sie der allgemeinheit zugänglich zu erhalten - und nicht bei nichtgefallen einfach überpinselt (siehe ebenfalls gomringers "avenidas" in berlin)...

    eine spannende entwicklung - und ein tatsächlicher angriff auf den turbo-kapitalismus: karl marx fliegt zum 200. geburtstag an einem strauß von gasballons über alle mauern und grenzen ... - S!

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    Foto: Handelsblatt-Werbung


    BANKSY

    Das Phantom mit Star-Status

    Graffiti-Sprayer finden in der Öffentlichkeit selten Anerkennung. Als Kunst werden ihre Bilder, Nachrichten und Zeichnungen in den wenigsten Fällen betrachtet. Auf einen trifft das jedoch nicht zu: auf Banksy.


    Kerstin Leitel | Korrespondentin des Handelsblatts. 


    Seine mit Hilfe von Schablonen, so genannten Stencils, angefertigten Graffitis werden rund um den Globus bewundert. Seit rund 30 Jahren tauchen Bilder, Szenen oder Sprüche von Banksy auf, verzieren Brücken, Häuser oder Straßenecken in London, Hamburg oder New York – und regen die Menschen zum Nachdenken an.

    Wie das Bild eines kleinen Mädchens, dessen herzförmiger, knallroter Luftballon gerade von ihm wegweht. 2002 tauchte das Graffiti am Londoner Themse-Ufer auf. Vergangenes Jahr wurde das „Girl with Balloon“ zum beliebtesten Kunstwerk Großbritanniens ausgezeichnet, noch vor den idyllischen Landschaften etablierter Künstler wie John Constable aus dem 19. Jahrhundert.

    Mittlerweile verziert das Motiv Postkarten und Kaffeetassen, Teenie-Star Justin Bieber hat es sich als Tattoo auf den Unterarm stechen lassen. Längst sind Banksys Werke nicht mehr Teil des Underground. Die Zeiten, in denen Hausbesitzer ihn verfluchen, sind vorbei: Wenn an der Fassade eines Gebäudes ein echter Banksy prangt, ist das für den Eigentümer wie ein Lottogewinn.

    Banksy ist ein Phänomen. Und doch ein Phantom.

    Trotz des Erfolgs ist nicht bekannt, wer Banksy ist. Ist es Robert Del Naja von der Band „Massive Attack“? Oder der unauffällige Grafikdesigner Robert Gunningham? Oder verbirgt sich hinter dem Namen Banksy eine Art Künstlerkollektiv? Sogar mit Hilfe einer Computersoftware, die Bewegungsprofile mit persönlichen Daten wie der Anschrift oder dem Arbeitsplatz abgleicht und die zur Verfolgung von Straftätern und Terroristen eingesetzt wird, wurde schon versucht, Banksys Identität herauszufinden – ohne Erfolg.

    Bei den seltenen öffentlichen Auftritten von Banksy verbirgt sich eine männliche Person hinter einer Papiertüte auf dem Kopf, Interviews führt Banksy schriftlich. Die Authentizität seiner Werke bestätigt ein Gremium – und auch das nur in seltenen Fällen. Viel weiß man daher nicht über Banksy, außer, dass er wohl aus der südenglischen Stadt Bristol stammt und Mitte 40 ist. In Zeiten, in denen derjenige ein Star wird, der möglichst viel von sich auf Instagram preisgibt, ist Banksy ein Exot. Das ist Teil seines Erfolgs, sagen einige. Doch das wird seiner Arbeit nicht gerecht.

    Selbst wenn seine Kunst von Kunstkritikern als „platt“, „populistisch“ und „mit der künstlerischen Tiefe eines Tweets“ deklassiert wird: Wenn plötzlich irgendwo auf der Welt ein neuer Banksy auftaucht, sind die Menschen begeistert. Trotz, oder gerade wegen der klaren Botschaft, die hinter den Bildern steckt.

    Banksy ist nicht schön, sondern deutlich. Und das mit Absicht. „Kunst darf laut, derb und eindeutig sein“, ist Banksys Motto. Ihm ist es egal, ob seine Werke gut ankommen. „Funktioniert ein Werk für mich, kann man mir das nicht nehmen“, sagt er in einem seiner seltenen Interviews. „Etwas Populäres ist nicht gleich böse oder geistlos“.

    Banksy verbindet in seinen Werken Realität mit Illusion, Schönes mit Hässlichem. Wie mit dem vermummten Demonstranten, der zum Wurf ausholt und in seiner Hand keinen Molotow-Cocktail hält, sondern einen Blumenstrauß. Oder dem aus „Les Misérables“ bekannten Mädchen, das Banksy eingehüllt hat in eine Wolke von Tränengas. Das Graffiti tauchte 2016 in London gegenüber von der französischen Botschaft auf, als Kritik an der Räumung des Flüchtlingslagers in Calais.

    Banksy habe eine besondere Gabe, urteilte das „Time“-Magazin vor einigen Jahren, als es den Briten zu einem der einflussreichsten Künstler aller Zeiten kürte: Er mache soziale und politische Statements mit Humor. „Er ignoriert Grenzen nicht, er überschreitet sie, um ihre Bedeutungslosigkeit zu beweisen“.

    Auf der Suche nach dem Phantom

    Nicht alle Werke von Bansky sind sozialkritisch. Wie die zierliche Verzierung eines Kanaldeckels mit dem Schattenriss zweier Damen, wodurch der eiserne Bogen des Deckels an eine romantische Brücke in Venedig erinnert. Oder das Stencil eines sichtlich verlegenen Roboters, der beim Sprayen eines Barcodes ertappt wird.

    Meist regt Banksy mit seinen Werken aber zum Nachdenken an. Und er will die Botschaft nicht verstecken – er will sie zeigen. „Wenn du in ein Museum gehst, bist du nichts anderes als ein Tourist, der die Trophäen einiger Millionäre anstaunt“, hat Banksy in einem seiner seltenen Interviews einmal gesagt.

    Seine Werke dagegen sind Teil des Alltags. Wenn sie in Museen stehen, dann allenfalls, weil Banksy sie dort hineingeschmuggelt hat. Wie die vermeintliche Höhlenmalerei, die er im renommierten British Museum in London anbrachte. Sie zeigte einen Mann, der einen Einkaufswagen schiebt und war beschriftet mit der Bemerkung, dass sie von einem Künstler stamme, „der im Südosten Englands beträchtliche Kunstwerke erschaffen hat und unter dem Spitznamen „Banksymus Maximus“ bekannt sei.

    Ein Großteil seiner Arbeit sei aber leider von „übereifrigen städtischen Mitarbeitern zerstört worden, die die Bedeutung seiner künstlerischen Arbeit an den Wänden nicht erkannt“ haben. Auch im British Museum ist der Banksy nicht mehr zu sehen. Was mit dem Stück passiert ist, ist nicht bekannt.

    Vor fünf Jahren, als seine Graffiti schon für mehr als eine halbe Million Dollar an Kunstsammler wie den Milliardär Mark Getty, US-Schauspieler Brad Pitt oder Leonardo DiCaprio verkauft wurden, baute Banksy in New York einen kleinen Verkaufsstand auf. Für 60 Dollar konnte man signierte Drucke erstehen: Ein Elefant mit Rakete auf dem Rücken, eine Ratte mit Presselufthammer oder einem Demonstranten, der einen Blumenstrauß wirft.

    Dass die Käufer sie einen „echten Banksy“ erstanden, wussten sie nicht. Erst einen Tag nach der Aktion machte sie der Künstler öffentlich. Banksys Kunst ist populär – im wahrsten Sinne des Wortes.

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